Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: This Girl: Die Schauspielerin Johanna Wokalek (09/2014)

Es gab Zeiten, da hatte das Wort „Stadttheater“ noch eine tiefere Bedeutung. Stadt und Theater – das klang nach Komplizenschaft, nach einem Pakt zwischen Kommunalpolitik und Theater, im Zweifelsfall die Stadt zu verteidigen – mit all ihren Schätzen. Diese Zeiten sind nun anscheinend vorbei. Im Sommer schmiss der neue Bürgermeister der Stadt Dessau, Peter Kuras, den Generalintendanten des Anhaltischen Theaters André Bücker aus dem Amt – ohne ihn vorher davon in Kenntnis zu setzen. Grund: der Streit um die Finanzen. „Ein neues Level der politischen Umgangskultur ist erreicht! Nach unten, versteht sich“, schreibt Matthias Brenner, Intendant des Neuen Theaters Halle. Wir veröffentlichen seinen wütenden Brandbrief im Auftakt dieses Heftes. Der neue OB, fährt Brenner darin fort, handele „dünkelhaft dumpf, wie ein in den Miesen stehender, abkassierender Kneipenwirt im Dreißigjährigen Krieg“, der die Fürsten zufriedenstelle, indem er unliebsame Aufmüpfige mitten in der Nacht einfach vor die Türe setze. „Diese Landespolitik ist an UNS nicht mehr vermittelbar!“

Matthias Brenner ist ein treuer Komplize, wenn es um den Kampf gegen eine räuberische Kulturpolitik in Sachsen-Anhalt geht. Aber nicht immer suchen sich Theatermacher die richtigen Partner. Frie Leysen, die im Juli in einem offenen Brief darlegte, warum sie als Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen nach nur einer Ausgabe wieder ausscheidet, berichtet in unserem Festivalschwerpunkt, woran viele Festivals in ihren Augen kranken. „Man sollte sich jeden Tag wieder fragen, was eine Institution soll. Unsere gesamte Umwelt verändert sich so stark – sozial, religiös, politisch und medial – und darum ist es essenziell, dass ein Festival seine Position darin die ganze Zeit neu befragt.“ Nicht nur, aber auch in Wien fehle diese Diskussion. Stattdessen seien die Festwochen und andere der Festivals schlicht zu Instrumenten des Citymarketings geworden. „Zum Teil ist das unsere eigene Schuld als Festivalmacher: Wir sind Komplizen gewesen.“

Auch Johanna Wokalek war Teil des diesjährigen Festivalreigens: in Luc Bondys Salzburger Uraufführungsinszenierung von Marc-André Dalbavies Oper „Charlotte Salomon“ bei den Salzburger Festspielen. Doch so wenig ihr der typische Salzburger Schnürlregen etwas anhaben konnte, so wenig ließ sich die kühle Schöne vom dortigen Promirummel stören. „Johanna Wokalek“, schreibt Margarete Affenzeller in ihrem Porträt, „ist eine Schauspielerin, die ganz bei sich ist.“ Diese Gefestigtheit mache ihre ungeheure Präsenz auf der Bühne aus. Sie trage alles einer Rolle in sich und müsse dann gar nicht mehr viel machen. Als Nina umtänzelte sie so in Luc Bondys „Die Möwe“ sogar den großen Gert Voss, der am 13. Juli 2014 in Wien verstarb. Lars Eidinger erinnert an diesen einzigartigen Schauspieler, der die Fähigkeit besaß, Momente zu erschaffen, in denen alles möglich erschien. „Mit Gert zu spielen“, so Eidinger, „hieß, an das Theater zu glauben.“

Der norwegische Autor Jon Fosse hatte lange gebraucht, um sich diesen Glauben zu erarbeiten. „Ich wollte eigentlich nie für das Theater schreiben“, erzählt er immer wieder. Doch dann, nach einigem Zureden, tat er es doch – und kreierte damit den unvergleichlichen, leise-konzentrierten Jon-Fosse-Sound, der in den Nullerjahren für eine regelrechte Fosse-Manie auf deutschsprachigen Bühnen sorgte. Mit „Meer“ ist nun im norwegischen Bergen sein wohl letztes Stück uraufgeführt worden. Wir drucken diesen Text und unterhalten uns mit dem Autor über seinen Entschluss, nie wieder für das Theater zu schreiben. Er sei mit seinem Universum am Ende, sagte er im Gespräch mit Dorte Lena Eilers.

Die Theater der Zeit-Redaktion verabschiedet sich in diesem Sommer von Frank Raddatz. Sieben Jahre lang lenkte und gestaltete er als Teil der Redaktionsleitung diese Zeitschrift. Wir danken ihm dafür sehr und wünschen ihm viel Erfolg und Freude bei seiner neuen Tätigkeit im Dienste von Lettre International.

Neu im Redaktionsteam begrüßen wir Matthias Dell, der für diese Ausgabe sogleich eine neue Rubrik mitbrachte: Das Schaubild soll künftig Theater und ihm nahestehende Komplexe als doppelseitige Grafik abbilden. Den Auftakt macht das René-Pollesch-Universum, ein Versuch, in die bislang 76 Inszenierungen des Autor-Regisseurs (der am 10. September mit einer neuen Arbeit an der Berliner Volksbühne Premiere hat) durch Statistik ein wenig Ordnung zu bringen. //

Die Redaktion

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