Voraussetzungen zur Teilnahme
von Maria Nesemann
Erschienen in: Digitale Reihe: Demokratisches Theater – Teilhabe am öffentlich geförderten Theater in Deutschland, England und Frankreich (08/2026)
Originaltitel in der Printausgabe: 5.5 Voraussetzungen zur Teilnahme
Die Voraussetzungen zur Teilnahme sind hier in drei Schritte untergliedert: Ticketkauf (Wie ist die Preispolitik? Wie teuer sind die Tickets? Welche Ermäßigungen gibt es? Welche Abonnement-Angebote?), Hinkommen (Gibt es Shuttleservices oder Mitfahrgelegenheiten? Welche Maßnahmen zur baulichen Barrierefreiheit vor Ort gibt es?) und Erfahren und Verstehen (Auf welchen Sprachen wird kommuniziert? Gibt es Angebote in Gebärdensprache, Leichter Sprache, anderen Sprachen? Sind die Programmangebote übertitelt? Gibt es auf bestimmte Bedürfnisse angepasste Vorstellungen?). Im Fokus stehen damit Maßnahmen, die möglichst allen interessierten Personen, ungeachtet körperlicher, kognitiver oder sprachlicher Unterschiede, eine Teilnahme am Theaterprogramm ermöglichen. Die Maßnahmen zielen auf eine erhöhte Zugänglichkeit (Demokratisierung von Kultur) ab und berühren (zumindest vordergründig) keine Fragen nach der Programmgestaltung und dem Spannungsfeld Autonomieästhetik – Teilhabeorientierung.
5.5.1 Ticketkauf
An den meisten untersuchten Theatern in allen drei Ländern ist die Preisspanne regulärer Theatertickets relativ groß. An den deutschen Fallbeispieltheatern gibt es reguläre Tickets (also ohne Ermäßigungsrabatte oder Sonderangebote) ab 10 Euro, was den im Vergleich hohen öffentlichen Zuschüssen entspricht. Die teuersten regulären Tickets gibt es am NT und an der Comédie de Valence. Allerdings übersteigen auch dort die günstigsten Tickets nicht 25 Euro, was im Vergleich zum kommerziellen Theaterangebot eher wenig ist.
Abbildung 6: Günstigste reguläre Tickets an den Fallbeispieltheatern.
Außerdem werden an allen Theatern diverse Ermäßigungen für bestimmte Gruppen angeboten: Sie richten sich an junge Menschen, Menschen mit geringem Einkommen, Menschen mit Behinderung, Begleitpersonen, an Familien, Studierende und Auszubildende, Erwerbslose, Freiwilligendienstleistende, Theaterschaffende, Bildungseinrichtungen und Gruppen. Auch gibt es ermäßigte Karten aufgrund bestimmter Kooperationen mit (Kunst-)Hochschulen und den Unterstützerkreisen der Theater und in Kombination mit Angeboten anderer Kultureinrichtungen, Hotels und Gastronomie.
Hinzu kommen Ticketaktionen, z. B. verbilligte Last-Minute-Tickets am TfN, günstige Tickets am Theatertag des Gorki, Vorpremieren zum halben Preis und Happy Thursdays am Odéon, wo 18- bis 28-Jährige 100 kostenlose Karten erwerben können und die Friday Rush Aktion am NT, bei der man günstige Tickets für Vorstellungen in der folgenden Woche erwerben kann. Die Ticketaktionen zeichnen sich hinsichtlich Zugänglichkeit dadurch aus, dass für sie kein Nachweis für eine bestimmte Benachteiligung, die zur Ermäßigung berechtigt, erbracht werden muss: „Du musst nichts nachweisen, um die Ermäßigung zu bekommen. Das ist wichtig am Theatertag, dass es Ermäßigung für alle gibt, ohne dass du irgendwie beweisen musst: Ich bin Student, ich bin auf Harz IV, […].“1 Die Aktionen führten auch dazu, dass neues Publikum erreicht werden könne, so die Person aus der Produktion des Odéon über die Vorpremieren zum halben Preis:
Die Vorpremieren sind jedes Mal innerhalb von drei Stunden ausgebucht, das funktioniert sehr gut. Wir wollten wissen, wer die Zuschauer waren, die zu diesen Vorpremieren kamen, und unsere Studie hat etwas Interessantes gezeigt, nämlich dass es viele Erstbesucher gab […] und viele Leute, die sehr selten ins Theater gehen. Und es hat sich auch gezeigt, dass es Zuschauer gibt, die früher regelmäßig ins Theater kamen, aber dass die Vorpremieren es ermöglichen, das Interesse wiederzubeleben.2
Der Vorgang des Ticketkaufs selbst wird in einem Fall ebenfalls als publikumsbindende Maßnahme genannt: An der Comédie de Valence ist die Leitung der Vermittlungsabteilung auch verantwortlich für das Vorderhauspersonal. Sie schildert, dass beispielsweise beim Verkauf von Schulvorstellungen darauf geachtet werde, dass die Schüler:innen selbst ihre Karte abholten. So könne man ihre Kontaktinformationen aufnehmen und weitere Angebote zusenden. An den französischen Theatern ist es – im Gegensatz zu den untersuchten Theatern in Deutschland und England – insgesamt nicht ungewöhnlich, dass Vermittlung und Theaterkasse eng verbunden sind: Auch am Odéon ist der Leiter der Vermittlung und Kommunikation für den Ticketverkauf verantwortlich. Dass die französische RP eng mit der Generierung eines (diverseren) Publikums verbunden ist, wird in Kapitel 5.10 detaillierter in den Blick genommen.
Länderunterschiede gibt es vor allem im Hinblick auf das Abonnement, ein in Deutschland etabliertes und immer noch verbreitetes Modell: Über die gesamte Spielzeit werden Karten für verschiedene Inszenierungen erworben, die meist in der Zusammenstellung günstiger sind und dem Theater gleichzeitig eine größere Planungssicherheit geben. Der Hauptgrund für den Abonnementabschluss sei für viele Abonnent:innen nicht die Vergünstigung, sondern „der leichte Zwang“, so die Intendanz des Theaters für Niedersachsen: „Es ist nicht die Preisermäßigung, sondern einfach nur das Wissen: Wenn ich kein Abo hätte, würde ich nicht so oft gehen, wie ich eigentlich gehen möchte.“3 Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass sich die Theatergänger:innen bereits lange im Voraus auf bestimmte Termine festlegen müssen – dies steht im Gegensatz zu der (durch die Pandemie noch verstärkten) Entwicklung, dass vor allem jüngere Kulturnutzer:innen immer spontaner in ihren Entscheidungen sind (siehe Kapitel 3). Feste Abonnement-Systeme gibt es weiterhin an den Städtischen Theatern Chemnitz und dem TfN. Hier wird erkenntlich, dass das (ältere) Abo-Publikum für diese Theater immer noch eine wichtige Rolle spielt:
Wir arbeiten momentan an Kundenbindung statt Kundenfindung. Die Abonnenten sind die wichtigsten Kunden für die Planbarkeit, auch wenn es viele Kollegen gibt, die das mittlerweile schon anders sehen. Bei uns ist es nicht so. Und erfreulicherweise: Die Abo-Kündigungen, die wir haben, sind immer noch hauptsächlich wegen Alter, Tod, Krankheit. Nicht aus inhaltlichen Gründen.4
Die Theater Chemnitz und das TfN bieten mittlerweile aber auch Wahl-Abonnements an, die eine flexiblere Handhabung ermöglichen. Noch flexibler und an allen deutschen und französischen Theatern vorhanden sind Modelle, bei denen man ein ermäßigtes Kartenpaket kauft und dieses für alle Vorstellungen nutzen kann. An der Comédie de Valence beispielsweise gibt es solch ein flexibles Abo-Modell: Je mehr Vorstellungen man in der Spielzeit bucht, desto günstiger werden die Tickets. Die Person aus dem Bereich Vermittlung beobachtet, dass das zur Publikumsbindung beiträgt:
Jemand, der uns schon über zwölf Vorstellungen begleitet hat, zahlt am Ende drei Euro. Wir ermutigen also dazu, zu kommen und zu entdecken. Manchmal gibt es Inszenierungen, die vielleicht nicht gefallen […], aber zumindest ermöglicht das den Leuten, wirklich in das Programm hineinzufinden und zu sehen, was wir machen. Und das ist wichtig. Wir haben viele Leute, die uns auf diese Weise verbunden sind.5
Die persönliche Empfehlung beim Kartenkauf, für wenig Geld Karten für eine weitere Vorstellung dazuzukaufen, führte dazu, dass die Käufer:innen anschließend oft rückmeldeten, sie hätten sich von sich aus nicht für einen weiteren Theaterabend entschieden, seien aber letztendlich sehr froh über diese Entscheidung gewesen.6 Auch am Odéon gibt es ein flexibles Abo-Modell. Die Leitung der Vermittlung und Kommunikation berichtet, dass dieses teilweise „zu erfolgreich“ sei und sie nach Mitteln suche, um auch das Abo-Publikum zu erneuern:
Wir versuchen, Mittel zu finden, damit es nicht immer dieselben sind, die abonnieren. Denn da ich die Zahl meiner Abonnenten auf 30 % meiner Gesamtbesucherzahl beschränke, versuche ich, dafür zu sorgen, dass es bei den Abonnenten auch eine Erneuerung der 30 % gibt. Wie kann ich also verhindern, dass Leute, die Abonnenten waren, wieder Abonnenten werden? […] Mittlerweile eröffne ich den Verkauf von Abos zu Beginn der Saison fast immer über das Internet, bevor ich sie an der Theaterkasse freigebe. Denn wenn ich sie an der Theaterkasse anbiete, kommen die alten Leute aus dem Viertel. Wenn ich den Verkauf im Internet eröffne, sind es die jungen Leute.7
In den englischen Theatern gibt es keinerlei Abonnement-System, aber Mitgliedschaften – meist gestaffelt nach Höhe der finanziellen Unterstützung, die besondere Vorteile versprechen (beispielsweise Priority-Booking, exklusive Veranstaltungen – vom Probenbesuch bis zum Abendessen mit der Theaterintendanz, regelmäßige Neuigkeiten, Theatertexte etc.). Auf der Website des Pentabus Theatre werden außerdem Möglichkeiten beschrieben, wie man mithelfen kann, Spenden für das Theater zu sammeln, indem man beispielsweise bei einem Kauf bei Amazon das Theater angibt, an das das Unternehmen dann einen geringen Prozentsatz spendet. Es wird auch darauf hingewiesen, dass man einen Teil seines Nachlasses an das Theater spenden kann (leaving a legacy). Insbesondere die Bindung eines treuen Stammpublikums, das vom Theaterangebot überzeugt ist und bereit ist, dieses zu unterstützen, ist also für die englischen Theater zentral.
Am Contact Theatre erhalten Jugendliche, die an den vielfältigen Workshopangeboten des Theaters teilnehmen, eine freie Mitgliedschaft und sollen somit an das Theater gebunden werden:
Any participant gets access to the membership for free, so they’ll get emails about shows and are encouraged to use our free tickets offer. So we will get some young people who are more drawn to just come in to do activities with us, and then we drive them towards shows.8
5.5.2 Hinkommen
Usus ist, dass die Theater auf ihren Websites Angaben dazu machen, wie man zum Theater kommt – mit dem Auto, dem Fahrrad und den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das LE ZEF und die Comédie bieten Fahrgemeinschaftsplattformen an, über die Zuschauer:innen sich für Mitfahrgelegenheiten organisieren können. In Marseille spielt das eine Rolle, weil es Personen gibt, die aus Sicherheitsgründen abends nicht mehr auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen sein wollen, in Valence ist es vor allem für Theater an den Gastspielorten relevant, die schlecht an den öffentlichen Nahverkehr angebunden sind. Die Intendanz des LE ZEF schildert, dass die Vermittlungsabteilung ihres Theaters teilweise Busse organisiere für Personen bestimmter Zielgruppen, wenn sich eine Theaterproduktion thematisch besonders gut für diese Gruppen anbiete:
Die Vermittlerin hat sich gesagt: Ich denke, das wird die Familien von der Plan d’Aou [Hochhaussiedlung in den quartiers nord, Anm. d. A.] interessieren. Also haben wir einen Bus organisiert, der achtzig Personen von dort hierhergebracht hat. Die waren superglücklich, hierherzukommen und das Theater zu entdecken.9
Am TfN gibt es einen Abholservice für Menschen mit Beeinträchtigung (siehe Fundstück). Außerdem gibt das Spielzeitheft Auskunft über sogenannte „Theatervertrauensleute“: Sie sind Ansprechpartner:innen für die Orte und Spielstätten im Landkreis und unterstützen bei der Organisation des Theaterbesuchs. In Chemnitz ist mit dem Kauf eines Tickets die kostenlose Nutzung des ÖPNV möglich.
Abbildung 7: Maßnahmen zur erhöhten Erreichbarkeit des Theaterangebots an den Fallbeispieltheatern.
Um schließlich in das Theatergebäude hineinzukommen, gibt es bei fast allen untersuchten Theatern Hinweise auf bauliche Barrierefreiheit und Rollstuhlplätze im Zuschauer:innenraum. Eine ausführlichere Untersuchung der baulichen Barrierefreiheit kann an dieser Stelle nicht geleistet werden.
Die Theater, die den Fokus (auch) auf den ländlichen Raum legen, bieten Aufführungen auch außerhalb ihres Hauses an Gastspielorten in der Umgebung an. So können Personengruppen im ländlichen Raum erreicht werden, die wenig mobil sind. Auch die Hauptstadttheater NT und Odéon touren – allerdings auf den Bühnen bekannter großer Städte. Sich für das Theaterangebot nicht in ein Theater begeben zu müssen, schien lange Zeit nicht vorstellbar, denkt man beispielsweise an die Minimaldefinition von Eric Bentley für eine theatrale Situation: „A impersonates B while C looks on.“10 In den Corona-Lockdowns, als eine „leibliche Kopräsenz“11 nicht möglich war, suchten die Theater nach anderen, digitalen Formen, die ermöglichten, Theater von zu Hause aus zu rezipieren. Viele Theater stellten auf ihren Websites währenddessen Streams etc. zur Verfügung. Lediglich das NT und das Pentabus Theatre stellen auch nach der Pandemie weiterhin ein digitales Streaming-Angebot bereit. Neben dem Streamingangebot des NT (NT at Home) werden gefilmte Theaterproduktionen auch in 700 Kinos in 65 Ländern ausgestrahlt (NT Live).
5.5.3 Erfahren und Verstehen
Theater entwickeln ein immer größeres Angebot, um auf unterschiedliche Bedürfnisse, um einer Inszenierung folgen zu können, einzugehen. Dabei kann es sich um vorbereitende Maßnahmen handeln (z. B. Programmhefte in großer Schrift), um individuelle Hilfestellungen für bestimmte Sinne (z. B. Audiodeskription) oder um Anpassungen in der Inszenierung (z. B. relaxed performances). Sehr unterschiedlich ausgeprägt ist die Konsequenz, mit der bestimmte Maßnahmen durchgeführt werden. Eine stichpunktartige Übersicht dieser Maßnahmen an den neun Theatern findet sich in Abbildung 8.
Die Maßnahmen zur verbesserten Zugänglichkeit sind im Vergleich in den drei deutschen Fallbeispieltheatern am wenigsten ausgebaut. Zu den häufig genannten Maßnahmen gehören Übertitelungen: Am Gorki gibt es bei allen Aufführungen englische Übertitel. Auch Mehrsprachigkeit auf der Bühne sei für das Theater in der internationalen Hauptstadt von großer Bedeutung, sagt die Person aus der Intendanz: „Es ist ja die eine Sache, Sachen zu übertiteln. Aber auch auf der Bühne finden ganz viele Sprachen Gehör, die auch im Alltag in Berlin präsent sind.“12 Das TfN bietet einige Übertitelungen ebenfalls in Einfacher Sprache an, ebenfalls Informationen auf der Website und Führungen durch das Haus. Es gibt Tastführungen und verschiedene Spielclub- und Workshopangebote in Einfacher Sprache.
Spitzenreiter beim Ausbau von Maßnahmen zur verbesserten Zugänglichkeit sind ohne Zweifel die englischen Theater. Einige Beispiele seien hier genannt: Neben der Übersetzung in Gebärdensprache und Übertitelung gibt es für alle Inszenierungen am NT Audiodeskriptionen, bei denen man über Kopfhörer zusätzliche Beschreibungen des Gezeigten erhält. Auf der Website wird in diesem Zusammenhang auch auf Touch Tours hingewiesen, um die Bühnenausstattung erfühlbar zu machen. Außerdem werden bei einigen Inszenierungen Smart Caption Glasses eingesetzt, bei denen man sich Übertitelung und zusätzliche Beschreibungen in einer Brille anzeigen lassen kann. Es gibt creative captions, die den Anspruch haben, neben ihrer Funktion der Übertitelung auch als künstlerischer Bestandteil der Inszenierungen zu fungieren. Auf bestimmte Besucher:innenbedürfnisse wird eingegangen, indem für Veranstaltungen gekennzeichnet wird, dass Geräusche und Rein- und Rausgehen während der Vorstellung explizit erlaubt werden, Licht und Ton so angepasst werden, dass es für Menschen mit hoher Sinnesempfindlichkeit angenehm ist, oder es Orte zum Ausruhen außerhalb des Vorstellungsraums gibt.
Die Theater in Frankreich haben sehr unterschiedlich ausgebaute Maßnahmen zur Barrierefreiheit. Diese beziehen sich meist auf einzelne Programmangebote und sind nicht durchgängig verfügbar: Das Odéon mit seinem Fokus auf europäischem Theater zeigt Inszenierungen aus verschiedenen europäischen Ländern (und darüber hinaus) und somit auf verschiedenen Sprachen: In der Spielzeit 2022/2023 waren es Inszenierungen auf Englisch, Portugiesisch, Spanisch, Farsi und Weißrussisch. Inszenierungen in anderen Sprachen sind immer auf Französisch übertitelt, für einige französischsprachige Inszenierungen gibt es ebenfalls Aufführungen mit französischer und englischer Übertitelung. Die Person aus dem Bereich Vermittlung argumentiert, dass das Theater so nicht nur Tourist:innen der französischen Hauptstadt, sondern auch nicht-französischsprachige Stadtbevölkerung ansprechen könne:
Seit einigen Jahren versehen wir alle unsere Aufführungen an Samstagabenden mit englischen Übertiteln. Das gab es vorher nicht. Einerseits natürlich, weil wir in Europa sind und es normal ist, dass wir das für Touristen tun, aber auch, um die Publikumsgruppen mit Migrationsgeschichte zu erreichen, die diese Unterstützung brauchen.13
Zu Stücken in anderen Sprachen oder Übersetzungen und Übertitelungen lässt sich im Spielzeitheft des LE ZEF nichts finden, an der Comédie gibt es einige wenige Inszenierungen in anderen Sprachen und deshalb mit französischer Übertitelung. Zu einzelnen Inszenierungen veröffentlicht das Theater in Valence ein Programmheft in Leichter Sprache. Die Person aus dem Bereich Kommunikation berichtet, dass ihr Vorhaben, Texte ausschließlich in Leichter Sprache anzubieten, zu negativen Rückmeldungen aus dem Publikum geführt habe. Trotzdem sei sie weiterhin davon überzeugt:
Die Idee ist wirklich, nur in inklusiver Sprache zu schreiben. Einige Leute haben uns gesagt, dass sie es nicht mögen, dass es unmöglich zu lesen ist und so weiter. Wir haben vor allem negative Rückmeldungen bekommen. Aber nur weil wir negatives Feedback bekommen haben, heißt das nicht, dass wir aufhören werden. Wir finden das wirklich wichtig und werden das auch weiterhin verfolgen.14
An den drei französischen Theatern finden sich auch Angebote, die sich an Menschen mit eingeschränktem Hör- oder Sehsinn richten: Dazu gehört das Angebot Rencontres dans le noir am Odéon, bei dem Inszenierungen auf den Hörsinn reduziert erfahren werden können. Das LE ZEF bietet für Menschen mit Seheinschränkung die Möglichkeit, kostenlos einen souffleur d’images zur Verfügung gestellt zu bekommen: Ehrenamtliche, die die Personen in Stücke begleiten und ihnen soufflieren, was auf der Bühne passiert. Flüstersoufflage bietet auch die Comédie de Valence an. Für Menschen, die eingeschränkt hören können, gibt es an der Comédie unter anderem vibrierende Westen, mit denen man die Rhythmen der Musik fühlen kann. Bestimmte Maßnahmen seien nicht nur auf die Initiative der Theaterbelegschaft zurückzuführen, sondern auch auf einzelne Künstler:innen und deren Interesse, mit einer bestimmten Gruppe zu arbeiten:
Wir werden auch, und das ist das Verrückte und Interessante, von Künstlern beeinflusst, die Lust haben, mit einem bestimmten Publikum ihre Aufführungen zu erarbeiten. Da ist z. B. der jüngste Fall von La vie invisible von Lorraine de Sagazan, die mit der Vorstellungswelt von Menschen mit Seheinschränkung oder Blinden arbeiten wollte. […] Das war ein Segen für uns, denn seit einigen Jahren hatten wir bereits versucht, dieses Publikum zu erreichen, indem wir sogenannte souffleurs de scène einsetzten. […] Wenn ein Künstler sagt: ‚Ich habe Lust, mit dieser Gruppe zu arbeiten, einen Workshop zu machen, solche Dinge, und dann wird daraus eine Aufführung entstehen‘, dann verstärkt das noch ein bisschen das Ganze.15
An diesem Beispiel oder auch im Zusammenhang mit am NT praktizierten creative captions zeigt sich, dass Angebote zur Zugänglichkeit eben doch nicht immer vom künstlerischen Programm entkoppelt sind bzw. dass eine Verbindung von beidem Impulse setzen kann, sowohl für ästhetische Innovationen als auch dafür, Maßnahmen im Bereich der Zugänglichkeit zu ergreifen. Unter dem Stichwort aesthetics of access entwickeln sich aktuell Ansätze, die Maßnahmen zur Barrierefreiheit als integralen Bestandteil des Inszenierens verstehen.16
Abbildung 8: Maßnahmen zur Barrierefreiheit an den Fallbeispieltheatern.
5.5.4 In Kürze
Die untersuchten Theater bieten eine große Preisspanne und diverse Ermäßigungsmöglichkeiten an. Die Höhe der Eintrittspreise dürfte also nur selten einen grundsätzlichen Ausschluss darstellen. Feste Abonnement-Systeme gibt es nur (noch) in zwei der drei deutschen untersuchten Theater. Die englischen Theater müssen im Vergleich einen wesentlich größeren finanziellen Teil selbst erwirtschaften. Dort sind deshalb Mitgliedschaften – und damit die Publikumsbindung – besonders wichtig.
In den großen Städten mit guter Anbindung ans Theater gibt es keine spezifischen Angebote für die Anreise zum Theater. An den Theatern mit Fokus ländlicher Raum tourt das Theater, kommt also zum Publikum in der umliegenden Gegend. An den Spielorten, wo die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr schwierig oder mit Sicherheitsrisiken verbunden ist, gibt es Versuche, durch die Organisation mittels Fahrgemeinschaftsplattformen auch Personen ohne Pkw einen Theaterbesuch zu ermöglichen. Digitale Angebote, um Theater von zu Hause aus zu erleben, gab es während der Corona-Lockdowns unzählige – geblieben sind diese nur an wenigen Theatern.
Maßnahmen zur Barrierefreiheit findet man in der Untersuchung der Fallbeispieltheater vielfältige. Im Vergleich sind sie an den englischen untersuchten Theatern am meisten ausgebaut, in den deutschen Case Studies am wenigsten. Angebote auf Englisch findet man vor allem in den Hauptstadttheatern. Einige Beispiele deuten darauf hin, dass Maßnahmen zur Zugänglichkeit mit der künstlerischen Arbeit zusammengedacht werden (creative captions, künstlerische Forschung mit bestimmten Gruppen, Anpassungen von Inszenierungen im Rahmen von relaxed performances).
Anmerkungen
- Interview Maxim Gorki Theater Intendanz. ↩
- Interview Odéon Produktion. ↩
- Interview Theater für Niedersachsen Intendanz. ↩
- Interview Theater für Niedersachsen Kommunikation. ↩
- Interview Comédie de Valence Vermittlung. ↩
- Vgl. ebd. ↩
- Interview Odéon Leitung Kommunikation und Vermittlung. ↩
- Interview Contact Intendanz. ↩
- Interview LE ZEF Intendanz. ↩
- Bentley 1964, S. 150. ↩
- Fischer-Lichte 2004, S. 49. ↩
- Interview Maxim Gorki Theater Intendanz. ↩
- Interview Odéon Vermittlung. ↩
- Interview Comédie de Valence, Kommunikation. ↩
- Interview Comédie de Valence Vermittlung. ↩
- Vgl. Schröder 2025. ↩

















