Theater der Zeit

Auftritt

Theater und Orchester der Stadt Heidelberg: Totentanz in der Abflughalle

„Die Reise des G. Mastorna“ nach dem Drehbuch von Federico Fellini – Regie Bernadette Sonnenbichler, Bühne Sebastian Hannak, Video Stefano Di Buduo

von Elisabeth Maier

Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Bernadette Sonnenbichler Theater und Orchester Heidelberg

Ein heftiges Gewitter, ein Flugzeug, ein Cellist und ein Freund, der seit vielen Jahren tot ist: „Die Reise des G. Mastorna“ nach dem Drehbuch von Federico Fellini am Theater und Orchester Heidelberg.
Ein heftiges Gewitter, ein Flugzeug, ein Cellist und ein Freund, der seit vielen Jahren tot ist: „Die Reise des G. Mastorna“ nach dem Drehbuch von Federico Fellini am Theater und Orchester Heidelberg.Foto: Susanne Reichardt

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Grelle Blitze erschüttern den Raum. Die Passagiere im Flugzeug zittern. Mit frostiger Stimme bereitet sie eine Stewardess auf eine Notlandung vor. Feurige Kaskaden erfüllen den Raum. Eine Frau bangt um ihr Leben. Mit an Bord ist der Cellist Giuseppe Mastorna. Er denkt nur daran, pünktlich bei seinem Orchester zum Auftritt in Florenz zu sein. Mit Schrecksekunden beginnt Bernadette Sonnenbichlers Inszenierung „Die Reise des G. Mastorna“ am Theater und Orchester der Stadt Heidelberg. Mitten im Geschehen sitzt das Publikum. Der Heidelberger Künstler Sebastian Hannak hat eine Raumbühne geschaffen, die jeden und jede in das immersive Erlebnis eintauchen lässt. Augenblicke fühlt es sich so an, als stürzten alle mit der Maschine ab. Lichtdesigner Ralf Kabrehl erzeugt eine Illusion, wie man sie nicht alle Tage im Theater erlebt.

Das Drehbuch hat der große Autorenfilmkünstler Fellini in den Jahren 1965 und 66 geschrieben, Verfilmt wurde die surreale Geschichte zwischen Leben und Tod aber nie. Gar zu absurd erschien dieses Szenario den Produzenten. Sonnenbichler hat die monumentale Produktion nun auf die beiden Bühnen des Heidelberger Theaters gebracht. Dazu hat Hannak die beiden Bühnen des Marguerre-Saals und des Alten Saals verbunden. An Bistrotischen und auf Tribünen sitzt das Publikum und folgt dem Cellisten, der durch das Unglück schroff aus seinem Leben gerissen wird.

Steffen Gangloff meistert den Seiltanz des Protagonisten zwischen Wahnsinn und Wirklichkeit betörend schön. Im Feinripphemd rennt er durch die Szenerie. Seine verzweifelten Versuche, aus dem geistigen Gefängnis zu entrinnen, schlagen fehl. Großartig peitscht der Schauspieler seine Figur in die Erkenntnis hinein, dass er längst nicht mehr am Leben ist. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er auf einen Flugzeugsitz, auf dem eine verkohlte Leiche festgeschnallt ist. In diesem Augenblick wird die Wahrheit entsetzlich klar. Doch schnell schwenken die Kameras weiter zum nächsten Bild.

Sebastian Hannaks Bühnenraum reißt die Aktuer:innen wie auch das Publikum in traumatische Erlebniswelten mit. Die stilisierte Kulisse einer italienischen Altstadt, Abflugtafeln auf einem Flughafen und die Rezeption eines Hotels markieren die Welt, in der sich der Reisende zwischen Diesseits und Jenseits bewegt. Mit dem Videokünstler Stefano di Buduo erschafft Hannak einen Raum, der Fellinis opulente Filmbilder zwar zitiert, aber konsequent weiterentwickelt. Kameras überwinden dir Grenzen von Zeit und Raum. Auf zwei riesigen Leinwänden sehen sich die Zuschauer:innen selbst. Fassungslos steht Mastorna vor dem Bildschirm und blickt in eine künstlich verzerrte Fratze, die sein Gesicht sein soll. Lustvoll spielt das künstlerische Team mit den Möglichkeiten der Technik, die das Heidelberger Theater bietet. Plötzlich bewegt sich die Drehbühne, auf der ein Teil des Publikums an Bistrotischchen sitzt.  

Von Fellinis ausladender Filmkunst lässt sich Kostümbildnerin Tanja Kramberger inspirieren. Mitten durch die Zuschauerreihen führt eine katholische Prozession, wie man sie an kirchlichen Feiertagen in Italien erleben mag. Lustvoll taucht die Kostümbildnerin in die Kunst der Karikatur ein, die auch Fellini pflegte. Im farbstarken Priestergewand scheint Andreas Seifert wie aus der Zeit gefallen. Seine Gesten und Schritte sind verzögert, wirken wie in Zeitlupe. Immer wieder lotet Bernadette Sonnenbichler mit dem Ensemble die Schnittstellen zwischen Film und Theater aus. „Die Reise des G. Mastorna“ ist auch formal ein spannendes Experiment. Mit Saxofon und Synthesizer steuert der Theatermusiker Jacob Suske die Dramaturgie eines Sterbens auf Raten. Langsamkeit zelebriert der Choreograf Adrián Castelló mit dem Ensemble, das sein radikales Körpertheater beherzt umsetzt. Deses Spiel gipfelt in einem Totentanz in der Abflughalle.

Reizvoll sind gerade die komischen Momente des immersiven Erlebnisses. Als Rezeptionist an der Schwelle zum Tod wächst Marco Albrecht über sich hinaus. Gnadenlos spielt dieser Untote mit der Angst Mastornas, seinen nächsten Auftritt mit dem Orchester zu verpassen. Stark entrückt auch Katharina Quast ihre Stewardess der Wirklichkeit. Mit hohlen Phrasen beruhigt sie die Fluggäste. Verhohlene Gesten und geheimnisvolle Blicke prägen ihr Spiel. So geleitet sie das Publikum in eine neue, unbekannte Wirklichkeit.

Mit „Die Reise des G. Mastorna“ gelingt es Regisseurin Sonnenbichler und ihrem Team, das Publikum zu verblüffen. Der Grenzerfahrung des Giuseppe Mastorna kann sich das Publikum nicht entziehen. Wie Filmbilder ziehen seine Affären mit Frauen, aber auch wahrhaftige Momente in seinem Leben an dem Cellisten vorbei. Und obwohl er am Ende mit seinem Leben abschließen und in eine neue Welt aufbrechen kann, steht ein trauriger Mensch vor dem Publikum. Seiner gesellschaftlichen Position als Künstler beraubt, erkennt er, nicht wirklich gelebt zu haben. Doch für ihn ist es zu spät. Nicht aber für die Zuschauer:innen, denen Mastornas Reise die Endlichkeit ihres eigenen Lebens vor Augen führt.

Erschienen am 28.3.2024

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