Theater der Zeit

Auftritt

sogar theater Zürich: Easy said, but schwer getan

„In meinem Hals steckt eine Weltkugel“ von Gerhard Meister (UA) – Regie Ursina Greuel, Bühne und Kostüme Cornelia Peter, Video Michael Spahr

von Elisabeth Feller

Assoziationen: Schweiz Theaterkritiken Dossier: Uraufführungen sogar theater

„In meinem Hals steckt eine Weltkugel“ von Gerhard Meister (UA) – Regie Ursina Greuel, Ausstattung Cornelia Peter, Video Michael Spahr am sogar Theater Zürich. Foto Palma Fiaco
„In meinem Hals steckt eine Weltkugel“ von Gerhard Meister (UA) – Regie Ursina Greuel, Ausstattung Cornelia Peter, Video Michael Spahr am sogar Theater ZürichFoto: Palma Fiaco

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Was wissen wir? Eins und eins macht zwei. Oder: Die Erde ist rund und nicht flach. Was wissen wir noch? Vieles – und darunter vieles, das wir gerne verdrängen. Etwa, dass alle zehn Sekunden ein Kind an den Folgen extremer Armut stirbt; die Menschenrechtsverletzungen in weiten Teilen der Welt mit unveränderter Härte anhalten oder 700 Millionen Menschen zum Leben lediglich zwei Dollar pro Tag haben. Aber wir sind schon überfordert, wenn wir im Supermarkt vor einem Regal mit Unmengen von Joghurts stehen und nicht wissen, welche Wahl wir treffen sollen. „Dabei gibt es doch eine Milliarde Menschen, die noch nie in ihrem Leben in einem Supermarkt gestanden sind und die alle nur eins im Kopf haben; alle wollen sie möglichst schnell ebenfalls im Supermarkt stehen, wie ich das gerade tue, mit meinen Nerven völlig am Ende. Wie kann ich mich diesen Menschen, die nichts haben, öffnen. Als ein Mensch, der alles hat. Wie kann ich mich öffnen, wenn sofort diese Schuldgefühle da sind, und ich als erstes wieder blocken muss, um mich gegen diese Gefühle zu wehren, die ja am Schluss auch niemandem helfen.“

Diese Fragen stellt eine namenlose Frau in Gerhard Meisters Spoken-Word-Musik-Theater „In meinem Hals steckt eine Weltkugel“. Der Schweizer Autor stellt drängende Fragen und zieht als Unterfütterung Fakten hinzu. Solche, die wir in der wohlhabenden Schweiz und anderswo ebenfalls, tunlichst umschiffen, weil wir uns nicht mit globalen Problemen befassen wollen. Das schlechte Gewissen sollte uns jedoch so sehr plagen, dass es uns nicht wie ein Schlummerlied in den Schlaf wiegt, sondern diesen verhindert und zur Tat aufruft. Aber, um mit dem Stück „The Black Rider“ zu sprechen: „Easy said, but schwer getan“.

Im Spannungsfeld zwischen Wissen, aber nicht handeln wollen oder können, bewegt sich das einstündige Stück, dessen Text auf je zwei Schauspielerinnen und Schauspieler (Lou Bihler, Lilian Fritz, Krishan Krone, Gulshan Sheikh) aufgeteilt ist. Sie treten entweder allein oder gemeinsam auf, bewegen sich mitunter auf das Publikum zu und sprechen dieses direkt an. Getrieben vom Rhythmus des Schlagzeugs und den Klängen eines Vibraphons (Fabio Santos am Schlagwerk) verheddern sich vier Menschen in ihren Argumentationsketten. Selbst dann, als einer nach Afrika fliegt, um sich dort die billig gekaufte Niere eines Afrikaners transplantieren zu lassen. Am Ende flüchtet er ins Flugzeug: „Meine afrikanische Niere passiert problemlos den Zoll.“

Auch dieser Satz ist einer unter vielen Sätzen, die es in sich haben. Sie könnten ausschließlich gedankenschwer anmuten, doch das will Gerhard Meister nicht. Er will Unterhaltung, denn: „Sie ist die erste Aufgabe des Theaters und meine Hoffnung ist, dass dies auch mit einem schwierigen Thema und den damit verbundenen schwierigen Gefühlen möglich ist.“

Und ob das möglich ist? Regisseurin Ursina Greuel – 2024 mit dem Schweizer Preis Darstellende Künste ausgezeichnet – legt den Fokus erneut ganz auf die sprachliche Gestaltung. Treten die Darstellerinnen und Darsteller einzeln hervor, dürfen sie ihren Emotionen auch schon mal laut Ausdruck geben; treten sie gemeinsam auf, wirken sie als antiker Chor, der Sätze zwar wiederholt, aber nicht so, dass sie dem Publikum eingehämmert werden. Wieder einmal zeigt sich, was das Wort im Verbund mit mannigfach variierten Auftritten und Abgängen vermag. So hält Ursina Greuel eine Inszenierung in Schwung, für die Cornelia Peter die Ausstattung, Tashi-Yves Dobler Lopez das Licht, Michael Spahr die Videos und Sibylle Burkart Oeul extérieur beigesteuert haben. Ein großer Teil spielt sich vor einem weißen Vorhang ab, auf dem oft eine Video-Schweiz zu sehen ist. Wird sie gedreht und in alle Himmelsrichtungen gezogen, wird aus dem kleinen Land die große Welt – und schon landen wir bei globalen Problemen. Die Beleuchtung akzentuiert den Text, und so erscheint mit einem Mal Fabio Santos’ riesiger Schatten im Zusammenklang mit den vier Schauspielern, die vor dem Vorhang sprechen. Das hat seine unheimliche Seite; gehört indessen als überraschendes Stilmittel zu einer Inszenierung, die dem Text präzise nachspürt, was auch bedeutet: Moralinsäure versprüht sie nicht.

Nachdenklich verlasse ich das kleine, seit Jahren so unbeirrbar und klug auf die Kraft des Wortes vertrauende Kleintheater und mache später in der Eisenbahn eine unerwartete Erfahrung. Beim Blick auf das Handy kommt mir sofort das im Stück erwähnte Coltan in den Sinn, ohne das kein Handyleben möglich ist. Gewonnen wird es im Kongo, wo ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg geführt wurde mit Waffen, die aus dem Verkauf von Coltan finanziert wurden. Steckt vielleicht sogar ein kleiner Tropfen Blut im Handy? Die Weltkugel in meinem Hals wird jedenfalls größer.

Erschienen am 6.3.2025

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