Theater der Zeit

Auftritt

Wiener Festwochen: Bilder, die explodieren

„Pfingstspiel“ von Florentina Holzinger – Konzept, Regie Florentina Holzinger, Sounddesign, Komposition Stefan Schneider, Gibrana Cervantes, Urška Preis, Bühnenbild Nikola Knežević

von Volker Gebhart

Assoziationen: Theaterkritiken Österreich Florentina Holzinger Wiener Festwochen

Vom Nitsch-Wein ins Kanonenrohr: Florentina Holzingers „Pfingstspiel“ katapultiert das Publikum der Wiener Festwochen mitten hinein in ein radikales Spektakel zwischen Aktionismus, Stunt und Ritual. In Prinzendorf verknüpft sie Nitschs Orgien-Mysterien-Theater mit ihrer eigenen Bildsprache – und setzt dabei ein deutliches Zeichen gegen den Krieg.
Vom Nitsch-Wein ins Kanonenrohr: Florentina Holzingers „Pfingstspiel“ katapultiert das Publikum der Wiener Festwochen mitten hinein in ein radikales Spektakel zwischen Aktionismus, Stunt und Ritual. In Prinzendorf verknüpft sie Nitschs Orgien-Mysterien-Theater mit ihrer eigenen Bildsprache – und setzt dabei ein deutliches Zeichen gegen den Krieg.Foto: Nicole Marianna Wytyczak

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Die Konfrontation sitzt: Eben noch haben die Besucher:innen von Florentina Holzingers Wiener Festwochen Inszenierung bei ihrer Ankunft beschwingt an einem Becher aus Hermann Nitschs Weingarten genippt. Nun schauen sie bei ihrem Eintritt in den Hof des Schlosses Prinzendorf unvermittelt in das Kanonenrohr eines Panzers. Etwa 700 Besucher hatten sich bei strahlendem Sonnenschein zum „Pfingstspiel“ auf dem ehemaligen Anwesen des Wiener Aktionsmus-Künstlers Hermann Nitsch (1938-2022) eingefunden. Florentina Holzinger knüpfte hier mit ihren Performer:innen auf Einladung der Nitsch Foundation mit einer ausgiebigen und einmaligen Étude erstmalig direkt an das Orgien-Mysterien-Theater von Nitsch an.

Bevor zehn Busse das Publikum nach Prinzendorf in Niederösterreich kutschierten, erwartete die Besucher:innen zunächst ein action-geladener Auftakt im Wiener Eislauf-Verein. Zum Spiel von Harfen stellte Holzinger hier sogleich den Bezug her zur Herabkunft des Heiligen Geistes: Eine ihrer Performer:innen erschien in schwindligen Höhen auf dem Dach des Intercontinental Hotels. Dann stieg sie mithilfe eines Gurtes gesichert langsam jedoch stetig und mit einer gewissen Leichtigkeit an der Hauswand hinab. Zur Verblüffung darüber blieb nicht viel Zeit. Ein schmerzhafter Kraftakt folgte: Eine Performerin zog mithilfe von Seilen, die mit Haken durch die Haut ihres Rückens gestochen waren, einen schwarz lackierten BMW in seine Ausgangsposition. Von dort quietschte dieser los. Die Stuntfahrer:in am Steuer drückte aufs Pedal, die Reifen qualmten. Der BMW raste im Kreis. Florentina Holzinger stieg dazu bei Vollgas aus dem Fenster aufs Dach. Dort hielt sie nicht nur die Balance, sondern versprühte mithilfe von Pyrotechnik noch dazu Funken. Auch aus dem Wagen rauchte es nun. Doch das war nur der Anfang.

Im Schloss eingetroffen, nahm dann gleich die erste Szene Bezug auf Nitsch und seine sogenannten Schüttbilder. Dabei wurde die Farbe hier nicht auf die Bildträger geschüttet, so wie in der aus dem Wiener Aktionismus bekannten Technik, sondern zeitgemäß variiert: Zwei Drohnen spritzen rote Farbe auf drei Leinwände. An der mittleren hing eine Performerin in gekreuzigter Pose. Nicht nur sie war schnell von Kopf bis Fuß mit der Farbe besprenkelt, auch die Rasenfläche darunter hat das blutrot an diesem heißen Mai-Tag schnell aufgesogen.

Das neunstündige Event entfaltete in der Schlosskulisse bei aller Dramatik der Performances die Atmosphäre eines ausgelassenen und entspannten Sommerfestivals. In Übergängen zwischen den Hauptteilen griffen die Performerinnen selbst zu Instrumenten und improvisierten kleine Sessions im Vorgarten. Ihre oftmals meditative Live-Musik spielte über den ganzen Tag hinweg eine wesentliche Rolle – so auch beim Aufbau von Spannung vor dann wiederum erstaunlichen Stunts: So fegte eine Performerin mit einem Cross Motorrad durch den Garten, bevor sie dann mit dem Zweirad den Panzer attackierte. Eine Mitstreiterin im Monster Truck folgte und demolierte das Kampffahrzeug bei ihrem Sprung darüber ganz ordentlich. „No War“ lautete dazu die klare Message auf zwei Screens. 

Holzinger hat mit ihrem Pfingstspiel nicht nur effektiv und imposant die Mysterien-Orgien-Theater Tradition mit ihrem Körpertheater verknüpft und zu neuem Leben erweckt: Sie setzte vor allem auch ein deutliches Zeichen fuer den Frieden. Wenngleich sie in der Inszenierung auf bekannte Elemente zurückgreift, ist es doch erstaunlich wie umfangreich diese Arbeit ausgefallen ist und wie sie mit ihren Aktionen die Auseinandersetzung mit Nitschs Werk sucht – hat die Performance-Künstlerin doch gerade erst ihre Venedig Biennale Arbeit „Seaworld Venice“ eröffnet.

Den Abschluss ihrer Prinzendorf-Inszenierung bildet ein Abendmahl. Wiederum gibt es hier eine Anlehnung an Nitsch, bei dem das Abendmahl-Motiv eine zentrale Rolle im grafischen Werk spielt. Holzinger und ihre Performerinnen haben dazu an einem langen Tisch Platz genommen. Erst nach einer Weile wird deutlich, dass sie nicht tatsächlich auf Stühlen sitzen, sondern an Seilen in der Luft hängen. Wie die Performerin, die den BMW zog, sind Haken an ihren Rücken befestigt. Immer weiter werden sie in die Höhe gezogen; sie tanzen, schaukeln und scherzen in der Luft. Die Szene gerät zum Fest. Im Hintergrund wirft der Schatten die Performer:innern eindrucksvoll an die Leinwand des „Schüttbilds“. Am Boden darunter wird ein Feuerwerk gezündet. Die Bilder sind bereits explodiert.

Erschienen am 29.5.2026

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