Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Isabelle Huppert: Exklusiv im Gespräch (06/2016)
Als wir kürzlich mit einem Kollegen aus den USA zusammensaßen, kamen wir unweigerlich und ohne Umschweife auf „die Lage“ zu sprechen. Im österreichischen Fernsehen hatten sich zwei Tage zuvor die beiden Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen (Grüne) und Norbert Hofer (FPÖ) ein hochnotpeinliches TV-Duell geliefert. „Wie nehmt ihr“, fragten wir den Kollegen, „die gegenwärtige Lage in Europa wahr?“ „Nun ja“, sagte er. „Wir vergleichen das tatsächlich mit Donald Trump.“
Eine Trumpisierung Europas? Unmöglich! Oder fühlen wir uns, während wir aus vermeintlich sicherer Entfernung mit dem Finger auf diesen gefährlichen Politclown zeigen, zu sicher? Die Berichte der beiden österreichischen Dramatiker Ferdinand Schmalz und Thomas Köck aus ihrem Heimatland klingen jedenfalls gar nicht gut. „Wer schon mal an den Stammtischen der Alpenrepublik Platz genommen hat“, schreibt Schmalz in seinem Kommentar, „dem ist jegliche Verwunderung über die politische Lage (…) abhandengekommen. (…) Immer wieder lässt sich da eine völkische Gesinnung durchschmecken, immer wieder wird da die Gewaltbereitschaft im Ernstfall betont.“ Im Interview mit Dorte Lena Eilers verweist Köck auf das große Ganze: „Dass die neue Rechte europaweit überhaupt so stark werden konnte, ist (…) ein weiteres Symptom des deregulierten Finanzsystems.“ Sein Stück „paradies fluten (verirrte sinfonie)“, das wir in diesem Heft abdrucken, liefert eine furiose Analyse dazu.
Eine Frau allein am Meer. Während bei der diesjährigen Berlinale die Flüchtlingsdokumentation „Fuocoammare“ den Hauptpreis gewann, setzte die Jury bei der Vergabe des Silbernen Bären auf ein fein gesponnenes psychologisches Drama: „L’avenir“ (Die Ankunft), die Frau: Isabelle Huppert. Viel zu lange war die Grande Dame des französischen Films nur auf der Leinwand zu sehen, nun spielt sie endlich wieder Theater: in Krzysztof Warlikowskis „Phèdre(s)“ am Odéon Théâtre de l‘Europe in Paris. Unsere Frankreich-Korrespondentin Lena Schneider hat Huppert zu einem Exklusivinterview getroffen: „Sie ist, was zu erwarten war, ganz anders als erwartet. Geerdet. Freundlich. Geduldig. Und, manchmal, beinahe koboldhaft.“
Aus der glitzernden, durch die Terroranschläge schwer getroffenen Metropole ziehen sich die gedanklichen Fäden bis ins deutsche Theater. Innerhalb weniger Monate kam an drei großen Häusern Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ heraus. Gunnar Decker hat die Inszenierungen in Hamburg, Dresden und Berlin besucht. Sein Fazit: Nur Karin Beiers Version am Schauspielhaus Hamburg vermag den Kern dieses Romans zu treffen, nämlich „die Kulturkritik dessen, was sich hier als überlebt erwiesen hat. Unsere postbürgerliche wie postproletarische Realität, die sich lauter Prothesen bedient, um Kapital und Demokratie in einem Zusammenhang zu halten, der nicht offenkundig der des Gegensatzes ist.“ Das sei die Ebene, auf der das Theater auf unerwartete Weise politisiert werde.
Über Spielarten des politischen Theaters diskutieren in dieser Ausgabe auch Florian Malzacher, Leiter des Festivals Impulse, und Bernd Stegemann, Autor und Dramaturg. Gießen-Absolvent der eine, Professor an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin der andere, stoßen hier Ansätze aufeinander, die Realitätserkundungen im Theater je anders formulieren. „Für mich ist Spiel ganz klassisch, von Brecht aus gedacht, das Ereignis, das die Wiederholung der Widersprüche der Gesellschaft auf der Bühne sichtbar werden lässt“, sagt Stegemann. „Dadurch habe ich die Möglichkeit, den Widersprüchen anders zuzuschauen, als ich es in der Realität kann.“ Malzacher: „Da bin ich erst mal d’accord. Aber das Problem entsteht zum einen, wenn es beim rein kontemplativen Beobachten bleibt. Zum anderen ist die Frage, welche Schauspieler wen repräsentieren.“
Mit diesem Aspekt hat William Kentridge keine Probleme. Er repräsentiert sich gern selbst, und das gleich mehrfach in seinen hochpoetischen, gleichzeitig die großen Themen Migration, Flucht und Diskriminierung einfangenden Arbeiten. Ute Müller-Tischler hat den Multikünstler für unser Künstlerinsert porträtiert.
Mit unserem Arbeitsbuch über Frank Castorf, das am 1. Juli 2016 erscheinen wird, verabschieden wir uns in die Spielzeitpause. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern einen schönen Sommer.
Die Redaktion


















