Theater der Zeit

Gespräch

Das Ensemble als Netzwerk

Modelle der Zusammenarbeit in der Stuttgarter Figurentheaterszene

Welches Verständnis von Netzwerkarbeit bestimmt die Praxis freier Figurentheater-Ensembles und welches Selbstverständnis liegt diesem zugrunde? Welche Strategien der Arbeitsorganisation ergeben sich daraus? Und welche Entwicklungen, Hoffnungen und Wünsche verbinden sich damit? Hierüber sprach double-Autorin Julia Pogerth mit Akteur*innen des „Figurenkombinat – Ensemble für zeitgenössisches Figurentheater“ und des „Ensemble Materialtheater“.

von Julia Pogerth

Erschienen in: double 46: Networking – Netzwerkmodelle im Figurentheater (11/2022)

Assoziationen: Baden-Württemberg Puppen-, Figuren- & Objekttheater

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Sie haben sich „Kombinat“ genannt und „Ensemble“. Und „Ensemble“ meint hier gewiss nicht die an eine feste Institution gebundene künstlerische Gemeinschaft. Und Kombinat wohl auch nicht den sozialistisch-künstlerischen Großbetrieb – allenfalls mit einem ironischen Augenzwinkern –, sondern eher eine Genossenschaft oder ein Kollektiv.

Aber die Begrifflichkeit ist vielleicht nicht ganz so wichtig. Schauen wir, welche Vorstellungen sich dahinter verbergen.

Es sind Gespräche, bei welchen die Empathie und Begeisterung auffällt, mit der alle Gesprächsteilnehmer*innen bei der Sache sind. Auch die Neugier, die immer mitschwingt, die Zuversicht, der Mut, die Hoffnung, der Elan. Gegründet auf eine reiche Arbeitserfahrung, auf Erfolge und überstandene schwere Situationen der vergangenen 35, respektive der letzten 11 Jahre: Alles hilft im Hier und Heute, die Lage einzuschätzen und Wege für die Zukunft neu zu erschließen, Visionen zu entwickeln und sich diesen mit Inszenierungen anzunähern, die eine große Diversität aufweisen.

„Figurenkombinat – Ensemble für Zeitgenössisches Figurentheater“: Das sind Anja Müller (Puppenspielerin und Ausstatterin/Tübingen), Benjamin Garcia (Musiker/Köln), Esther Falk (Spielerin, Regisseurin, Ausstatterin/Stuttgart), Maik Evers (Spieler, Regisseur/Oldenburg), Helen Schumann (Spielerin/Berlin), Mirjam Ellenbroek (Spielerin/überall zuhause) und Kora Tscherning (Konzeptionelle Arbeit und dramaturgische Beratung/Meiningen).

Nach einem intensiven Probentag haben drei Akteur*innen des Figurenkombinats (Helen Schumann, Maik Evers und Esther Falk) sich Zeit für ein Gespräch mit mir genommen.

Realitätsschock und Vernetzungsstrategien

Bis auf den Kölner Jazz-Kontrabassisten Benjamin Garcia (ausgebildet an der Essener Folkwangschule) sind alle Mitglieder dieser Formation Absolvent*innen des Studiengangs Figurentheater an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Künstlerisch im geschützten Raum der Hochschule arbeiten zu können, das sei wunderbar gewesen. Es gab viele Freiheiten und eine funktionierende Infrastruktur. Aber nach dem Abschluss standen die gut ausgebildeten Figurenspieler*innen vor dem Problem, sich auf dem freien Kunstmarkt zurechtfinden zu müssen. Ein Realitätsschock: Ohne selbstverständliche Hilfe von außen musste die künstlerische Arbeit nun vollkommen selbständig organisiert werden. Und nicht wenige Fragen stellten sich drängend: Wo kann ich arbeiten, proben, Puppen und Bühnenbild bauen? Woher kommt das Geld für die Produktion? Wie und an wen verkaufe ich meine Arbeit? Wie finde ich ein Publikum? Welche Organisationsform wähle ich für mich, für meine Gruppe?

„Da hat uns ja keiner darauf intensiv vorbereitet.“ (M. Evers) Allesamt wurden sie ausgebildet zu eigenständigen Künstler*innenpersönlichkeiten, aber nicht zu Netzwerker*innen in eigenen oder fremden Strukturen. „Wir sind alle in die Welt gespuckt und wissen noch nicht, wohin der Weg geht, wir sind alle auf der Suche.“ (M. Evers) Alle hatten dieselben Probleme. Und die musste ja nicht jeder für sich alleine lösen! Sie sagten sich, lasst uns einander helfen, lasst uns gemeinsam die nächsten Schritte gehen. Der Gedanke der Solidarität, der gegenseitigen Hilfe stand und steht bis heute im Vordergrund. Ein Grundsatz übrigens, der auch alle genossenschaftlich organisierten Verbände eint. Die Mitglieder des Figurenkombinats können immer aufeinander zählen. Und sind dabei in der Lage, in die verschiedensten Rollen einzusteigen. Mal macht der eine Regie und die anderen spielen. Oder mal baut der eine die Puppen, mal die andere. Oder mal schreibt der eine Förderanträge, mal die andere. „Klar gibt es unterschiedliche Begabungen, Neigungen, Talente. Aber unser Ideal ist es, dass alle alles können.“ (E. Falk) Gearbeitet wird in immer wechselnden Besetzungen. Je nachdem, wie es ein bestimmtes Projekt erfordert – und wie es die persönlichen Umstände jeder*s einzelnen gerade erlauben.

Ein dynamischer Prozess des Gebens und Nehmens

Dabei ist jede*r einzelne frei, auch als Solist*in zu arbeiten. Oder zusammen mit einer anderen Gruppe sich einem Projekt zu widmen. „Wir müssen durchaus nicht immer alles zusammen und gemeinsam machen. Das ist ja auch klar, weil wir ja nicht alle in einer Region leben. Die eine ist in Berlin, der andere in Köln, eine in Stuttgart …“ Die Zusammenarbeit mit anderen Gruppen, die nicht nur möglich, sondern Teil des Konzepts ist, wird dabei nicht als Konkurrenz zur Arbeit des Figurenkombinats empfunden, sondern als Bereicherung. Was an anderen Orten und in anderen Zusammenhängen an Erfahrungen gemacht wird, welche neuen Beziehungen aufgebaut, welche neuen Kontakte geknüpft werden, wird als Wertschöpfung für die Arbeit des Figurenkombinats gewertet. Es entsteht ein Netzwerk, das immer größer und vielfältiger und wertvoller wird. Das gibt der künstlerischen Arbeit ständig neue Impulse und kommt der Formation Figurenkombinat letztendlich an anderer Stelle wieder zugute. Ein dynamischer Prozess des Gebens und Nehmens, der für die Gruppe sehr vorteilhaft ist.

Meinen Fragen zum Ensemble Materialtheater Stuttgart stellen sich Annette Scheibler und Sigrun Kilger. Auch diese Formation hat ihre Wurzeln an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Sigrun Kilger und Hartmut Liebsch, die sich zunächst zum „Materialtheater Stuttgart“ zusammengetan hatten, gehören zu den ersten Absolvent*innen des 1983 etablierten Studiengangs.

Durch verschiedene Faktoren wurde der Start des Materialtheater Stuttgart begünstigt. Ein bestehendes großes globales Kulturnetzwerk, das Goethe-Institut, sorgte für ein erstes, mehrwöchiges Engagement in Westafrika. Zudem war der renommierte Marionettenspieler Albrecht Roser, Mitbegründer und Lehrender an der Stuttgarter Figurentheaterschule, sehr hilfreich beim Start der neuen Compagnie. Er verfügte über ein weitreichendes Netzwerk in die internationale Figurentheaterszene, das er für seine Absolvent*innen fruchtbar machte.

Annette Scheibler, die vier Jahre später ihr Studium an der Hochschule in Stuttgart abschloss, kam nach ersten Soloproduktionen und gemeinsamen Arbeitserfahrungen dann 2004 zum Team, das fortan unter dem Namen „Ensemble Materialtheater Stuttgart“ firmierte. Mit von der Partie waren außerdem der Regisseur, Schauspieler und Autor Alberto García Sánchez (Théâtre Octobre Brüssel) und der Bildende Künstler, Fotograf, Bühnenbildner und Techniker Luigi Consalvo. Es gab weitere Änderungen bei der Kerngruppe. Hartmut Liebsch schied aus und ging eigene künstlerische Wege. Und Daniel Kartmann stieß als theaterbegeisterter Musiker (Percussion, Vibraphon) und Komponist 2008 zur Kerngruppe des Teams hinzu. Projektbezogen ergänzt sich das Ensemble Materialtheater mit weiteren Musiker*innen, Regisseur*innen, Schauspieler*innen, Figurenspieler*innen oder Figurenbauer*innen.

Interdisziplinäre Impulse

Wichtige Impulse kamen in der Anfangszeit vor allem aus der Schauspielszene: von den Akteur*innen des Frankfurter Wu Wei-Theaters, der Schauspielerin Miriam Goldschmidt und Regisseur*innen wie Barbara Meerkötter, Christina Rast und Astrid Griesbach. Profilbestimmend wurden aber auch langjährige Kooperationen mit der französischen, italienischen und deutschen Objekttheaterszene: mit der Cie. Skappa, den Objekttheatermacher*innen Gyula Molnàr und Francesca Bettini und dem Berliner Ensemble Kaufmann&Co. Nicht zuletzt prägte die Kollaboration mit interdisziplinär arbeitenden Stuttgarter Kolleg*innen wie Stefanie Oberhoff und Katharina Wibmer das Ensembleprofil entscheidend mit. So entstand ein Netzwerk, das sich ständig erweitert – auch um junge Absolvent*innen des Studiengangs Figurentheater, die bei Produktionen als Mitspieler*innen oder -autor*innen dazustoßen.

In vielem ähneln sich die Ideale und Visionen des Ensemble Materialtheater und des Figurenkombinats: Unverzichtbar sind die Anregungen von außen und der Wunsch, nicht im engen Zirkel des Puppenspiels zu verharren, sondern Grenzüberschreitungen zu wagen. Diese Öffnung – hin zum Schauspiel, zum Tanz, zur Musik, zur Bildenden Kunst – ist essentiell, und das war in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts sicher Pionierarbeit.

Verbunden mit der Arbeit im Netzwerk der Freien Szene ist ein Stück Freiheit. Hier sind eher Generalist*innen am Werk, die natürlich jeweils besondere Talente haben, aber die darüber hinaus in verschiedenen Bereichen des künstlerischen Schaffens Verantwortung übernehmen. Es schwingt Stolz mit, wenn Annette Scheibler und Sigrun Kilger davon erzählen, dass sie unabhängig in der Auswahl und in der Art der Bearbeitung eines Stoffes sind. Sie genießen es, dieses „Alles ist möglich“. Eine Erkenntnis, die auch die Mitglieder des Figurenkombinats motiviert und begeistert.

Große, genreübergreifende, gesellschaftskritische Ensembleinszenierungen auf den Weg zu bringen, wie es das Ensemble Materialtheater (im Abendprogramm für ein erwachsenes Publikum) wiederholt tut, kommt in der Freien Szene einem ökonomischen Suizid ziemlich nahe. Aber andererseits „ist es toll für uns, in einem großen Ensemble zu arbeiten. Und es ist doch auch schöner und spannender für das Publikum“ (S. Kilger). Und zu allem Willen, mit ästhetischen und poetischen Mitteln zu unterhalten, kommt immer auch noch eine kritische, poetisch-politische Dimension hinzu. Programmatisch kurz und bündig lautet der Slogan des Ensembles: „Das Ensemble Materialtheater: Brisant. Politisch. Komisch.“

Lokale Netzwerke

Vernetzt hat sich das Ensemble Materialtheater Stuttgart auch in der lokalen Kulturszene. Durch kulturpolitische Aktivitäten gemeinsam mit anderen Kulturschaffenden. Nicht von ungefähr ist der Kunstverein Wagenhalle im Stuttgarter Norden, wo das Ensemble sein Atelier und seinen Probenraum hat, ein Stück Heimat geworden. Produziert wurde und wird vor allem im FITZ – Zentrum für Figurentheater – häufig in Kooperation mit Festivals oder festen Häusern wie dem Puppentheater Magdeburg oder dem Zürcher Theater Stadelhofen. Aktuell ist das Ensemble auch außerhalb der klassischen Theaterorte sehr aktiv. Die filmische Adaption vom „Aufstand der Dinge“ kommt in Repair-Cafés zur Aufführung. Und mit „Dingdarium“ – gespielt in einer eigens konstruierten Jurte – ist die Gruppe vollends mobil.

Sigrun Kilger und Annette Scheibler bezeichnen sich als „Motor“ des Ensemble Materialtheater Stuttgart. Das ist vielleicht ein Unterschied zum Figurenkombinat. Dort geht die Initiative von immer anderen Mitgliedern des Kombinats aus. In jedem Fall aber sind die Hierarchien innerhalb einer konkreten Produktion sehr flach. Dabei hilft, dass über grundlegende Fragen Einigkeit herrscht und nicht diskutiert werden muss. Basis sind die solide, langjährige gemeinsame Arbeitserfahrung und die gegenseitige Wertschätzung. Ganz wesentlich auch: Das Vertrauen, dass die jeweils anderen ihr Bestes zu geben bereit sind, sich nach bestem Vermögen im gemeinsamen Projekt engagieren.

Befragt zu Hoffnungen und Wünschen für die Zukunft nennen die Mitglieder des Figurenkombinats vier Punkte: „Eine stärkere Sichtbarkeit des Figurentheaters in der Öffentlichkeit und im künstlerischen Diskurs. Eine bessere Unterstützung seitens der Politik (Fördergelder, Spielmöglichkeiten, Arbeitsbedingungen, …). Eine stärkere Vernetzung der freien Figurentheaterszene mit anderen Sparten und festen Häusern. Stärkere Spiegelung der Vielfalt der Gesellschaft in den künstlerischen Projekten.“ (M. Evers, E. Falk, H. Schumann) Ich würde sagen: Alles Baustellen, welche die freie Figurentheaterszene seit Jahrzehnten beschäftigen. Und es werden wohl Dauerbaustellen auf unabsehbare Zeit bleiben! – www.materialtheater.dewww.figurenkombinat.net

 

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