Nachruf
Tausende Figuren!
Nachruf auf den französischen Dramatiker Valère Novarina
Assoziationen: Europa Dramatik Akteur:innen

Mit Valère Novarina verließ uns am 16. Januar 2026 morgens um fünf Uhr einer der bedeutendsten französischen Sprachkünstler der zweiten Hälfte des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts. Da Sprache für ihn immer gesprochene, verkörperte Sprache war, wählte er von Anfang an die Form der Theatertexte, selbst wenn diese bei ihm oft die Dimensionen des Aufführbaren sprengten. Sein längstes Stück , „La Chair de l’homme“ („Das Fleisch des Menschen“), ist über fünfhundert Seiten lang und zählt über dreitausend Figuren, die zumeist die abenteuerlichsten Namen tragen. Das Ereignis des Sprechens ist die Kernhandlung dieser ungemein theaterwirksamen Textgebirge, die ebenso inspiriert sind von der floskelhaften Sprache der Fernsehnachrichten wie von den Texten der Mystiker aller Religionen, von biblischen Verfluchungen über Kinderreime und Stegreifverse, abenteuerlichen Lebenserzählungen voll frei erfundener Berufe, immer wieder unterbrochen von Aufzählungen, zirzensischen Sprachsammlungen, den Namen von Flussnamen, Städtenamen landauf landab, erfundenen Vogelnamen, akrobatischen Nummern, fiktiven grammatikalischen Zeiten bis hin zur mathematischen Formel der Zeit, dem Medium schlechthin des Theaters. Überhaupt war Novarina auch ein großer Wortefinder und Worterfinder. Mit köstlichen Neologismen wird die Sprache da immer zum Fest, was sich auch in den seit Mitte der achtziger Jahre von ihm selbst inszenierten Aufführungen zeigte, die über Jahre zumeist beim...
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