Kolumne: „Wir gehen rein“
Tischgesellschaften zwischen den Zeiten
von Sabine Leucht
Erschienen am 1.5.2026

In meinem fünften Jahr in der Jury des Theatertreffens habe ich zwei Lektionen noch immer nicht gelernt. Die erste: Hohe Erwartungen schmälern den Eindruck. Die zweite: Wenn wir am Ende des Sichtungsjahres unsere Auswahl präsentieren, kommt unweigerlich die Frage, was die zehn – je für sich – für bemerkenswert befundenen Produktionen eint. Also mach dich darauf gefasst, etwas zu erfinden!
Das mit den hohen Erwartungen weiß ich inzwischen sicher, seit ich im Januar nach Zürich gefahren bin. Ein Regieduo aus der Ästhetikschmiede eines Yorgos Lanthimos inszeniert etwas Altgriechisches. Erwartungen: The sky is the limit. Mein Eindruck: Hebt nicht mal ab! Tags darauf stand „Il Gattopardo“ auf dem Plan. Schon beim Lesen sperrt sich mein Hirn gegen den Roman von Giuseppe Tomasi de Lampedusa. Mythenumwobenheit hin oder her. Die Ausstattung soll größenwahnverdächtig pompös und historisch sein. Ist so gar nicht meins. Beides nicht. Aber gut: Wir gehen rein.
Es passiert nicht sofort, aber es passiert: Das Sittengemälde des Risorgimento entfaltet sich wie auf der Leinwand eines Altmeisters aus Holland. Vor allem die Melancholie hat Pınar Karabulut fein ausgepinselt. Was verwundert, weil sie sonst ganz anderes Theater macht. Und plötzlich hat mich der Abend. Nicht weil die Welt, die er für gut...
Erschienen am 1.5.2026

















