Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Der Knick im Kopf – Theater und Migration (12/2017)

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Nicht ratlos stehen lass’ ich euch, / Ihr Lieben! aber fürchtet nichts! Es scheun / Die Erdenkinder meist das Neu’ und Fremde, / Daheim in sich zu bleiben, strebet nur / Der Pflanze Leben und das frohe Tier.“ Mit diesem Hölderlin-Zitat eröffnet der Theaterautor und -regisseur Pedro Kadivar unseren Schwerpunkt zum Thema Theater und Migration. Nicht Pflanze oder Tier sein, also beweglich sein, das gilt für die Theaterzuschauer im deutschsprachigen Raum ebenso, wie es für diejenigen, die zur Bewegung gezwungen sind, eine Lebenswende darstellt. Seit etwa drei Jahren hat sich das Theater vermehrt dem Thema Flucht zugewandt. Worin aber, fragt Kadivar, liegt genau die Relevanz einer solchen Öffnung? Womöglich in den neuen Fragen, die jede neue zwischenmenschliche Begegnung hervorbringe. „Der Umgang einer Gesellschaft mit den Geflüchteten, die hier ankommen und Asyl beantragen“, so Kadivar, „sagt viel über den Umgang dieser Gesellschaft mit sich selbst aus, das heißt mit ihren eigenen Mitgliedern, und darüber, welche grundlegenden Definitionen von Leben und Menschsein dort herrschen.“

In unserem Schwerpunkt vermessen wir das Feld dieser neuen Fragen. Der Regisseur Amir Reza Koohestani spricht im Interview mit Dorte Lena Eilers über seine „Kirschgarten“-Inszenierung am Theater Freiburg und seinen Kampf gegen vorgefertigte Erwartungen, die ihn als aus dem Iran stammenden Regisseur auf bestimmte Themen festlegen. Gunnar Decker erörtert mit dem Regisseur und Autor Nuran David Calis die Möglichkeiten eines Dialogs zwischen den Religionen, den Calis in seinen Recherche-Stücken auch mit extremistischen Positionen zu führen versucht. Zudem veröffentlichen wir die Rede von Wajdi Mouawad zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. In seinem sehr bewegenden Text berichtet er von seiner eigenen Fluchterfahrung als Kind aus dem Libanon und den Folgen für ihn als Autor. Laila Solimans Stück „No Desert Roses“ wiederum ist eine freche Aneignung und auch Abwehr eines allzu eindeutigen Fluchtdiskurses. Ebenso wie Koohestani spielt sie mit der Erwartung, als ägyptische Autorin und Regisseurin lediglich über die Ägyptische Revolution schreiben zu müssen. Wir veröffentlichen ihren Text in unserem Stückabdruck sowie als Auszug in unserer Beilage „Welt / Bühne“, die in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und dem Residenztheater München Autorinnen und Autoren aus Syrien, Iran, Libanon, Israel und der Türkei vorstellt und sich mit dem politischen Schreiben zwischen Mittlerem Osten und Europa beschäftigt. Dass zwischen Abendland und Morgenland bereits seit Hunderten von Jahren kulturelle Verflechtungen bestehen, zeigt in unserem Künstlerinsert der Münchner Aktionskünstler Berkan Karpat, der damit auch den sogenannten Abendlandbeschützern einen Strich durch die Rechnung macht.

Im März 2018 wird Nuran David Calis am Staatsschauspiel Dresden „Die 10 Gebote“ nach Krzysztof Kieślowskis „Dekalog“ inszenieren. Wir werfen schon jetzt einen Blick nach Dresden, wo Joachim Klement in seiner ersten Saison als neuer Intendant programmatisch das christliche Selbstverständnis des Abendlandes und unseren Begriff von Heimat – oder auch Heimatlosigkeit – befragt, wie Gunnar Decker schreibt. Bodo Blitz hat für uns den Neustart am Theater Freiburg besucht und dort nicht nur Koohestanis „Kirschgarten“ erlebt, sondern insgesamt ein Theater, das sich unter dem neuen Intendanten Peter Carp als Weltempfänger zeigt – die ersten Premieren bestritten unter anderem der südafrikanische Regisseur und Autor Mpumelelo Paul Grootboom sowie die französische Regiekompagnie Clarac-Deloeuil > le lab.

Was kann engagiertes Theater leisten, und wo wird es zum Holzhammer? Darüber macht sich Jakob Hayner anlässlich von Milo Raus Reenactment Sturm auf den Reichstag Gedanken. Zudem gratulieren wir Peter Handke zu seinem 75. Geburtstag und reisen gedanklich mit ihm weiter über Slowenien in den Osten, um über einen Showcase in Georgien zu berichten sowie über das skandalumwitterte Dialog-Festival in Wrocław, das, wie Renate Klett schreibt, nach Abwehr staatlicher Repressionsversuche zu einem Fest der Solidarität wurde. //

Die Redaktion

 

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