Theater der Zeit

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Auftritt

Staatsschauspiel Dresden: Deine Eltern haben dich nicht lieb

„Träume in Europa“ von Wolfram Lotz (UA) – Regie und Bühne Sebastian Hartmann, Kostüme Adriana Braga Peretzki, Musik Friederike Bernhardt, Choreografie Rônni Maciel, Lichtdesign Lothar Baumgarte

von Vincent Koch

Assoziationen: Sachsen Theaterkritiken Dossier: Uraufführungen Wolfram Lotz Sebastian Hartmann Staatsschauspiel Dresden

Wolfram Lotz’ „Träume in Europa“ liefert das Material: absurd, zärtlich, verstörend. Sebastian Hartmann macht daraus einen dreieinhalbstündigen Abend zwischen Minimalismus, Sprachlust und Melancholie – mit starken Momenten, aber wenig Verdichtung. Viel Nebel, wenig Zugriff: Ein Traumspiel, das eher zerfasert, als Europa zu erhellen.
Wolfram Lotz’ „Träume in Europa“ liefert das Material: absurd, zärtlich, verstörend. Sebastian Hartmann macht daraus einen dreieinhalbstündigen Abend zwischen Minimalismus, Sprachlust und Melancholie – mit starken Momenten, aber wenig Verdichtung. Viel Nebel, wenig Zugriff: Ein Traumspiel, das eher zerfasert, als Europa zu erhellen.Foto: Sebastian Hoppe

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Eine Frau stellt in einem Einkaufszentrum fest, dass sie früher mal Adolf Hitler war. Ein Apfel hat Sex mit einer Aprikose und gebärt einen Pfirsich. Ein Mann trauert um seinen Vater. Ein anderer erfreut sich am Mischbrot. Jemand flieht vor seinem MacBook, weil es ihn aufzufressen droht. Wieder jemand anderes erzählt von der missbräuchlichen Beziehung zu einem Erdkunde-Lehrer. Und deine Eltern haben dich nicht lieb, was du aber verstehst. Das ist der Stoff, aus dem Träume gemacht sind. Zumindest bei Wolfram Lotz. Manchmal ultraabsurd, pervers, dann wieder zärtlich, alltäglich, banal. Und vor allem: so nüchtern und schnörkellos geschildert wie ein Unfallbericht. Der Dramatiker hat 35.000 Träume (sagt er) in europäischen Internetformen gesammelt und hundert davon in seinem Buch „Träume in Europa“ zusammengetragen, bearbeitet und verdichtet. Gefundenes Fressen für den Regisseur Sebastian Hartmann, der sich spätestens seit „Erniedrigte und Beleidigte“ (2018) immer wieder mit nachtwandelnden Gestalten, Traum und Wahn beschäftigt – und Lotz-Texte auch gern in seinen Abenden verschraubt.

Der Abend beginnt still. Mit einer Seelenruhe setzt sich das zehnköpfige Ensemble an einen langen Tisch, der aus Werkbänken und aufgelegten Platten besteht. Adriana Braga Peretzki hat sie in lange Gewänder in hellen Farben gesteckt, sie erinnern an Propheten. Nacheinander erzählen sie sich ihre Träume: unaufgeregt, minimal betont, mal flüsternd. Kurz glaubt man, Hartmann würde den Hardcore-Minimalismus aus „Serotonin“ wiederholen – nur für zehn Personen statt eine. Doch dann beginnt das Ensemble mit kleinen Gesten und sprachlichen Variationen etwas offensichtlicher zu werden: da fährt sich jemand durch die Haare, es gibt Umarmungen und Küsse. Es wird sich Huckepack genommen, gestolpert, einmal stockt jemand und spricht den Text, als würde er keine Zunge mehr haben. Das Ensemble versammelt sich um den Tisch wie in Da Vincis „Abendmahl“. Es passiert szenisch nicht viel in diesem ersten Teil. Über der träumenden Tischgesellschaft liegt eine schwere Melancholie, was auch an der Live-Musikerin Friederike Bernhardt liegt, die den Abend am Bühnenrand mit Schubert, Bach und Co. begleitet – und manchmal ein technoides Surren mit ins Geschehen mischt.

Einmal steht Paul Kutzner im Pulk mit dem restlichen Ensemble am Ende der weiten Bühne und singt „Atmosphere“ von Joy Division. Alles ist dunkel, nur auf der langen Tafel davor brennt eine einzelne Kerze auf einem Muffin. Kutzner sticht an diesem Abend sowieso heraus. Er schmeckt Lotz‘ Sprache nicht nur auf vielfältige Art ab, sondern schickt sie immer durch seinen gesamten Körper. Ein anderes Mal ringt Henriette Hölzel splitterfasernackt an der Rampe um Worte, droht in ihrem Traum die Fassung zu verlieren, weil sie von sexuellem Missbrauch berichtet. Es gibt Momente, die sich einbrennen, aber sie sind rar. Schnell wird klar, dass Hartmann hier vor allem der Text als sprachliches Experiment interessiert hat. Stellenweise ist das auch sehr lustig, weil das Ensemble die komischen Passagen natürlich auskostet, allen voran Nihan Kirmanoğlu und Nadja Stübiger. Aber ein bisschen mehr szenisches Futter von Hartmanns Seite wäre bei dreieinhalb Stunden Spieldauer schon gut gewesen. So schleppt sich der Abend ganz schön dahin.

Das liegt auch daran, dass die Verdichtung, die Hartmann sonst auszeichnet, an diesem Abend ausbleibt. Seine Mittel erscheinen merkwürdig disparat. Eine Windmaschine wird angeschleppt. Der Witz ist, dass sie nicht funktioniert. Als es um ein Verlies geht, fährt das Ensemble nochmal in die Unterbühne. Ein Pyrotechniker kommt auf die Bühne und löst eine kleine Explosion aus, was sich nur auf die amerikanische Atombombe beziehen kann, die in einem Traum vorkam. Schon vorher verpuffte hier viel im Illustrativen, da wird manchmal eins zu eins nachgespielt, was im Text steht. „Ich bin in Ohnmacht gefallen“, berichtet jemand, und legt sich dann tatsächlich auf den Boden. Der zweite Teil hat zumindest ein bisschen mehr Tempo, es greift alles besser ineinander. Die weinroten Fassaden eines Hauses werden als Räume etabliert, auf der Bühne wuselt das Ensemble umher. Wozu sie hier angetreten sind, weiß man aber immer noch nicht so richtig.

Lotz‘ Traumsammlung würde wunderbar dazu eignen, neu arrangiert zu werden. Die Träume könnten so neu miteinander in Beziehung treten. Statt eine eigene Haltung zu entwicklen, spielt er das Buch nach, das ja offensichtlich schon als literarisches Experiment angelegt ist und so auch einlädt, neu gelesen zu werden. Indem Lotz hier Träume kombiniert, die random Leute ins Internet geschrieben haben, versucht er auch zu hinterfragen, wie wir die Gegenwart erzählen – und welche vielleicht banalen Albträume etwas über unser Unbewusstes erzählen können. Hin und wieder schwappt auch ein bisschen Zeitdiagnostisches ins kollektive Träumen: Boris Johnson, Merkel, Macron. Der Abend hinterlässt allenfalls ein diffuses Gefühl der Zerrüttung und der Auflösung in Europa. Lotz‘ Text hätte das Potenzial gehabt, sich auf Hartmanns Bühne der Atmosphären zu entfalten und etwas über den Zustand Europas zu erzählen. Hier wabert ein bisschen zu viel Nebel durchs Gemäuer, um daraus wirklich schlau zu werden. 

Erschienen am 14.5.2026

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