Theater der Zeit

Auftritt

Badische Landesbühne Bruchsal: Die hässliche Fratze der Kulturlosigkeit

„Der Mann des Rechts: Ludwig Marum“ von Hajo Kurzenberger – Regie Petra Jenni, Bühne und Kostüme Tilo Schwarz

von Elisabeth Maier

Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Petra Jenni Badische Landesbühne

Nadine Pape, Alexander Braun, Michaela Finkbeiner und Lukas Maria Redemann in „Der Mann des Rechts: Ludwig Marum“ von Hajo Kurzenberger, Regie Petra Jenni an der Badischen Landesbühne Bruchsal. Foto Sonja Ramm
Nadine Pape, Alexander Braun, Michaela Finkbeiner und Lukas Maria Redemann in „Der Mann des Rechts: Ludwig Marum“ von Hajo Kurzenberger, Regie Petra Jenni an der Badischen Landesbühne BruchsalFoto: Sonja Ramm

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Die Schauspieler:innen bewegen sich auf der Bühne und rufen den Namen von Ludwig Marum. Dann stellt einer die Frage in den Raum: „Warum?“ Das Wortspiel mit dem Namen des Juristen und Sozialdemokraten klingt erst mal sehr platt gereimt. Das ist gar zu naheliegend. Doch hier trifft das Bruchsaler Ensemble den Kern. Warum haben die Nationalsozialisten den klugen Kopf und Vorkämpfer für ein demokratisches Rechtssystem ermordet. „Der Mann des Rechts: Ludwig Marum“ heißt das Dokumentartheater aus der Feder von Hajo Kurzenberger. Der 80-jährige emeritierte Professor für Praktische Theaterwissenschaft an der Universität Hildesheim zeichnet ein komplexes Bild des SPD-Politikers, der am 29. März 1934 im Konzentrationslager Kislau bei Bruchsal von den Nazi-Schergen erhängt wurde.

Dem Text haftet eine dokumentarische Schwere an. Obwohl es Kurzenberger gelingt, den Ehemann, Vater und Menschen Marum zu beschreiben, werden die poetischen Passagen doch vom Ballast der Geschichte erdrückt. Der jüdische Rechtswissenschaftler und Politiker gerät schnell ins Fadenkreuz der Nazis in Baden. Wichtige Daten und Orte im Leben werden in Schreibmaschinenschrift an die schwarzen Wände projiziert. Das Geklapper mechanischer Schreibmaschinen erfüllt den Raum. Tilo Schwarz hat eine Bühne geschaffen, die assoziativen Spielraum lässt. Die schwarzen Wände sind Verhörraum, KZ-Zelle oder Wohnzimmer des Ehepaars Marum, der mit seinen drei Kindern ein glückliches Leben führte.

Sensibel brechen die Schauspieler:innen die historischen Fakten auf. Regisseurin Petra Jenni interessieren die Menschen und ihre Motivationen. Wenn Michaela Finkbeiner aus den Briefen der Ehefrau Johanna Marum an ihren Mann liest, bringt sie Liebe zum Klingen. Der Schauspielerin, die das Publikum mit französischen Chansons und ihrer zauberhaften Alt-Stimme verzaubert, gelingt ein schönes Porträt der Figur, die der Autor Kurzenberger aus Briefen sprechen lässt. Mit viel Feingefühl stattet Lukas Maria Redemann den Protagonisten Ludwig Marum aus. Mit Hut und Notizbuch in der Hand verkörpert er den Juristen, für den die Gerechtigkeit „immer nur die zweite Liebe war“. Marum ist bei ihm ein Mensch, der Frau und Kinder von Herzen liebte. Schön meistert Redemann den Spagat vom historischen Vorbild zur zeitgemäßen Figur. Helle, sandfarbene Töne hat Tilo Schwarz für die Kostüme ausgewählt. Die Stoffe erinnern an die vergilbten Seiten eines Fotoalbums.

Auf Fotografien verzichtet Regisseurin Jenni in ihrem Dokumentartheater ganz. Auf den ersten Blick mag das befremden. Die schrecklichen Bilder der Nazis, die Marum und andere jüdische Sozialdemokraten auf einem offenen Lastwagen ins KZ nach Kislau karrten und auf der Fahrt dem Spott der Masse preisgaben, lässt die Regisseurin nur beschreiben. In dieser Berichtsform fühlen sich die vier jungen Schauspieler:innen zuhause. Der Zynismus der Nazis, die in Zeiten politischer Massenmorde noch immer von „Schutzhaft“ sprechen, kommt in der Inszenierung groß zum Tragen. In quälender Schleife singen die Spieler:innen das Volkslied „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Damit haben die SS-Soldaten die Gefangenen einst auf dem Zug durch Karlsruhe und Bruchsal verhöhnt. Die hässliche Fratze der Kulturlosigkeit zeigt das Ensemble stark.

Der Fokus von Petra Jennis Regie liegt auf der Geschichte Ludwig Marum, der als badischer Justizminister nach der Novemberrevolution 1918 viel für Gerechtigkeit und für die Demokratie getan hat. Den Unterdrückten zu helfen, das war stets sein Ziel. Die Respektlosigkeit, mit der die Nazis diese Werte zertreten, bringt Alexander Braun auf den Punkt. Kälte und Ignoranz prägt jedes Wort dieses nationalsozialistischen Funktionärs. Radikal legt Braun offen, wie die Gleichschaltung den Menschen jegliches Mitgefühl raubt. Dagegen kann auch Marums Familie nichts ausrichten. Nadine Pape gibt der Tochter Elisabeth ein schönes, einfühlsames Gesicht. Aus Liebe zum Vater beweist diese junge Frau bemerkenswerten Mut.

Mit „Der Mann des Rechts: Ludwig Marum“ setzt die Badische Landesbühne auch unter dem neuen Intendanten Wolf E. Rahlfs die Linie fort, die Geschichte des Nationalsozialismus in der Region aufzuarbeiten. 2022 hat die Autorin und Schauspielerin Lisa Sommerfeldt in dem Stück „Mädchen mit Hutschachtel“ das Schicksal der Edith Leuchter aus Bruchsal aufgearbeitet, die von den Nazis verschleppt wurde, aber doch gerettet werden konnte. Beides hat Petra Jenni schnörkellos und dramaturgisch wenig innovativ, aber doch sehr überzeugend in Szene gesetzt. Die Regisseurin lässt die Geschichte und die Texte sprechen. Das ist viel in einer Zeit, da Geschichtslosigkeit wieder zur Mode wird.

Erschienen am 20.3.2024

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