Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Sie sind zurück – Vegard Vinge und Ida Müller im Nationaltheater Reinickendorf (09/2017)

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Der Beginn der neuen Spielzeit fällt mit den Wahlen zum Deutschen Bundestag zusammen. Für Theater der Zeit eine Gelegenheit, das Verhältnis von Theater und Politik genauer in den Blick zu nehmen und kritisch zu befragen. Kann man angesichts der Erfolge rechstpopulistischer Parteien von einer Krise der Demokratie sprechen? Oder täuscht nicht die Ausrufung der Krisen aller Teilbereiche der Gesellschaft über den großen krisenhaften Zusammenhang der kapitalistischen Weltgesellschaft hinweg?

Ein solch umfassendes globales Krisenszenario entwickelt Andres Veiel am Deutschen Theater in Berlin. In seinem Text zu unserem Schwerpunkt Theater und Engagement plädiert er für ein politisches Theater, das sich den grundlegenden Fragen widmet und die Strukturen des ökonomischen und politischen Systems offenlegt. Hasko Weber verweist auf die Notwendigkeit des Theaters, sich angesichts sozialer Unsicherheit und Ungleichheit für das Gespräch offenzuhalten. Man müsse reden. Und wenn es sein muss, auch mit der AfD. Es ist vor allem die Möglichkeit des Hinterfragens, die das Theater nutzen sollte, sagen Sasha Marianna Salzmann und Laura Linnenbaum im Gespräch mit Gunnar Decker. Wo Kunst stört, hat sie den Elfenbeinturm verlassen – und kann zum Aktionismus werden. Wo hingegen die Grenzen des Aktionismus sind, untersucht Fritz Engel angesichts der jüngsten Aktion des Zentrums für Politische Schönheit. Und Kathrin Röggla fragt sich, wie Empathie im politischen Diskurs wirkt. Im 13. Teil unserer Reihe zum Neuen Realismus widmet sich Peter Laudenbach ebenfalls dem Verhältnis von Theater und Engagement. Eine Form des politischen Theaters, die sich in dem Widerspruch zwischen dem eigenen radikalen Vokabular und der umfassenden Folgenlosigkeit behaglich eingerichtet hat, vergesse, dass Realness nicht realistisch sei. In unserem Stückabdruck zeigt Neil LaBute einen amerikanischen Wutbürger, der vom Anbruch einer neuen Zeit träumt: „Das vierte Reich“.

Sie sind zurück: Vegard Vinge und Ida Müller führen im Nationaltheater Reinickendorf in die Abgründe von Ibsens „Baumeister Solness“. Das ist wie immer verstörend – und großartig zugleich. An einem abgelegenen Ort im Berliner Norden setzen Vinge und Müller das fort, was einst mit den sagenumwobenen Abenden im Prater der Volksbühne begann. Mit dem Ende der Ära Castorf haben die beiden das Zentrum der Stadt verlassen – und erkunden das Randständige. Um den Anbruch einer neuen Zeit geht es auch im Berliner Ensemble, Oliver Reese hat die Nachfolge von Claus Peymann angetreten. Friedrich Dieckmann nimmt das zum Anlass, eine Zeitreise durch die Geschichte des legendären Brecht-Hauses am Schiffbauerdamm zu unternehmen und zu fragen: Wie lange dauerte das Berliner Ensemble? Mit der zweiten neuen Intendanz in der Stadt – an der Volksbühne – verändere sich die Berliner Theaterlandschaft, so der Eindruck von Annemie Vanackere. Die Intendantin des HAU Hebbel am Ufer spricht über diese Veränderungen und die daraus resultierenden Herausforderungen für ihr Haus. Im Künstlerinsert stellen wir den Bühnenbildner und Maler Gero Troike vor, der dieses Jahr den Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis erhalten hat. Susanne Thelemann und Lothar Trolle würdigen den großen Künstler.

Verabschieden mussten wir uns in diesem Sommer von zwei der bedeutendsten Dramatiker jenseits und diesseits des Atlantiks: Sam Shepard und Tankred Dorst. Thomas Irmer erinnert an den großen US-Autor, Schauspieler und Musiker, während Michael Krüger in seiner Gedenkrede Dorsts gesamtes Bühnenpersonal zum Abschied an uns vorbeiziehen lässt. „Die Welt ist schlecht“, habe Tankred Dorst immer gesagt, „aber das ist kein Grund, auf der Stelle zu verzweifeln.“ //

Die Redaktion

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