6.1. Sinnlichkeit
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Kunstobjekt und Eigenwahrnehmung
Wer im zweiten Stock des großzügig angelegten K21 (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 21. Jahrhundert) in der Düsseldorfer Innenstadt den Kunstraum der Installationskünstlerin Rosemarie Trockel betritt, stößt auf ein diagonal im Raum platziertes Sofa. Es besitzt nach Höhe und Tiefe die gewohnten Abmessungen eines Sofas, allein die Länge überrascht: Ungefähr fünf Meter dehnt sich die Chaiselongue in den Raum. Der rötlichbraune Überzug scheint aus abgewetztem Leder zu bestehen und würde durchaus zum Hinsetzen einladen, wäre nicht das Sofa auf ganzer Länge mit einer durchsichtigen, glänzenden Plastikplane abgedeckt. Beschäftigt sich das Auge länger mit dem Raumobjekt, stellt sich eine weitere, zunächst undefinierbare Irritation ein. Der an Sitzfläche und Lehne entlang von links nach rechts gleitende Blick erfährt eine Art von Schwächung. In der Wiederholung dieser abtastenden Augenbewegung verstärkt sich im Schauenden ein undefinierbares Unwohlsein, das bis hinein in die Magenregion wirkt; eine subtile Ermüdung, ein Spannungsabfall, der den gesamten Leib ergreift.
Das Auge sucht nach Gründen: Ist das Sofa »schlecht gebaut«? Verjüngt es sich tatsächlich nach rechts? Fällt die Sofa-Horizontale nach dieser Richtung hin ab? Ist das Sofa vielleicht schief? Wird es kleiner? Oder wird dieser Eindruck allein von der perspektivischen Verkürzung hervorgerufen? Diese Frage verstärkt das entstandene Unwohlsein noch zusätzlich:...
















