Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Hamburgische Dramaturgien – Amelie Deuflhard und Karin Beier (04/2016)

Der Steindamm im Hamburger Stadtteil St. Georg ist ein Houellebecq-Kiez. Keine andere Meile, titelte im Januar das Hamburger Abendblatt, ziehe so viele Flüchtlinge an – die Zahl der Menschen auf den Straßen habe sich verdoppelt, in der Al-Nour-Moschee finden die Freitagsgebete mittlerweile in zwei Schichten statt. Keine 200 Meter weiter steht auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses Hamburg ein Mann vor einem Kreuz und rechnet: Mehr Gehalt. Größere Wohnung. Drei Frauen. Was will man mehr? Dieser Mann heißt François. Am Ende ist er konvertiert.

Michel Houellebecq setzte mit „Unterwerfung“ ein irres, irrlichterndes Buch in die Welt. Frankreich wird im Jahr 2022 von einem muslimischen Präsidenten regiert. Wie wirkt diese Fiktion in der jetzigen Diskussion? Nach den Attentaten von Paris? Nach der Silvesternacht in Köln? Wie viel Hysterie steckt darin? Wie viel Kritik an den eigenen, längst entleerten Werten? In einem großen Schwerpunkt schicken wir diese Fragen in die unterschiedlichsten Richtungen. In Hamburg sprachen Dorte Lena Eilers und Gunnar Decker mit Karin Beier, Intendantin des Deutschen Schauspielhauses, und der Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard, zwei Kiez-Expertinnen auf der Suche nach einer neuen, zeitgenössischen Hamburger Dramaturgie, mit der sich das Heute künstlerisch bearbeiten lässt. Mittels Houellebecqs „Unterwerfung“ etwa, das Karin Beier mit einem furiosen Edgar Selge als François im Februar am Schauspielhaus zur Uraufführung brachte. Oder mittels einer komplett basisdemokratisch organisierten Konferenz für Geflüchtete und Migranten, die Ende Februar den halben Steindamm auf Kampnagel versammelte.

Flankiert wird dieses Auftaktinterview von Margarete Affenzellers Bericht aus dem Wiener Produktionshaus Werk X, das die österreichische Erstaufführung von „Unterwerfung“ besorgte; Lena Schneider berichtet aus einem Theater in der Pariser Banlieue Saint-Denis, wo im November 2015 vor dem Stade de France die ersten Bomben explodierten; Tom Lanoye sprach mit Dorte Lena Eilers über junge Männer, die solche Attentate begehen. Wie dieser Gegenwart also begegnen? Bernd Stegemann analysiert unter dieser Fragestellung die neuesten Publikationen von Slavoj Žižek und Philipp Ruch. Unser Blick auf Inszenierungen von Nuran David Calis, Volker Lösch und Neco Çelik liefert die künstlerische Praxis dazu.

„Punk & Politik“ – so formuliert das Schauspielhaus Wien unter der neuen Leitung von Tomas Schweigen sein ästhetisches Programm. Bei der Auftaktinszenierung wurde sogleich ein vom Theater mitgetragenes Manifest für ein neues Europa veröffentlicht. Es plädiere, berichtet Margarete Affenzeller, für Politiker neuen Typs. „Als Vorbild diente in diesem von Tomas Schweigen in Gemeinschaft mit dem Ensemble verfassten Stück der isländische Punk und spätere Politiker Jón Gnarr.“ Es gilt: „Mut zum Denken, zum Umdenken, zum Ausprobieren.“

„NYMPHAE_M RAUSCH ECK“, das könnte auch der Name einer Weddinger Eckkneipe sein. Sagt nicht ein Kritiker, sondern der Künstler selbst. Jan-Peter E.R. Sonntag, Künstler, Komponist, Theoretiker, erschafft ortsbezogene, interaktive Installationen. „NYMPHAE_M RAUSCH ECK“ in der Galerie Wedding nennt er einen „kommunalen psychoakustischen Raum“. Detlev Schneider hat Jan-Peter E.R. Sonntag für die vorliegende Ausgabe porträtiert; das Künstlerinsert zeigt Eindrücke seiner Räume und Installationen.

Ronald McDonald im Birkenwald? Trauriger kann der Abgesang auf unseren westlichen Gefühlshaushalt nicht sein. Henriette Dushe setzt die Ikone des amerikanischen Kapitalismus gleich zu Beginn ihres Stückes „In einem dichten Birkenwald, Nebel“, das wir in diesem Heft veröffentlichen, mitten hinein in die Tschechow’sche Seelenlandschaft. Mirka Döring sprach mit der Autorin, die in ihrem Stück der These nachforscht, ob nicht gar die Depression, dieser grundsätzliche Ausstieg aus allen Systemen, die wahre revolutionäre Tat sei. Ein radikales Innehalten, um dann noch einmal neu anzusetzen. //

Die Redaktion

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