6. Textgestaltung und Welterschließung
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Präsenzwirkung des Textes
Was eint die Texte der folgenden Unterkapitel Sinnlichkeit, Räumlichkeit, Atmosphäre, Zeitlichkeit, Selbstbeziehung? Was macht es notwendig, sie in diesem Zusammenhang und unter diesen Oberbegriffen zusammenzustellen?
Die genannten Begriffe sind, wie bekannt, mit leichten Änderungen Hartmut Rosas Essay Beschleunigung und Entfremdung entlehnt.[1] Dort fungierten sie als »Resonanzachsen« einer Weltbeziehung, die in der Gegenwart, so Rosa, fortschreitenden Entfremdungsprozessen unterworfen ist. Im Zusammenhang der vorliegenden Untersuchung haben sie die Aufgabe, die fiktiven Welten literarischer Texte zu erschließen. Damit sind sie Textqualitäten besonderer Art. Sie bleiben durchaus an die diskursive Bedeutung der Texte gebunden, fordern aber über die intellektuelle Anstrengung hinaus eine leibliche Eigenaktivität des Lesers, die sich im Lesevorgang immer wieder aktuell zu entfalten hat. Diese Entfaltung kann sich im Ansatz schon beim stummen Lesen vollziehen, wenn die innere Atembewegung »mitspielt«. Ihre volle Gegenwärtigkeit erhalten sie jedoch im Textvortrag.
Abweichend von der Aufzählung bei Rosa ist in dieser Untersuchung dem Handlungsaspekt der Sprache kein eigenes Kapitel gewidmet – aus zwei Gründen. Erstens existieren zum Handlungsaspekt des Bühnensprechens fundierte und ausführliche Publikationen. Von sprechpädagogischer Seite haben u. a. Hans Martin Ritter, Jurij A. Vasiliev und Viola Schmidt vielbeachtete Veröffentlichungen vorgelegt.[2] Zweitens ist das »Gestische Prinzip« (Hans Martin Ritter) in...
















