5.9. Atem und Emotion
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Der Beginn von Antonin Artauds kurzem, aber äußerst dichtem Text Eine Gefühlsathletik aus dem Aufsatzband Das Theater und sein Double weist mit der Metapher des Gefühls-Athleten auf die Möglichkeit, ja die Notwendigkeit für den Schauspieler, seine Gefühle zu trainieren.
Man muss dem Schauspieler eine Art von Gefühlsmuskulatur zugestehen, die der körperlichen Lokalisierung der Gefühle entspricht. Mit dem Schauspieler verhält es sich so wie mit einem richtigen Körperathleten, mit dem überraschenden Unterschied, dass dem Organismus des Athleten ein analoger Gefühlsorganismus entspricht, der parallel zu ihm ist, der gleichsam sein Double darstellt, obwohl er nicht auf gleicher Ebene wirkt.54
Artaud benennt das Medium, in dem ein solches Training anzusiedeln wäre.
Die Frage des Atems ist tatsächlich die wesentliche; sie steht im umgekehrten Verhältnis zur Bedeutung des äußeren Spiels. Je maßvoller und zurückgenommener das Spiel ist, desto weiter und dichter, substantieller und mit mehr Reflexen überladen ist der Atem. Während einem hitzigen, umfangreichen Spiel, das nach außen tritt, ein Atem mit kurzen, flachen Lamellen entspricht. Es steht fest, dass jedem Gefühl, jeder Geistesregung, jedem Aufwallen des menschlichen Gefühlslebens ein Atem entspricht, der zu ihm gehört.55
Die Möglichkeit des Gefühlstrainings beruht auf der Entsprechung von Gefühlsleben und Dynamik des Atems...
















