Theater der Zeit

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Auftritt

Badische Landesbühne Bruchsal: Das Ende der Angst

„Rotkäppchen und Herr Wolff“ von Sergej Gößner – Regie Linda Bockmeyer, Bühne und Kostüm Christian Robert Müller

von Elisabeth Maier

Assoziationen: Kinder- & Jugendtheater Theaterkritiken Baden-Württemberg Linda Bockmeyer Sergej Gößner Badische Landesbühne

In Bruchsal wird Rotkäppchen neu erzählt: Linda Bockmeyer Inszenierung von Sergej Gößners Märchenadaption überwindet alte Feindbilder und zeigt poetisch, wie Neugier und Freundschaft Angst vor dem Fremden verwandeln können.
In Bruchsal wird Rotkäppchen neu erzählt: Linda Bockmeyer Inszenierung von Sergej Gößners Märchenadaption überwindet alte Feindbilder und zeigt poetisch, wie Neugier und Freundschaft Angst vor dem Fremden verwandeln können.Foto: Sonja Ramm

Das Fremde ist immer etwas anders. Diese Erfahrung macht Rotkäppchen mit dem einsamen Herrn Wolff, der ihre kleine Welt in Angst und Schrecken versetzt. Das Kindermärchen, in dem das Raubtier das Böse verkörpert, ist absolut spooky. Sergej Gößner – eine starke Stimme seiner Generation im Kinder- und Jugendtheater – deutet dieses Narrativ um. Mit einer bunten, originellen Bühnenadaption verwischt er die Schwarz-Weiß-Malerei, die das Märchen der Gebrüder Grimm aus heutiger Sicht so dröge macht. Regisseurin Linda Bockmeyer gelingt mit dem Jungen Theater der Badischen Landesbühne in Bruchsal eine poetisch-musikalische Liebeserklärung an die Freundschaft.

Die Kinder ab sechs Jahren schauen gebannt auf die Bühne von Christian Robert Müller. Im Zentrum steht eine Holzhütte. Auf die Latten ist ein Bild gemalt – da fletscht ein Wolf seine grässlichen Zähne. Das Klischee aus dem angestaubten Märchenbuch löst der Ausstatter aber gleich wieder auf. Die Fassade ist mit Regenbogenstreifen bemalt. Linda Bockmeyer spürt in dem Märchenstoff zeitgemäße Ängste auf, die auch Kinder umtreiben. Das Fremde, Unbekannte verunsichert die Menschen.

Doch es geht anders. Ganz ohne Vorbehalte schaut Rotkäppchen in die Welt. Kim Vanessa Földing hüpft voller Freude durchs Leben. Die Panik der Dorfbewohner:innen, die den Wolf jagen und töten wollen, ist ihr fremd. Cool geht sie in den dunklen Wald, um ihre Großmutter zu besuchen. Mit ihrer Natürlichkeit zieht die Schauspielerin das Publikum in den Bann.

Als ihr der Herr Wolff begegnet, entspinnt sich ein Dialog voller Witz und Poesie. Jonathan Parr spricht eine altmodische, sehr gekünstelte Sprache. Da kichern die Kids: „Hier findet man meinen Sprachgebrauch vielleicht sonderlich, wo ich herkomme, wärst du allerdings die Fremdliche.“ Großartig setzt der Schauspieler Gößners Text um. Rotkäppchen hat das Problem des vermeintlichen Ungeheuers schnell herausgekitzelt. Er vermisst sein Rudel, fühlt sich einsam und entwurzelt. Einfühlsam denkt sich Parr in die Psyche seiner Figur hinein. Ihn schmerzt es, dass die Menschen seinen Tod wollen.

Der Schauspieler, Autor und Regisseur Gößner hat für die Kinder ab sechs Jahren kluge, griffige Porträts entworfen. Wie Zauberfiguren entrückt Bockmeyer die Figuren ganz sacht der Wirklichkeit. Christian Robert Müller hat Outfits geschaffen, die an Zirkusuniformen und Clownskostüme erinnern.

Dazu hat Linda Bockmeyer mit den Spieler:innen eine großartige Choreografie erarbeitet. Das kraftvolle Körpertheater reißt die Jungs und Mädchen mit. Ästhetisch schöpft die junge Regisseurin da aus dem Vollen. Die Bewegungen sind von Commedia dell’arte und Aktobatik inspiriert. In der Rolle der Oma trägt Michaela Finkbeiner einen kunterbunten Anzug. Wie im Traum tanzt sie durch das Leben. Die Schauspielerin zeigt sie als eine unwürdige Greisin – und das im besten Sinn.

Die Dorfbewohner gemeinsam mit dem Wolf zu überlisten, bereitet ihr sichtlich Freude. Simon Wenigerkind zieht seine verbitterte Frau Eberle ebenso lust- wie kunstvoll ins Lächerliche. Dabei nimmt er die Sorgen seiner Figur sehr ernst. Annamae Endtinger lässt ihren Jäger selbstherrlich und plump durch die Welt stapfen. Dennoch zeigt auch sie einen Menschen, der von Ängsten und der Sehnsucht nach Anerkennung zerfressen wird.

Sergej Gößners Märchenadaption „Rotkäppchen und Herr Wolff“ ist ein tiefes, poetisches Plädoyer für eine Welt der Vielfalt. Als sich der einsame Herr Wolff und die Dorfbewohner am Ende zusammenfinden, um den Mond zu schütteln, kommt seine Botschaft schön und klar zum Ausdruck. Vorurteile zerstören das Miteinander der Menschen.

Linda Bockmeyer gelingt es mit ihrem anspruchsvollen ästhetischen Konzept, die Kinder im Publikum zu begeistern. Dazu trägt auch die bemerkenswerte Musik von Simon Wenigerkind bei. Traumhafte Melodien kombiniert der Spieler und Multiinstrumentalist mit dem Tote-Hosen-Hit „Schrei nach Liebe“. Der „stumme Schrei nach Liebe“, von dem die Kultband im Jahr 2012 sang, treibt auch die Akteure in eine sinnlose Gewaltspirale hinein. Begeistert wippen die Kinder zur Musik mit den Füßen. Die großartige Bruchsaler Regiearbeit holt sie in der eigenen Erfahrungswelt ab. Und sie verstehen: Freundschaft und Neugier auf das Fremde sind für alle ein Gewinn.

Erschienen am 23.4.2026

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