Zimmertheater Tübingen: Zukunftsängste in der Geisterbahn
„Geisterstück“ von Fabienne Dür (UA) – Regie Tobias Schilling, Bühne Birgit Angele
von Elisabeth Maier
Assoziationen: Baden-Württemberg Theaterkritiken Dossier: Uraufführungen Tobias Schilling Fabienne Dür Zimmertheater Tübingen

Ein blutroter Torso baumelt von der Decke. Riesige schwarze Plastikbälle ziehen das Publikum in eine Gruselwelt. Fabienne Dürs neues Stück spielt in einer altmodischen Geisterbahn, welche die Kundschaft eines Einkaufszentrums zum Konsum animieren soll. Da wecken Totenköpfe und blutige Gummihände in Tobias Schillings Inszenierung von „Geisterstück“ zwar die Lust am wohligen Gruselschauer, doch der Text geht viel tiefer. Die Menschen, die diese aus der Zeit gefallene Jahrmarktattraktion bespielen, sind von Zukunftsängsten zerfressen.
In der gespenstischen Welt, die Ausstatterin Birgit Angele geschaffen hat, spielen sie eine Rolle. Im ehemaligen Tübinger Kino „Löwen“, der zweiten Spielstätte des Zimmertheaters, verblüfft Angele die Zuschauer:innen mit einem Angstraum. Selbst das „Maul des Höllenhunds“, von dem Dür in den Regieanweisungen spricht, lässt sich da entdecken. Die Ausstattung setzt die großartigen Milieu- und Menschenporträts Autorin spektakulär in Szene. Ihr neues Stück hat die Berliner Dramatikerin und Dramaturgin in der Spielzeit 2024/25 als Hausautorin am Zimmertheater Tübingen geschrieben; das damalige Leitungsteam Peer Mia Ripberger und Corinna Huber hat die Arbeit begleitet. Ein Stipendium der Baden-Württemberg-Stiftung machte das Projekt möglich.
Der neue Tübinger Theaterchef Thomas Bockelmann hat mit Tobias Schilling einen Regisseur gewonnen, der Dürs Werk bestens kennt. Er hat 2022 am Staatstheater Kassel ihr erstes Erfolgsstück „Gelbes Gold“ inszeniert, mit dem die Autorin den Nachspielpreis des Heidelberger Stückemarkts gewann.
Dür ist eine der klugen, gesellschaftskritischen Stimmen ihrer Autor:innengeneration. Im „Geisterstück“ blickt sie hinter die hippe Fassade der gescheiterten Träumer:innen. Sie wollen dem Mief entfliehen, aber sehen das Licht am Ende des Tunnels nicht. Fabienne Dürs Stärke ist, die Entwicklung ihrer Figuren klug und sensibel nachzuzeichnen. Mit seinem Macho-Gehabe ist das bei Boss, Vorname Hugo, dem Chef und Live-Erschrecker, erst mal nicht so leicht zu greifen. Im Dracula-Kostüm bedient Stefan Herrmann sämtliche Klischees. Dabei schöpft der Schauspieler aus dem Vollen seines großen komödiantischen Potenzials. Mit der Zeit blättern seine Lebenslügen aber von ihm ab wie Schorf. Diesen Spagat meistert der Schauspieler grandios. Angst ist das stärkste Gefühl, welches dieser Mann kennt.
Frustriert vom Leben ist Marina, die von der hoffnungsvollen Studentin zur Ticketverkäuferin abgestiegen ist. Gegen die „Anwaltskinder und Jugend-debattiert-Arschlöcher“ habe sie keine Chance, sagt sie frustriert. Düster schattiert klingt Johanna Engels Stimme, wenn sie von den vergeigten Perspektiven spricht. Und von den verdrängten Alltagsängsten vor Amok-Schützen oder Unfällern. Schön erfasst sie Dürs volle, feinfühlige Sprache: „Ich weiß gar nicht, wo diese Bilder herkommen, das sind ja nicht meine, aber ich bekomme sie nicht aus dem Kopf.“ Die Schauspielerin trifft den Charakter ihrer Figur genau. Weil sie Angst hat, sich der Konkurrenz zu stellen, endet sie als Geisterbahn-Queen im Dirndl.
Traurig und tief zeichnet Jel Woschni die Verkäuferin Sunny. Im Sensenmann-Kostüm aus der Karnevals-Kiste trauert sie der unerfüllten Liebe zu Boss nach. Wunderschön träumt sich Woschni in die unerfüllten Sehnsüchte der Live-Erschreckerin hinein, die als Hosenverkäuferin gescheitert ist und jetzt nur noch vom Aufstieg an die Discounter-Kasse träumt. Was es bedeutet, mit der Arbeit auch die eigene Identität zu verlieren, zeigt Sunnys verzweifelte Zerrissenheit. Die Figur steht für eine Generation, die angesichts der Klimakrise den Glauben an die Zukunft verloren hat.
Mit den drei starken Schaupieler:innen erfasst Regisseur Tobias Schilling auch die Tiefenschichten von Fabienne Dürs Text. Die Reisen, die ihre Figuren ins eigene Unterbewusstsein unternehmen, haben etwas Magisches. Auf diese surreale Ebene lässt sich der Regisseur in der Zwischenwelt der Untoten ein. Wenn Sunny mit glitzernd stilisierten Engelsflügeln durch den Raum schreitet, spürt das Publikum Hoffnung und Aufbruch, die es in der Welt des Konsumterrors schon lange nicht mehr gibt. „Geisterstück“ ist in Schillings Uraufführung nicht nur die schaurig schöne Geschichte dreier Menschen, die nach einem anderen Leben gieren. In der Geisterbahn verhandelt Fabienne Dür die Zukunftsängste einer Generation, die nicht die letzte sein will.
Erschienen am 21.1.2026



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