Theater der Zeit

Auftritt

Theater Eisleben: Vom Panorama zum Panoptikum

„Haufen Uffruhr Fortschritt II“, Kammerspiel und multimediale Installation – Regie, Ausstattung & Dramaturgie cobratheater.cobra

von Michael Helbing

Assoziationen: Theaterkritiken Sachsen-Anhalt cobratheater.cobra Landesbühne Sachsen-Anhalt Lutherstadt Eisleben

Werner Tübke gab dem deutschen Bauernkrieg ein eigenes Bild im nahe gelegenen Bad Frankenhausen, Cobratheater.cobra widmet sich dem in „Haufen Uffruhr Fortschritt II“ als Kammerspiel.
Werner Tübke gab dem deutschen Bauernkrieg ein eigenes Bild im nahe gelegenen Bad Frankenhausen, Cobratheater.cobra widmet sich dem in „Haufen Uffruhr Fortschritt II“ als Kammerspiel.Foto: Sascha Linke

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Von der Wiederkehr des Immergleichen ist an diesem Abend wiederkehrend die Rede: in einer Bildbeschreibung zu Werner Tübkes „Bauernkriegspanorama“ in Bad Frankenhausen, mit dem sich das davon fünfzig Kilometer entfernte Theater Eisleben im Mansfelder Land seit bald einem Jahr auseinandersetzt – und das es jetzt auseinandernimmt. Für den Ewigkeitsgedanken Nietzsches sind sie wohl in eine von mehreren Deutungsschulen rund um Tübkes Welttheater in Öl gegangen.

Demnach dreht sich die Menschheit mal munter, mal müde weiter im Kreis. Unterm Strich hat sich nichts verändert, seit jenes monumentale Gemälde und das dafür entstandene Museum vor 35 Jahren eingeweiht wurden und seit die Deutscher Bauernkrieg oder auch Revolution des gemeinen Mannes genannten sozialen Erhebungen, die derart ins Bild gesetzt wurden, vor 500 Jahren zu nichts führten. Oder wie es nun auf Eislebens großer Bühne heißt: „Ich kann im Fortschritt keinen Fortschritt erkennen.“ Das stammt von Julius Christodulow, inzwischen ebenso wie die drei Kollegen als ein Schauspieler kenntlich gemacht, der an der Sinnhaftigkeit seiner Theaterexistenz zweifelt, nachdem er zunächst saftig als Bruder Thomas in Mönchskutte auftrat; Thomas Müntzer war 1523 im nahen Allstedt Pfarrer geworden, um hier bald darauf seine sogenannte Fürstenpredigt zu halten.

Ob Aufruhr oder, im Dialekt gesprochen, Uffruhr jetzt ein Gebot der Stunde sei und wie wahrscheinlich es ist, dass es dazu kommt, ist eine von sehr, sehr vielen Fragen an unsere Zeit wie auch an die Zukunft, die dieser Abend unbeantwortet in gleich mehrere Räume stellt. „Haufen Uffruhr Fortschritt II“ kommt als kaum vierzigminütiges Kammerspiel daher, gefolgt und umgeben von einer multimedialen Installation, bestehend aus einem digitalen, mit KI generierten Panorama und auch einem analogen sowie mit einer Video- und zwei Audio-Stationen.

Strukturell bedeutet das für das kleine Haus das Gegenteil einer ewigen Wiederkehr des Gleichen, im künstlerischen Ergebnis aber, jedenfalls von außen betrachtet, keinen erkennbaren Fortschritt. Es handelt sich um eines unter aktuell 26 von der Kulturstiftung des Bundes im Programm „Jupiter - Darstellende Künste für junges Publikum“ geförderten Projekten, in denen sich freie Szene und Stadttheater speziell für die Kinder- und Jugendsparte verbünden. Dritte im Bunde sind Dozenten und Studenten relevanter Ausbildungseinrichtungen.

Derart verschlug es Wanja van Suntum mit dem Kunstnetzwerk cobratheater.cobra nach Eisleben, wo sie mit dem Theater sowie der Kultur- und Medienpädagogik an der Hochschule Merseburg „Bauernkriegspanorama – eine Re-Komposition“ in Stadt und Land verantworteten. Sie veranstalteten offene Werkstätten für Schreiben, Zeichnen oder Fotografie, diverse Spaziergänge und Gesprächsformate. Rund 1000 Menschen sollen so daran beteiligt gewesen sein, Erinnerungen wie auch Erwartungen an das Leben zu formulieren: ein Drittel des Personals in Tübkes Panorama.

Aus der Material- und Datensammlung speist sich der Abend, zu dem Kinder und Jugendliche mehr beitrugen, als dass er sich nun an sie richten würde. Das kleine und ästhetisch reichlich konventionelle Schauspiel auf der Vorbühne ist selbst auch eine Sammlung: aller Ängste und Sorgen, Nöte und Probleme sowie aller Krisen, in denen wir uns bereits befinden oder denen wir entgegensehen.

Insofern sehen wir ein Welttheater im Kleingarten: dem von Jens Jenau (Oliver Beck), der durch nichts als ein niedriges Tor markiert wird. Bei dem mürrischen Endvierziger im Blaumann treffen unvermittelt drei Leute ein, deren Namen allein der Programmflyer verrät: Die woke Anna Lowe (Ronja Jenko) aus Westdeutschland und in Latzhose fühlt sich von Leerstand und verlassenen Orten im Osten inspiriert („Ich liebe Lücken“), Alma Mutig hat panisch ihren Rucksack gepackt, um im alten Kalischacht Fortschritt II im nahen Unterrißdorf das Eintreffen multipler Katastrophen auszusitzen („Der Weltuntergang ist kein Ausknipsen, sondern ein Elend über Jahrhunderte“), Julius Christodulow übt wutentbrannt für seine Rolle als Bruder Thomas. Jens Jenau, der meist Dialekt spricht, brummt bald der Schädel: „Das Reden fällt euch so leicht. Das is‘ verdächtig!“

Das Stück begegnet der allgemeinen Sprachlosigkeit und dem gegenseitigen Unverständnis, die wohl seine Grundmotive sind, mit einem floskelhaften und einigermaßen zusammenhanglosen Plappern. So überambitioniert die Figuren auf die Bühne treten, so wenig Kontur gewinnen sie dort, so wenig entsteht zwischen ihnen eine Spannung. „Wir haben die Kipppunkte doch alle schon längst erreicht“, sagt Alma einmal. Das klingt zwar dramatisch, aber aus dramatischer Sicht kippt in diesem Stück rein gar nichts. Als ein Lagerfeuer entfacht werden soll, sehen wir echte Funken schlagen, die Flammen aber müssen wir uns vorstellen. Dieses Bild fasst das Ganze noch am besten zusammen.

Mittendrin setzt ein Laienchor der Region einen Kontrapunkt mit einem bekannten Volkslied, worin es unter anderem heißt: „Und kommst du, liebe Sonn, nit bald, so weset alls im grünen Wald.“ Sein Kanon „Mache dich auf und werde licht…“ nach einem Bibelvers bei Jesaja eröffnet dann das digitale Panorama auf der Hauptbühne: Über ein Dutzend im Kreis aufgestellte Hochkant-Monitore gerät Tübkes Gemälde in Bewegung, bevor es sinnbildlich für den Zustand der Gesellschaft dekonstruiert und schließlich „atomisiert“ wird. Buchstäblich aus ihrem Zusammenhang gerissen, tänzeln und wackeln einzelne Figuren daraus über die Bildschirme und geben bei Berührung anonymisiert Daten und Zukunftswünsche hiesiger Leute preis. „Ich bin“, hören wir, „ein Mosaik aus Bewegungsdaten, Kaufverhalten, Suchanfragen, Likes und Follows, Daumenhochs und Daumenrunters.“

Ein Bauernkriegspanorama 4.0 hatten sie angekündigt, ein Panoptikum ist daraus geworden. Es siedelt gleichsam im soziokulturellen Raum, was wohl, jenseits des künstlerisch überschaubaren Ertrages, den eigentlichen Wert des Projektes ausmacht: Menschen, die sich selten wahrgenommen fühlen, auf diese oder jene Weise direkt zu beteiligen. „Voll schön, dass wir hier alle zusammen sind im Theater“, sagt Anna im Stück, „das ist wie eine große Familie!“ Für Alma bedeutet Familie jedoch die Hölle. Irgendwo dazwischen wird sich die Gesellschaft einpegeln müssen, immer wieder.

Erschienen am 28.3.2024

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