Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Das Lachen der Medusa – Feminismus Theater Performance u. a. mit Barbara Vinken (01/2021)
Einmal begegnete Valie Export, Ikone der feministischen Performancekunst, kurz nach ihrer Aktion mit dem Tapp- und Tastkino – einer vor den Bauch geschnallten Box mit Löchern, durch die Passanten ihre nackten Brüste ertasten konnten –, auf der Straße einem Kollegen aus der Szene der Wiener Aktionisten. „Mei, Valie“, habe dieser abfällig gesagt, „was du so alles treibst!“ Dann habe er gelacht und sei weitergegangen. Das war Ende der sechziger Jahre. Seitdem, würde man als Frau jetzt gerne schreiben, ist viel passiert, doch seltsamerweise sprechen wir 2020 immer noch über die gleichen Themen: über Sexismus, stereotype Frauenbilder, strukturelle Ungleichbehandlung.
So ist es also kein Wunder, dass auch auf deutschsprachigen Bühnen nach wie vor – und nach #MeToo umso mehr – das Bild der Frau unermüdlich dekonstruiert und neu zusammengesetzt wird. Besonders „hart“ trifft es dabei die Schauspielerinnen an den Stadttheatern, die sich in den auf den Kanon fixierten Institutionen unablässig in die gleichen Frauenrollen gedrängt sehen: Iphigenie, Gretchen, Medea … – die Liste der leidenden, sich opfernden Frauen ist lang. Doch stimmt diese Lesart überhaupt? In unserem Schwerpunkt zu Feminismus Theater Performance hat sich Christine Wahl eine Reihe aktueller Antikenaufführungen von jungen Regisseurinnen vorgeknöpft, um deren Inszenierungen von Weiblichkeit im Umgang mit antiken Frauencharakteren zu analysieren. Zudem sprechen wir mit der Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken über starke Frauenrollen in der Theaterliteratur und das Missverständnis von Kunst als Selbstermächtigungslehre.
Auch Rebekka Kricheldorf, deren Stück „Der goldene Schwanz“ wir in dieser Ausgabe drucken, hält nichts vom „Kuschelmuschelwohlfühlzeug“ der sogenannten Awareness-Kultur. Viel spannender sei es doch, sagt sie im Gespräch, zu schauen, welche Selbstgewissheiten im eigenen Milieu zu einer gewissen Blindheit führen. Mit einem ähnlich perforierenden Blick auf die eigene Bewegung trat 1976 die anarchofeministische Zeitschrift Die Schwarze Botin an, deren Forderungen, wie Dorte Lena Eilers zeigt, bestens für eine aktuelle Sichtung der jüngsten Premieren der freien Szene taugen, welche mit ihren Verhandlungen identitätspolitischer Diskurse ebenfalls gerne unter Kuschelverdacht steht. Doch siehe da: Dem ist nicht so. Zumindest die ausgewählten Performances von She She Pop bis Vanessa Stern zeigen ein wohltuend struppiges, feministisch-anarchisches Potenzial.
Um die öffentliche Darstellung von Geschlecht in seiner vermeintlich skandalösen Variante dreht sich auch die fünfte Folge in unsere Reihe zu Theater und Moral. Die Geschlechterforscherin Patsy l’Amour laLove hat sich der Geschichte des It-Girls Anna Nicole Smith angenommen, die als „Busenwunder“ medialen Ruhm erlangte – daran aber vor aller Kamera-Augen zerbrach. Ein typisches Opfer der Schönheits- und Entertainmentindustrie? Nein, sagt Patsy l’Amour laLove. Anna Nicole Smith sei eine Ikone gewesen, gerade auch für die Welt der Tuntigkeit und Travestie, die mit ihren Inszenierungen die Geschlechter seit jeher in Bewegung versetze, ohne das Subjekt mit seinen Wünschen und Tragödien zu negieren.
Die Tragödie der Corona-Pandemie – auch damit geht es in diesem Heft weiter. Elisabeth Maier hat in einer groß angelegten Recherche die Lage der 24 Landesbühnen erkundet, die als reisende Theater in der Fläche besonders vom Lockdown betroffen sind, mit fantasievollen Aktionen jedoch unermüdlich um Sichtbarkeit ringen. „Theater kann das“, lautet der Slogan des Landestheaters Memmingen. Und: Theater kann sogar auch Kino. Diesen Eindruck gewann man als Zuschauer der in diesem Lockdown neu entstandenen Hybridformate für die Live-Übertragung ins Internet. Fritz Göttler, langjähriger Filmautor der Süddeutschen Zeitung, hat sich den „Zauberberg“ von Thomas Mann in der Regie von Sebastian Hartmann angeschaut und ihn mit der 3Sat-Aufzeichnung von „Der Mensch erscheint im Holozän“ in der Regie von Alexander Giesche verglichen. Die wunderbare Erkenntnis: Schon lange treiben Film und Theater ein doppeltes Spiel, inspirieren sich gegenseitig und kommen sich nun in einem neuen „Mischmasch“ wieder ganz nah. Wann aber ist die Pandemie endlich zu Ende? Beantworten kann dies auch der bildende Künstler Markus Selg nicht, wenngleich seine neueste Produktion mit Regisseurin Susanne Kennedy ein veritables Orakel besaß. Tom Mustroph sprach mit ihm über seine Cyberästhetik. Seine spektakulären Räume zeigen wir in unserem Künstlerinsert.
Verabschieden müssen wir uns von den großartigen Schauspielern Jutta Lampe und Peter Radtke, an deren Leben und Wirken auf der Bühne Patrick Wildermann und Gerd Hartmann erinnern, dabei einen Satz ausgestaltend, den in diesem Heft Ralph Hammerthaler formuliert: „Ein guter Nachruf“, schreibt er in seiner Kolumne, „ist keine schlechte Kunst.“
Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern trotz der widrigen Umstände einen hoffnungsvollen Start ins neue Jahr. //
Die Redaktion
















