Theater der Zeit

Auftritt

Ernst Deutsch Theater Hamburg: Coole CI, lauwarmer Drache

Regie und Konzeption Mona Kraushaar, Regieübernahme wegen Krankheit Daniel Schütter, Bühne Katrin Kersten, Kostüme Nini von Selzam, Musikalische Leitung Albrecht Ziepert

von Jens Fischer

Assoziationen: Hamburg Theaterkritiken Ernst Deutsch Theater

Von puschig zu cool? K als Lanzelot, Aaron Brömmelhaup als Drache im gleichnamigen Theaterstück in der Regie von Mona Kraushaar, Regieübernahme wegen Krankheit Daniel Schütter. Foto Sinje Hasheider
Von puschig zu cool? K als Lanzelot, Aaron Brömmelhaup als Drache im gleichnamigen Theaterstück in der Regie von Mona Kraushaar, Regieübernahme wegen Krankheit Daniel Schütter am Ernst-Deutsch-Theater HamburgFoto: Sinje Hasheider

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Das etwas puschige Ernst Deutsch Theater (EDT) soll jünger, diverser, krasser daherkommen. Und erstmal zeitgemäßer aussehen. Nach dem Komplett-Relaunch des Erscheinungsbildes prangt ein neues Logo in sachlicher Reduktion auf einem farbintensiven Spielzeitheft, darin sind Fotos von Hamburger Schmuddelecken und Schauspieler:innen, die in einem schäbigen Kiosk posieren. Während das das Theaterfoyer aufgehübscht wurde: dunkler Teppichboden raus, helle Fliesen rein, Betonoberflächen entkleidet und grob überpinselt. Zwei Bartresen sind in den Raum hineingebaut und ein paar niedrig gelegte Massivholzmöbel platziert. Die betont kühle Innenarchitektur will cool sein und prunkt mit dem hippen Charme des Provisorischen. Als Café ist das Foyer nun auch tagsüber geöffnet. Abends gilt für Studierende, Auszubildende und Schüler:innen neuerdings das Angebot: Pay what you want. Auch null Euro sind möglich. Und die Kunst? Mit jugendforschem Elan in die Zukunft durchstarten, ohne die Familientradition zu verleugnen, könnte das Spielplan-Motto lauten. Friedrich Schütter hatte das Privattheater 1951 gegründet, nach dem Tod des Prinzipals wurde es von Gattin Isabella etwas zeitgenössischer aufgestellt und seit dieser Saison sind Sohn Daniel, Schauspieler, und Ayla Yeginer, Regisseurin, die Leiter:innen. Mit „Dantons Tod“(Georg Büchner) gab es erstmal was seriös Klassisches, mit Mary Shelleys „Frankenstein“ ein Gedankenspiel und „Ein seltsames Paar“ von Neil Simon steht für harmlose Lustigkeit. Gespielt wird nicht mehr en suite, sondern im Blockrepertoire-Betrieb – und nicht mit Gästen, sondern einem elfköpfigen Ensemble. Das sich jetzt auf das Vorzeigeprojekt des Imagewandels stürzen konnte: „Der Drache“, eine von Jewgeni Schwarz märchenhaft erzählte Politparabel. Geschrieben 1943, wurde sie als Abrechnung mit Stalin und/oder Hitler, in der DDR auch als SED- oder Kapitalismus-Kritik gelesen. Beispielhaft wird die Funktionsweise totalitärer Systeme aufgezeigt. Der Führer befiehlt, das Volk folgt, jeder Widerstand wird mit vollendeter Grausamkeit gebrochen.

Wo ist das Stück am EDT angesiedelt? Irgendwann in einem mit Palmen- und Laubbaumgedöns sowie Oberaufseherturm und Palasttor geschmückten Fantasy-Irgendwo. Konkret zeitgeistig aber sind viele Crossgender-Besetzungen und Lanzelot, „Held von Beruf“, gespielt von einem Schwarzen Schauspieler, der lässiges Leinen-Outfit dem Ritterornat vorzieht, höchst statuarisch mit variationslos mildem Tonfall agiert und so alle Bühnenpräsenz erfordernden Heldenklischees unterläuft. Aber er ist die einzige Identifikationsfigur am Handlungsort, wo ein Drache herrscht, der das Volk arm frisst und sich jedes Jahr eine Jungfrau als Opfergabe servieren lässt. Lanzelot will als Tyrannenmörder den Befreier geben. Die mitunter in Katzen- und Eselmasken auftretenden Bürger – auch Schäfchenkostüme hätten prima gepasst – wollen aber lieber ihre Ruhe, Ordnung und Sicherheit behalten. Garantiert der Drache doch, dass keine anderen Drachen über das Land herfallen, zudem habe er es vom „fremden Pack“ befreit, gemeint sind Migrant:innen. Wenige solcher Verweise auf rechtspopulistische Gesinnungslagen sind zu vernehmen. Das Regiekonzept der erkrankten Mona Kraushaar führte Daniel Schütter zur Premiere.

Kater Mariechen bringt das Duckmäusertum im Drachenland auf den Punkt: „Wo dus warm und weich hast, mein Bester, tust du am klügsten, wenn du vor dich hindöst und schweigst.“ Wie das Schweigen zu brechen ist, will die Aufführung zeigen. Lanzelot fordert den Drachen zum Duell. Dafür wird mit Nebel, Lichteffekten und fett verzerrtem Riff-Rock mal so richtig fetzig was losgemacht auf der Bühne. Und mit einem weiteren kritischen Verweis konterkariert. Als alle Beobachter:innen zu Beginn mit Lanzelots Tod rechnen, wird denjenigen, die ihm Obdach gewährt haben, mit Ablehnung begegnet. Zeichnet sich Lanzelots Sieg ab, haben alle die Unterstützer des Zugereisten ganz doll lieb. Menschen sind Opportunisten, heißt das wohl, und daher immer bemüht, an der Seite der Sieger zu stehen, um Vorteile einzuheimsen.

Wo laufen derzeit Menschen einem Drachen hinterher, welche kennen, dulden, unterstützen wir? Das sind Fragen, denen die Aufführung nicht nachgeht. In schönster Klarheit die Parabel zum Strahlen bringen, ihre abgründige Komik im Stil des absurden Theaters eröffnen, in Anbetracht von politischen Massenmördern wie Putin oder Krawallverbrechern wie Trump auf Politgroteske oder Grand Guignol setzen? Der Inszenierung fehlen solche ästhetischen Mittel sowie Dringlichkeit und Schärfe, den Stoff fürs Hier und Heute zu analysieren. In der fröhlich juvenilen Bühnenpartystimmung geht es in darstellerischer Eindimensionalität vor allem um den Spielspaß. So schwankt das zu opfernde Mädchen nicht zwischen Vergewaltigungspanik, Todesangst und Märtyrerinnenstolz, sich für das Volk dem Drachen hinzugeben, sondern gibt mit Dauergrienen und Kleinmädchenstimme nur die Supernaive. Dass sie und Lanzelot in plötzlicher Verliebtheit erblühen, kommt in Teeniekomödienmanier lächerlich unglaubwürdig daher. Und der Bürgermeisterbösewicht bedient als Zappelphilipp geradezu überbordend das Quatsch-Comedy-Genre. Schleppt er langsam einen Stuhl, spricht er von einem „langen Stuhlgang“. Gibt er Lanzelot einen Stängel Grünzeug in die Hand, nennt er ihn „Herr Pflanzelot.“ Da können CI, Website, Publikationen noch so flippig, das Foyer noch so modern hergerichtet sein, wenn die dazu passen sollenden Inszenierungen nur lustig an Oberflächen kratzen, hat die Neuorientierung des EDT noch großen Nachholbedarf.

Erschienen am 22.1.2026

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