Theater der Zeit

Anzeige

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Kleiner Mann, was nun? – Geschlechterbilder im Theater – Ein Jahresrückblick (12/2021)

Anzeige

„We’ll meet again, don’t know where, don’t know when …“ Wäre dies der Abspann eines Films, könnte man sich einen der vielen symbolträchtigen Songs hinzu imaginieren, wie etwa jenen von Johnny Cash, der vor dem inneren Auge noch einmal Revue passieren lässt, was in den Episoden zuvor geschah. Ein schwieriges Jahr geht zu Ende, in dem nicht nur die Corona-Pandemie sich ein weiteres Mal aufzubäumen scheint, sondern auch die CDU nach 16 Jahren frauengeführter Regierung ein Kandidatenteam für den Parteivorsitz aufstellt, das eine Frauenquote von null Komma null Prozent aufweist. Der große Backlash?

Wir haben den anstehenden Jahreswechsel zum Anlass genommen, auch redaktionell noch einmal zurückzuschauen. Im Januar 2021 blickten wir unter dem Motto „Feminismus, Theater, ­Performance“ auf Geschlechterbilder auf der Bühne. Wir, die wir im Kanon der Kunstzeitschriften (Theater heute, tanz, Opernwelt, Die Deutsche Bühne) die einzige rein weiblich besetzte Redaktion ­bildeten (inklusive Chefredaktion), fühlten uns dazu besonders berufen. Was wir entdeckten, war ein großer Wille, durch dramatisches Gretchen-, Ophelien- und Iphigenien-Empowerment die ­Geschlechterverhältnisse auf der Bühne in Bewegung zu bringen. Große Heldinnen, kleine Helden. Aber trägt dieses Konzept wirklich zu einem spannenderen, komplexeren Theater bei?

Das haben wir uns in unserem Jahresrückblick 2021 gefragt, bei dem wir uns von der amerikanischen Comedy-Autorin Nicole Tersigni inspirieren ließen, die auf ihrem Twitter-Account ­etwas ganz Ähnliches macht wie Regisseurinnen und Regisseure auf der Bühne: Sie nimmt jahrhundertealte kanonische Werke – in diesem Fall aus der bildenden Kunst – und klopft sie luzide auf ihren Gegenwartsgehalt ab, in diesem Fall auf die Darstellung des sogenannten Mansplaining: Männer, die Frauen ständig die Welt erklären wollen. Angelehnt an den Titel ihres in diesem Jahr auch auf Deutsch erschienenen Buches „Men to Avoid in Art and Life“ („Männer, denen du besser aus dem Weg gehst“), aus dem wir Auszüge in unserem Kunstinsert präsentieren, küren wir in unserem Jahresrückblick nicht nur den Bühnenhelden und die Bühnenheldin to avoid, sondern auch unseren persön­lichen Mansplaining-Coverboy 2021, um, verweisend auf ein weiteres kanonisches Werk, perspek­tivisch für 2022 zu fragen: Kleiner Mann, was nun?

2021 aber war auch ein Jahr der erfreulichen Anfänge. Mit Anna Luise Kiss wird die altehrwürdige Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin seit Oktober erstmals von einer Frau geleitet. Wir nahmen den Neustart im Rektorat zum Anlass, um uns in einem großen Schwerpunkt zum Thema Ausbildung den Reformbedarfen in unseren Theaterhochschulen zu widmen. Mit dabei sind die Schauspielstudentin Nadège Kanku, die Leiterin des Studiengangs für Schauspiel und Regie am Mozarteum Salzburg Amélie Niermeyer sowie der Performer Manuel Gerst, die mit Patrick Wildermann über Diversität und Inklusion in der Ausbildung diskutieren. Elisabeth Maier blickt derweil am Beispiel der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Studium und Karriere. Ebenso gibt es neue, spektakuläre Theaterorte zu feiern sowie neue Intendanzen: In München präsentierte Christian Stückl den Neubau des Münchner Volkstheaters, Kathrin Tiedemann, Chefin des FFT Düsseldorf, bezog mit dem KAP1 den neuen Spielort ihres Produktionshauses, im Schweizer Kanton Aargau eröffneten in Aarau und Baden zwei grundsanierte Quartiere für die darstellenden Künste, und in Kassel beeindruckte der frisch angetretene Intendant Florian Lutz sein Publikum mit einer gigan­tischen, „Pandaemonium“ genannten Stahlkonstruktion von Bühnenbildner Sebastian Hannak.

Mit 2021 geht für uns indes nicht einfach nur ein Jahr zu Ende, sondern auch unsere Zeit bei Theater der Zeit. Wir, also Dorte Lena Eilers und Christine Wahl, werden den Verlag mit diesem Heft verlassen. Unser herzlichster und großer Dank gilt all jenen, die über all die Monate und Jahre hinweg ein Projekt wie Theater der Zeit möglich gemacht haben, all jenen also, die mit großem Engagement und Leidenschaft für das Heft tätig waren, die uns beraten, unterstützt und inspiriert haben. Ganz besonders wollen wir hiermit unseren Leserinnen und Lesern sagen: Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Treue! Der Abschied fällt uns wahrlich nicht leicht. Die große Kunst des Loslassens ist nicht allen gegeben. Wir aber haben uns, gemeinsam mit Matthias Brenner, der seinen Posten als ­Intendant des Neuen Theaters Halle auf eigenen Wunsch vorfristig verlässt, in unserer Rubrik „Was macht das Theater?“ in dieser Kunst geschult.

Der Raum einer Kolumne ist unendlich, schreibt unser Kolumnist Ralph Hammerthaler in seinem Rückblick auf 14 Jahre Kolumnistendasein bei Theater der Zeit. Der Raum eines Magazins ist es leider nicht. „Vorhang für immer“ heißt es in unserem Stückabdruck „Gymnasium“ von Bonn Park. Doch wer weiß … Einblendung. Letzter Song (s. o.). Und black. //

Die Redaktion

teilen:

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger

Anzeige