Auftritt
Landestheater Eisenach: Kindertragödie auf dem Jahrmarkt
„Frühlings Erwachen" von Frank Wedekind – Regie Anna Magdalena Fitzi, Bühne und Kostüme Verena Hemmerlein
von Michael Helbing
Assoziationen: Theaterkritiken Thüringen Anna Magdalena Fitzi Landestheater Eisenach

Der Zufall des Tages führt zu einem hübschen Kontrast. Das Landestheater, das seine Wedekind-Premiere für einen Samstagabend angesetzt hatte, verlegte sie auf den Sonntagnachmittag, Termin einer sogenannten Rentnervorstellung. Doch eine ganze Teenagerschar durchsetzt diese nun.
Klassenverbände in auffallend feinem Zwirn, sehr junge Herren oft in Anzug und Krawatte. Und dann zerrt sich der Teenager Moritz Stiefel, den Noah Alexander Wolf schlafwandlerisch entrückt anlegt, die seine auf der Eisenacher Bühne vom Hals. Den Akt kurzer Rebellion gegen Modekonventionen begleitet er mit dem Ausruf: „Das sind wir doch nicht!“ Moritz sehnt sich nach des Menschen Natur – er träumt vom nackten Dasein, in dem niemand sich von irgendwem noch einschnüren lässt.
Damit ist schon mal ein Ton gesetzt in dieser Version von „Frühlings Erwachen“: vor 120 Jahren als Skandalstück uraufgeführt, bevor es seit den späten 1960ern – in denen die gleichwohl zeitdurchlässige Eisenacher Inszenierung unter anderem zu siedeln scheint – einen zweiten Frühling erlebte. Regisseurin Anna Magdalena Fitzi versammelt für insgesamt zwanzig Rollen in Wedekinds lockerem Szenenreigen das achtköpfige Schauspielensemble des Hauses komplett. Und dieses entfaltet in dem Stück, das Tugendfragen aufwirft und Tugenden hinterfragt, jedenfalls die Tugend, sich gegenseitig zu dienen.
Als Kindertragödie hat es der Autor bezeichnet, um ihm grotesk komische Momente einzuschreiben. Das bringen sie in Eisenach so schön zusammen wie die Generationen. Im Zentrum: Jungs und Mädchen in der Pubertät, unter sozialem Druck und versucht, sich davon auch sexuell zu befreien.
Sie stehen zwangsläufig vor der oft unbewussten Entscheidung, Muster und Prägungen der Eltern und der noch viel Älteren, die ja auch mal von Mustern geprägte Kinder waren, zu durchbrechen oder an ihnen zu zerbrechen. Das Homoerotische hatte Wedekind inkludiert, eine berühmte Masturbationsszene inklusive, die Tony Massorek als Hans Rilow achtbar unprätentiös bewältigt.
An diesem Ensemble, dem Teenageralter in sehr unterschiedlichen Abständen längst entwachsen, lässt sich ablesen, dass noch halbe Kinder zu spielen kein Kinderspiel ist. Aber: Sie greifen offenbar tief in ihren Erinnerungsschatz hinein, um dem gerecht zu werden. Und dafür hat ihnen Ausstatterin Verena Hemmerlein einen Erinnerungsraum zusammengestellt, der zunächst aussieht, als sei das hier nicht Wedekind, sondern Molnár; als käme gleich Liliom um die Ecke.
Das Eisenacher „Frühlings Erwachen“ spielt, von Friedhofskreuzen flankiert, auf einem mit Patina durchzogenen Jahrmarkt: ein albtraumhafter Rummelplatz der Gefühle mit zerfleddertem Karussell, Schießbude, Schaukel und kandierten Äpfeln. Hier ist der vermummte Herr, der eigentlich erst final auf dem Friedhof erscheint, allgegenwärtiges Phantom als Leierkastenmann (Tony Marossek/Kristian Matia), das zwar immer nur die alte Leier dreht, aber der Veränderung nicht das Grab schaufelt, sondern ein Fenster öffnet.
Mit ihm beginnt alles in nebelverhangener Düsternis, bevor es jugendlich so wild wird, dass über’m heißen Herzen und vor lauter Hormonstau Texte lange nicht zum Tragen kommen. Aber es gibt dann Szenen, die gut ausgehalten werden und die man aushalten muss: wenn etwa Wendla (Luca Estelle Horvath) und Melchior (Christoph Rabeneck) sich näherkommen und um Worte ringen.
An solchen Szenen liegt es nicht, dass einem zur Pause ein Bonmot des Kritikers Kerr einfallen mag, das in diesem Fall so ginge: Ich ging um drei ins Theater, schaute zwei Stunden später auf die Uhr und es war kurz nach vier. Da stimmt mit der Dynamik des ersten Teils insgesamt etwas nicht.
Ganz anders, atmosphärisch dicht nämlich, Teil zwei, beginnend mit einem starken Bild, in dem zu Morricones „Spiel mir das Lied vom Tod“ Karussellpferde aus dem Schnürboden herabgelassen werden. Darauf hockt sich das Ensemble als bärtiges und verknöchertes Lehrerkollegium, um wie Schießbudenfiguren über Melchior Gericht zu halten, der Moritz angeblich in den Tod trieb.
Wolf, der dieser Moritz war, spielt am Grab nun dessen sich abwendenden Vater. Und als die subtil sich in ihre Wendla einfühlende Horvath auf dem Klapperstorch des Karussells sitzt, um sich nichts mehr vom Storch erzählen zu lassen, spricht sie den verdrucksten Text der sexuellen Nichtaufklärung, den die Mutter absonderte. Nele Swanton als eben diese ist wie das Echo dazu, das vor- und nachhallt zugleich. Nicht nur Moritz, der sich erschoss, trägt schließlich den eigenen Kopf unterm Arm, sondern gleichsam alle, die hier versammelt sind.
Der Inszenierung geht es wie ihnen: Sie sprengt die Ketten der Konventionen nicht, aber weitet sie.
Erschienen am 12.2.2026




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