Auftritt
Schauspiel Leipzig: Motel der Leere
„Wüste“ von Sam Max, Deutsch von Maria Milisavljević – Regie Wilke Weermann, Bühne Alexander Naumann, Kostüme Annika Lu, Musik & Sounddesign Constantin John
von Lina Wölfel
Assoziationen: Theaterkritiken Sachsen Dossier: Bühne & Film Wilke Weermann Schauspiel Leipzig

Es ist ein kammerspielartiges Hollywood-Albtraum-Szenario: Ein Motelzimmer irgendwo in der Wüste von Arizona, nebenan ein Filmset, das von Beginn an mehr Projektionsfläche als realer Ort ist. Chloe, optimistisch gesprochen mittelmäßige Schauspielerin, frisch operiert, bandagiert und fast blind, hängt mit ihrer Assistentin Hannah im Zimmer fest, während Tom, ihr Partner, am Set bereits glänzen darf. Gefangen in einem Dreieck aus Begehren und Abhängigkeit, geraten sie in eine Wirklichkeit, die so löchrig ist wie das Drehbuch, das sie proben. Das Filmskript beginnt sich dabei in einem unheimlichen Maße eng mit ihren Biografien zu verschränken – bis nicht mehr klar ist, was Probe, was Leben, was Wunschbild ist.
Wilke Weermann bleibt in seiner Inszenierung am Schauspiel Leipzig nah am Text, konzentriert sich auf die fast klinische Nahaufnahme von Abhängigkeit und Machtgefälle. Immer wieder schimmert die zentrale Frage durch, wie sich Einsamkeit und Selbstoptimierungsdruck in Körper und zwischenmenschliche Beziehungen einschreiben. Es ist das zweite Mal, dass das Stück in Deutschland zu sehen ist, nach der Uraufführung in eigener Regie von Sam Max am Deutschen Theater Berlin.
Paulina Bittner pantoffelt als Chloe so zunächst im buchstäblichen und metaphorischen Sinne blind durch das Geschehen, sagt dermaßen bedeutungsschwangere Dinge, dass sie zur Phrase, zur Stilblüte im Drehbuch statt zum Erkenntnissatz verkommen: „Warum sind wir nur so? – Ich weiß es doch auch nicht!“ Schnell wird klar, dass ihr Körper, vor und nach der Operation, das ist eigentlich egal, eh nur und von außen angetragener Ängste, Begehren und Karrierehoffnungen ist. Dem gegenüber und in gleichzeitig erschreckender Spiegelung steht ihre lasziv dauervapende Assistentin Hannah, stets darauf bedacht, ihre Pflichten zu erfüllen und alles richtig zu machen. Anne Cathrin Buhtz, kokett bebrillt, mit perfekt ondulierter Frisur und engem grünem Bleistiftrock (Kostüme Annika Lu) spielt ihre Hannah so lustvoll, so genüsslich aus, es ist wahre Schauspielkunst. Par excellence zeigt sich das in einer Szene, als sie allein im Zimmer verbleibt, und die Szenen des Films inklusive sämtlicher Rollen- und Positionswechsel nachspielt. Sie verrenkt sich, wechselt präzise Tonalitäten, und auch wenn dieser Moment etwas Urkomisches an sich hat, steht er dennoch sinnbildlich für ihr Oszillieren zwischen Care-Arbeit, Ehrgeiz und Eifersucht.
Bleibt noch Tom, der von Markus Lerch und Jacob Agha Ebrahim in Dopplung gespielt wird, jung und alt zugleich. Das ergibt zwar schöne Momente, etwa wenn der junge Tom außen auf der Veranda steht und der alte sich in der Tür gespiegelt sieht – mehr selbstverliebtes Schauspielertum geht fast nicht. Gerade in dieser Dopplung wird klar, dass Tom als Figur zunehmend zum Hohlkörper der Konstellation ohne merkliche eigene Eigenschaften verkommt. Soweit die Staffage, die sich in diesem Hotelzimmer folglich nur um sich selbst dreht. Aber wo bleibt die Moral? Sie tritt auf in Form des am Filmset verschwundenen Kindes: „Menschen sind traurig, weil sie wie andere sein wollen.“ Noch Fragen?
Weermann denkt dieses Material stark von der Bildlogik her: Lichtwechsel, Sound-Loops und die genaue Setzung der Körper im Raum erzeugen eine klar referenzierte Filmästhetik, die Motive aus Motel-Thriller, Neo-Noir und B-Movie zitiert. Hier waren wahre Filmliebhaber:innen am Werk, das ganze Setting ist mit Referenzen an Filme nur so durchlöchert (das Motel, in dem die Handlung spielt, heißt „The Hole“). Da ist die fleischfressende Pflanze aus „Little Shop of Horrors“ (Bühne Alexander Naumann), die als dekorativer Kopfteil des Hotelbettes über dem Geschehen prangt, in deren Mitte ein Loch ist, ebenso wie in der Matratze unter den Laken versteckt, ein Wandschrank, durch den man verschwinden kann, eine Terrasse mit Meerblick (oder auch nicht, das weiß man nie), da sind David-Lynch-artige harte Schatten- und Lichteinfälle in harten Winkeln, da ist der Western-Score-Soundtrack (Constantin John), der sich unheimlich unter das Geschehen legt. Das Ganze wirkt glamourös und verkommen zugleich, die Minibar ist nur spärlich gefüllt, über allem liegt eine dicke Staubschicht. Das schafft Atmosphäre und reflektiert dennoch permanent die Künstlichkeit der Situation. Close-up und Totale, Jump-Cut und Soft-Focus werden von Weermann theatral übersetzt, kein Satz, keine Berührung ist frei von möglicher Kamera-Adressierung.
Dramaturgisch bleibt „Wüste“ schlussendlich dennoch vor allem ein schön bebildertes Dreieck aus Begierde, Selbstverliebtheit und Abhängigkeit, arrangiert um eine „leere Mitte“ – eine Existenz, die nur aus Rollen besteht, die man anzieht, bis sie sich wie das echte Leben anfühlen. Die Figuren entpuppen sich zu oft als blasse Klischees, als heteronormative Stereotypen. Auch wenn Weermann diese Problemlage ernst nimmt, sich redlich Mühe gibt, mit ihr zu brechen, für Irritation zu sorgen, muss er schlussendlich jedoch vor dem Text kapitulieren. Wo der Abend zu Subversion ansetzt – etwa, wenn Hannah und Chloe nach einem klischeehaften Zickenkrieg, in dem sie einander vorgeworfen haben, wie irrelevant ihre Existenzen sind, inbrünstig und leidenschaftlich „Don’t you want me Baby“ als Karaoke singen –, können sich die Figuren ihrer eigenen Scripthaftigkeit dennoch nicht entziehen. Ihre inneren Abgründe öffnen sich zu selten in Momenten wirklicher Verletzlichkeit. So ist „Wüste“ in Leipzig zwar ein Blick auf die Löcher in unseren Selbstbildern – verliebt sich am Ende jedoch selbst ein bisschen zu sehr in die Attraktivität dieser Löcher.
Erschienen am 9.6.2026




















