Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Götterdämmerung – Polen und der Kampf um die Theater (10/2017)
Der ideologische Umbau, der in Polen seit Antritt der rechtspopulistischen PiS-Regierung betrieben wird, hat die Kultur fest im Griff. Die „Chronik des (un)guten Wechsels“, die die Theaterwissenschaftlerin Anna R. Burzynska für unseren Polen-Schwerpunkt in diesem Heft zusammengestellt hat, liest sich atemlos. Intendantenposten werden neu besetzt, Festivalbudgets gekürzt, immer wieder kommt es zu Zensurversuchen einzelner Inszenierungen. Mit dem Instrument der Kulturfinanzierung, erklärt unsere Polen-Korrespondentin Iwona Nowacka, halte die polnische Regierung ein mächtiges Kontrollinstrument in den Händen. Besonders verstörend sind dabei die teils gewalttätigen Aktionen aus der Bevölkerung, die den ideologischen Umbau begleiten. Unter dem Deckmantel nationaler Identitätsbewahrung hat sich in Polen eine seltsame Melange gesellschaftlicher Strömungen vereint. Gegen die Inszenierung „Klątwa“ (Der Fluch) von Oliver Frljic am Teatr Powszechny in Warschau etwa protestierten gläubige Katholiken Schulter an Schulter mit dem neofaschistischen ONR. Thomas Irmer sprach mit Paweł Łysak, dem Intendanten des Teatr Powszechny, über die Angriffe auf sein Theater sowie mit den ehemaligen Intendanten Jan Klata und Paweł Wodzinski über ihre politisch initiierte Absetzung. In unserem Stückabdruck beschäftigen wir uns zudem mit dem Chortheater der polnischen Regisseurin Marta Górnicka.
Torsten Münchow, Schauspieler und Kapitän eines kürzlich eröffneten Theaterkahns in Berlin, hat seine Pläne, auch in Polen vor Anker zu gehen, zumindest noch nicht aufgegeben. Tollkühn nennt unser Kolumnist Ralph Hammerthaler diesen Kahn, zu dessen sturmumtobter Eröffnung ebenfalls der Dramatiker Rolf Hochhuth beitrug.
Abenteurer wie Torsten Münchow stehen auch in unserem Schwerpunkt zum Thema Landesbühnen im Fokus. Zwar geht es an diesen Häusern eher selten per Schiff durch die Lande, aber immerhin mit dem Bus. Anlässlich der 17. Deutschen Landesbühnentage, die vom 15. Oktober bis zum 5. November in Wolfsburg stattfinden, traf Gunnar Decker den Intendanten der Uckermärkischen Bühnen Schwedt Reinhard Simon kurz vor der Transformation seines Hauses zur Landesbühne. Mirko Schombert, Intendant der Burghofbühne Dinslaken, spricht über die Herausforderungen des Nomadentums und die Fesseln der Sparpolitik. Und Mitglieder des Ensemble- Netzwerks formulieren Wünsche und Kritik. Gerade Theater im Osten scheinen vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung von der Kulturpolitik immer mehr in die Fläche getrieben zu werden. Warum nach Einschätzung der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger aber besonders Theaterfusionen – wie das geplante Staatstheater Nordost – arbeitsrechtlich Sorge bereiten, schildert Dorte Lena Eilers in ihrem Einleitungstext.
Unser Oktoberheft bildet zudem den Abschluss unserer groß angelegten Reihe zum Neuen Realismus. Bernd Stegemann, dessen bei Theater der Zeit erschienene Publikation „Lob des Realismus“ Initiationspunkt der Essayreihe war, macht sich in seinem Beitrag ausgehend von der Brecht-Lukács-Debatte in den dreißiger Jahren noch einmal für die Möglichkeiten des Realismus im 21. Jahrhundert stark. „Realistische Kunst in der Postmoderne“, schreibt der Berliner Dramaturg, „wäre Kunst, die die unsichtbare Ideologie sichtbar macht, um dadurch ihre Funktion, die Herrschaftsverhältnisse unbegreifbar erscheinen zu lassen, offenzulegen.“
Um unsichtbare Herrschaftsverhältnisse geht es auch der Künstlerin Anne Imhof in ihrer Performance „Faust“ im Deutschen Pavillon der Biennale in Venedig. Thomas Oberender beschreibt, wie in dieser dystopisch-glatten Oberflächenwelt voller Neuzeit-Zombies besonders das Smartphone zu einer Netzwerkstelle im Echtzeitsystem von Instruktion und Überwachung werde. Die anarchische, vom Kap Verdischen Karneval angeregte Tanzkunst von Marlene Monteiro Freitas wirkt demgegenüber wie eine Teufelsaustreibung. Renate Klett hat die Choreografin getroffen, die für sie das Potenzial besitzt, „auf ihre ganz eigene Weise die neue Pina Bausch des Welttheaters“ zu werden. //
Die Redaktion
















