Auftritt
Nationaltheater Mannheim: Gefangen in den Illusionen der KI
„Es sagt, es liebt uns“ von Emre Akal (UA) – Regie Dennis Duszczak, Bühne Thilo Ulrich, Kostüme Frederike Marsha Koors, Musik Jan Preißler
von Elisabeth Maier
Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Dossier: Uraufführungen Dennis Duszczak Emre Akal Nationaltheater Mannheim

Der ewig nörgelnde Vater sitzt auf dem Sofa und tut, was er am besten kann. Mit seinem ständigen Ringen um Aufmerksamkeit setzt er die Tochter unter Druck. Seit seine Frau tot ist, verliert er den Halt. Emre Akals neues Stück „Es sagt, es liebt uns“ beginnt mit Bildern, wie man sie aus vielen Familienkonstellationen kennt. Care-Arbeit überfordert die Kinder. Gut, dass es Künstliche Intelligenz gibt, die diese lästige Pflicht übernimmt. Mo-Ni ist ein Pflegeroboter. Der Name steht für „Modular-Organische-Neuro-Intelligenz“ – und auch wenn alle die Frauengestalt mit dem „Dauerlächeln bei zwölf bis 14 Grad Mundwinkelhebung“ liebevoll Moni nennen, bleibt der Name nur eine Typbezeichnung.
Akal ist in dieser Spielzeit Hausautor am Nationaltheater Mannheim. Als Dramatiker und Regisseur arbeitet der 44-Jährige an der Schnittstelle von Digital-Installationen und Videokunst. Sein virtuoses Spiel mit der Wahrnehmung, mit flirrenden Bildkompositionen des 21. Jahrhunderts, blendet Regisseur Dennis Duszczak aus. Sein Fokus liegt auf den Menschen und auf dem, was die Technik mit ihnen macht.
In „Es sagt, es liebt uns“ liefert die Firma MR01 nicht nur den Roboter, der ständig dazulernt. In Akals Text ist dieser Prozess Triebfeder der Dramaturgie: „Triggern von emotionalen Rezeptoren. Speisen aus ‚Mutterdatenbanken!‘ In Klang, Spitzname und Körperhaltung.“ Möglichst genau soll der Roboter die verstorbene Mutter kopieren. In Duszczaks Regie kommen diese Informationen als Sprachfetzen auf dem Off. Die Chance, den digitalen Transformationsprozess und die Gefühle, die er erzeugt, auf die Bühne zu bringen, lässt dieser gar zu analoge Ansatz ungenutzt. Jan Preißlers Musik taucht die Szenerie in einen Nebel aus Unsicherheit und Angst. Mit der Bildersprache korrespondiert das kaum.
Das überdimensionale Sofa mit Kuschelzone und plüschigen Armlehnen prägt den Bühnenraum von Thilo Ulrich. In dieses aus der Zeit gefallene Wohnzimmer knallt Mo-Ni, der Pflegeroboter. Sarah Zastrau versucht erst gar nicht, die Illusion einer virtuellen Figur zu erzeugen. Ein „Es“, wie der Stücktitel suggeriert, ist diese Frau bestimmt nicht. Klug zeichnet die Schauspielerin den Prozess, wie das technische Konstrukt die Macht über die Familie übernimmt. Sie lässt ihre Künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickeln. Was es bedeutet, fremd in der Welt der Menschen zu sein, vermittelt Zastrau in den eindringlichen Sprach-Schichten.
Ihre starken Monologe schwächen auch die Lautsprecherplatten auf den Brüsten nicht, die sich am Ende in Qualm auflösen. Da hat Frederike Marsha Coors zu tief in die Kiste der Science-Fiction-Klischees aus den 1950er-Jahren gegriffen, improvisiert wie bei „Raumschiff Orion“.
Stark hat die Kostümbildnerin dagegen Herrn Lenz von der Firma MR01 gestylt. Fabian Dott ist ein aalglatter Geschäftsmann. Er verkauft den Pflege-Humanoiden ebenso wie den Traum vom sorglosen Leben im Alter. Die KI lernt, liefert und gaukelt den Menschen das Gefühl vermeintlicher Sicherheit vor. Dabei gelingt es Dott, die Zweifel dieser stark stilisierten Figur zu zeigen. Klug zeigt der Schauspieler gerade in den Augenblicken der Stille, wie das gnadenlose Geschäft mit der KI wirkliche Entwicklung hemmt.
Dass Mo-Ni eben doch nur ein Roboter ist, bringt der Vater auf den Punkt. Boris Koneczny versucht, eine erotische Beziehung zu dem Roboter aufzubauen. Doch da genügt es nicht, dass der oder die „Kartoffelsalat“ sagen kann. Den sozialkritischen Tiefgang von Akals Text arbeitet der Schauspieler scharf heraus. Alte Menschen werden mit Robotern ruhig gestellt, in Illusionen gefangen gehalten und ihres Lebens beraubt. Die Tochter ist froh, dass sie die Pflege outsourcen darf. Statt die Augenblicke der Liebe mit dem alternden Vater zu genießen, funktioniert Elodie Theres Toschek in Job und Gesellschaft. Und sie lässt sich von Mo-Ni einlullen. Die macht ihr die Steuererklärung, sortiert die Kleider und drängt die erwachsene Frau wieder in die Mutterrolle. Das komische Potenzial dieser Szenen kosten die Schauspielerinnen aus.
Das Mannheimer Auftragswerk „Es sagt, es liebt uns“ zeigt Emre Akals virtuoses Spiel mit der analogen Kraft der Bühne und den Möglichkeiten des Digitalen. Diese beiden Pole zu verknüpfen, ist Regisseur Dennis Duszczak nur bedingt geglückt. Sein Konzept setzt klar und konsequent auf die starken Figuren, die im digitalen Wandel zerrieben werden. Seine straffe Strichfassung engt zwar künstlerische Spielräume ein, die Akals Text öffnet. Die Botschaft wird aber umso deutlicher. Künstliche Intelligenz raubt den Menschen nichts weniger als das Leben.
Erschienen am 4.2.2026





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