Bühne
Das „Private“ auf der Bühne
von Paul Rilla
Erschienen in: Theater der Zeit: Objektive Kritik? (09/1946)
Assoziationen: Akteure
Ein Vorgang aus der verflossenen Berliner Theaterspielzeit. In einer Kritik über Raynals „Grabmal des unbekannten Soldaten“ war gesagt worden, dass das Kriegsthema durch die Problematik einer privaten Nerventragödie zugedeckt werde. Darauf stellte ein anderer Kritiker die besorgte Frage: „Ist Humanität Privatsache?“ Er meinte das jedoch nicht gegen den Autor, der ein Thema von so brennend humanitärer Bedeutung wie das Kriegsthema zu schummrigen erotischen Konflikten zerredet hatte. Vielmehr meinte er, dass „derlei Konflikte überhaupt erst auf dem Boden der Humanität möglich“ seien. Worauf die ironische und rhetorische Frage folgte: „Liebe der Geschlechter, Reibung der Generationen - alles private Probleme, ja?“
Also eigentlich nein, hätte man antworten müssen. Eigentlich nur dann, wenn ein Autor darüber gerät, der sich an allen Nervenpunkten seines Themas reibt - und wenn just solche Nervenreizung als humanitäres Bühnenexempel willkommen geheißen wird.
Was bedeutet der Vorwurf des „Privaten“? Keineswegs eine Ablehnung immer gültiger menschlicher Inhalte.
Sondern eine Ablehnung jenes künstlerischen Unvermögens, das die thematische Bedeutung auf das Nebengleis zufälliger privater Konflikte hinüberspielt. Falsche Proportionen hat ein Stück, das wie Raynals „Grabmal des unbekannten Soldaten“ mit Titel und Thema die allgemeinste Geltung beansprucht, um sich dann auf das Drei-Personen-Spiel einer monomanisch engen, monomanisch überhitzten Nerventragödie zurückzuziehen. Selbst wenn diese...