Vorwort
Erschienen in: 100 Jahre Theater Wunder Schweiz (11/2020)
Anfang mit Auge
Was hätte ein waches Auge gesehen, das in den ersten zwei, drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in geringer Höhe über die Schweiz hinweg geflogen wäre und dabei, komischer Gedanke, seine Aufmerksamkeit allein auf die Theater gerichtet hätte? Zunächst wäre das Auge tief beeindruckt gewesen. In fast jeder der vielen kleinen Städte (auch Zürich hatte gerade mal 200 000 Einwohner) gab es ein fest gebautes, schmuckes, grösseres Theater. Schau an, die Schweiz, hätte das Auge also vielleicht gedacht, nichts ist mehr von der Theaterfeindlichkeit zu sehen, die das Land so lange bestimmt hatte.
Das Auge könnte seine Reise überall und zu jeder Zeit beginnen. Aber lassen wir es ganz im Westen, am Genfer See, anfangen. Nehmen wir weiter an, das fliegende Auge könnte auch in die fest gebauten Theaterbauten hineinsehen und in die Vergangenheit blicken. Es wäre also ein Auge, das sogar erkennen könnte, wie die Dinge im Theater entstanden waren. Es hätte gewusst, dass Voltaire hier einmal, seit 1754, in Genf gewesen war. Mit seiner in Paris entzündeten Theaterleidenschaft hatte dieser Voltaire es geschafft, die strengen Genfer anzustecken. Da Theater verboten war, war er ins Umland gegangen und hatte dort Spielgruppen gegründet. Dann war ihm aber auch die Stadt der Calvinisten langsam gefolgt. 1766 hatte sie einen Holzbau für Theater errichtet – und bereits 1783 ein festes, gemauertes Theater, das Théâtre de Neuve, oder auch die Comédie an der Place Neuve, das 1880 wieder abgerissen worden war.
Es hatte auch andere Kräfte gegeben, würde sich das Auge erinnern. Gegen Voltaire war Jean-Jacques Rousseau mit seiner hochsensiblen Theaterskepsis gestanden, ein selbstbewusster Bürger der Stadt Genf: Er hatte das sittenverderbende Pariser Hoftheater abgelehnt, das Voltaire so verehrte, er hatte ihm ein Theater entgegengehalten, wo die Leute, die Menschen, die Bürger, zugleich Zuschauer und Spieler sind. Der einsame Spaziergänger Jean-Jacques Rousseau dachte ein Theater der Gemeinschaft. Es war, so denkt das Auge, das auch ein Kenner heutigen Theaters und der Theatergeschichte wäre, die erste Vision des Volkstheaters, von Festspielen für alle, von heutigem Expertentheater. Das war eine der grundlegendsten Auseinandersetzungen über Theater, die jemals geführt worden sind, damals am Genfer See, dachte das Auge.
Wie in Genf war man fast überall in den Schweizer Städten skeptisch gegenüber dem Theater gewesen, aber das hatte sich gewandelt. Aus ein paar wenigen Gastspielen ausländischer Truppen für die urbanen und betuchten Patrizier waren im Lauf des 19. Jahrhunderts in den Städten feste Theaterhäuser geworden. Das abgerissene Théâtre an der Place Neuve in Genf etwa wurde 1879 durch das bis heute existierende Grand Théâtre ersetzt.
Nehmen wir nun weiter an, das Auge wäre nicht nur ein Auge gewesen, sondern auch ein Ohr. Es würde sich wundern: In diesen Theaterhäusern hatte sich, den fahrenden Schauspieltruppen folgend, die zuvor das Theater aus dem französischen, meist aber deutschen Ausland in die Schweiz gebracht hatten, das Hochdeutsche als Sprache etabliert. Fast nirgendwo in der Schweiz wurde diese Sprache gesprochen, nur im Theater. Es war also durchaus und immer noch etwas Besonderes, in diese eigenartigen Steinhäuser zu gehen, wo mehr oder minder fremde Texte in einer vertraut- fremden Sprache gesprochen wurden.
Dazwischen sah und hörte das Auge ein ganz anderes Theater: In den Tälern, die vorzugsweise katholisch waren, zwischen und bei den Bergen, hatten das Volkstheater und mit ihm der Dialekt als Bühnensprache schon existiert, als von städtischen Bühnen nicht einmal zu träumen war. Seit ein paar Jahrzehnten erlebte dieses Theater, zusammen mit einem erstarkenden nationalen Bewusstsein, das wie ganz Europa auch die Schweiz ergriffen hatte, eine neue Blüte. Es war vielfältig, es gab die alten Fastnachtsspiele, Weihnachts- und Osterspiele, Mysterienspiele, die Heiligenspiele, das Volkstheater, es gab mehrere Arten von Festspielen. Hier waren vielfach die grossen historischen Figuren auf der Bühne erschienen – Zwingli, Luther, Calvin und Tell. Und in zentraler Rolle immer wieder: das Volk.
Auch in Genf und Umgebung, sieht unser schwebendes Auge, hatte sich das Theaterspiel in dieser Weise entwickelt. In Vevey gab es die berühmt gewordene und gigantische Fête des Vignerons. Sie wird schon seit 1797 vier oder fünf Mal im Jahrhundert auf dem Marktplatz aufgeführt, es wirken tausende Darsteller mit, die Beliebtheit ist – wie die vieler anderer volkstümlicher Traditionen – bis heute ungebrochen. In Mézières im Norden der Stadt, auf katholischem Gelände, stand das damals ebenso berühmte Théâtre du Jorat, sozusagen ein stehendes (Holz-) Haus für freilufttheatergleiche Massenauftrittsveranstaltungen, ein Festspielhaus für kunstvolles Volkstheater.
In der Stadt Genf selbst hatte es ebenfalls Spiele gegeben, am Seeufer, auch hier waren tausende Mitwirkende und Zuschauer versammelt, bei der Fête de juin 1914 waren es 1500 Darsteller und mehr als 5000 Zuschauerplätze. Es ging damals um den Eintritt Genfs in die Eidgenossenschaft. Am Ende kam das Schiff der Konföderation tatsächlich über den See und segelte verheissungsvoll auf die Stadt zu. Auch in Lausanne hatte es 1903 bereits grosse Erinnerungsspiele zum Eintritt des Waadtlandes in die Konföderation gegeben.
Die Inszenierung wurde von Émile Jaques-Dalcroze (Musik) und Firmin Gémier (Regie) zusammen mit Adolphe Appia erarbeitet. Nun, Anfang des 20. Jahrhunderts, beteiligten sich an dieser Art Theater – wenigstens im Westen des Landes – die fortschrittlichsten künstlerischen Kräfte. Unser Auge würde erkennen, wie sich für einen langen historischen Moment Avantgarde und Volkstheater verbanden. Die Theatervisionäre Jaques-Dalcroze und Appia beschäftigten sich damit, Räume, Musik, Licht und Bewegungen für die Massen zu finden, die sie auf die Bühne brachten. So würde das Auge erkennen, dass es widerstreitende Kräfte sind, avantgardistische und populistische in diesem Fall, die sich im Theater treffen, die sich mal verbinden und mal streiten, die aber meist das waren, was Theater in dieser Zeit (und vielleicht überhaupt) interessant macht.
Vor allem anderen aber sah das fliegende Auge immer wieder die stehenden, beeindruckenden Theaterbauten. Diese Gebäude zeigten: Die Schweizer wollen Theater. Sie unterstrichen den Willen der Schweizer, das Theater ernst zu nehmen, es als eine feste Einrichtung der Gesellschaft zu betrachten. In Genf fiel dem Auge so die 1911/12 errichtete und 1913 von Ernest Fournier neu eröffnete Comédie auf. Das Parkett war nicht eingerahmt von vielen rundum laufenden Logen wie sonst erstaunlicherweise im guten alten Hoftheaterstil überall in der Schweiz üblich. Es gab (wie in Mézières) einfach einen aufsteigenden Zuschauerraum. Es war also ein zeitgemässes Theater für die dramatische Kunst, ein Theater, das sich nach der Bühne ausrichtete, und kein Selbstdarstellungsraum des Publikums. Auch hier war, anders als es die Deutschschweiz manchmal sehen möchte, das calvinistische Genf durchaus führend.
Flog das Auge dann weiter in den Osten, erkannte es in Fribourg und Neuchâtel (nicht aber in Lausanne), was es längst in der gesamten Schweiz bis hin nach St. Gallen (dort seit 1805!) gab – und im Prinzip bis heute gibt: Die Theater waren im Allgemeinen Aktientheater. Das war die damals durchaus am Gewinn ausgerichtete Finanzierungsform, die man für die festen Häuser gefunden hatte. Es sah diese Aktientheater auch in Biel und Solothurn (seit 1856), selbstverständlich in Basel (1834) und Bern (seit 1836), aber auch in Winterthur und Aarau und weiteren Städten. In Basel war es seit 1909 schon der dritte feste Theaterbau, der bespielt wurde. Mit der doch beachtlichen Zahl von 1150 Plätzen war dieses dritte Basler Theater das kleinste, obwohl Basel gerade in der jüngsten Zeit stark gewachsen war. 120 000 Einwohner hatte die Stadt nun.
Es waren Theater, die die Bürger dieser Städte über Aktien finanziert hatten, gemeinsame Unternehmungen, öffentliche Einrichtungen – von Privatleuten errichtet und unterhalten. Manchmal waren es auch die Städte, die (wie in Luzern) die Aktien erworben hatten. Überall aber, und das war das Wichtigste, hatte sich diese Art Theater immer fester mit einem Ensemble verbunden. Es gab nun Schauspieler, die zu einer Stadt gehörten, es konnte sich eine lokale Tradition entwickeln. In der schweizerischen Bundesstadt, in Bern, gab es immer mal wieder eine (allerdings schwache) Diskussion um ein Nationaltheater, dessen Metropole, wenn es sie denn überhaupt gab, aber vielleicht auch eher Luzern (Aktientheater seit 1839) mit seiner Volkstheatertradition und seiner Lage in der Zentralschweiz war.
Zürich, damals noch nicht so unangefochten die Schweizer Metropole wie heute, hatte eine erste, weithin anerkannte Theaterblüte im 19. Jahrhundert mit dem Schauspielhaus unter Leitung der Schauspielerin und Dramatikerin Charlotte Birch- Pfeiffer erlebt. Jetzt leitete Alfred Reucker das Züricher Schauspielhaus (1901–1921). Er hatte sich mit Ensemblespiel und hochrangigen Gästen sehr um Niveau bemüht. Und er hatte, ein fast visionärer Gedanke, ein kleines Haus eröffnet. Bisher, das heisst seit 1891, waren Schauspiel und Oper im Theater der Stadt (das bis heute das Opernhaus ist) vereint gewesen, jetzt kam das Haus am Pfauen als Spielstätte für das Schauspiel hinzu. Durch neue Spielräume wurde die Spielplangestaltung so etwas wie eine kreative Angelegenheit.
Flog das Auge noch weiter nach Osten, sah und hörte es in St. Gallen öfter, dass einst die Eisenbahn von hier (und nicht von Zürich) aus nach Paris gefahren war. Entsprechend pariserisch sah die Architektur von Theater und Kunsthalle aus und entsprechend selbstbewusst und verunsichert zugleich war man (und ist man in der traditionsreichen Stadt bis heute) mit dem Theater. Noch weiter im Osten kam dann der Rhein und mit ihm die Grenze, das Auge also folgte dem Fluss hinauf in die Berge, auch im Bündischen, in Chur, sah es nebenbei bereits ein kleines (vollkommen privat geführtes) Berufstheater. Heute gibt es Anfänge eines Theaters in Rumansch, damals noch nicht mal eine Ahnung davon.
















