3. Hören lernen. Auditive Analyse dreier Hörbücher
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Studierende müssen natürlich vor allem ins Theater gehen, um Hören zu lernen. Das Ohr schärft sich am überzeugenden Ausdruck bewunderter Darstellerinnen und Darsteller, denen man ihr Können abzulauschen versucht. Ebenso bildet es sich an den Äußerungen der Kommilitonen und Kommilitoninnen, deren akustischen Auftritt man zustimmend oder eher skeptisch verfolgt.
Wenn an dieser Stelle anstatt theatraler Texte Hörbeispiele erzählenden Sprechens untersucht werden, so deshalb, weil
1. vor dem Mikrofon und im erzählenden Sprechen die Ausdrucksmittel (die ja dieselben bleiben) in der Regel differenzierter und erkennbarer eingesetzt werden, und weil
2. gerade die Frage interessieren soll, wann und mit welchen sprecherischen Ausdrucksmitteln ein Erzähltext (bei dessen Vortrag ja immer die Gefahr der »Neutralität« droht), sich theatral bzw. gestisch entfaltet.
Um die Höreindrücke besser beurteilen und vergleichen zu können, werden zunächst Roman Ingardens Ausführungen zur »sprachlautlichen Schicht« eines literarischen Werks herangezogen. Dabei wird sich herausstellen, dass es nicht immer einfach ist, zu entscheiden, welche Elemente dieser Schicht dem Sprachwerk selber angehören und welche der sprecherischen Realisation durch die Darsteller. Was der Sprechvortrag der schriftlichen Fassung an »prosodischen Elementen« hinzufügt, d. h. durch den Einsatz von Lautstärke, Satzmelodie, den Wechsel von Tempo, Rhythmus, Artikulation und Timbre, wird nur in einzelnen Zügen im Sprachwerk selber...
















