Theater der Zeit

Auftritt

Festival d’Avignon: Pure Schlampenpower

„Trilogia Cadela Força. Capítulos I, II, III“ von Carolina Bianchi und Cara de Cavalo – Konzeption, Text, Inszenierung & Szenografie Carolina Bianchi (für alle drei Teile), Szenenbild Luisa Callegari, Kostüme Luisa Callegari, Carolina Bianchi (für alle drei Teile), Tomás Decina (Teil 1), Video Montserrat Fonseca Llach (alle drei Teile)

von Elisabeth Maier

Assoziationen: Theaterkritiken Carolina Bianchi

Szene aus „Uma Luz Cordial“,  Kapitel III der „Trilogia Cadela Força“ von Carolina Bianchi, 2026
Szene aus „Uma Luz Cordial“, Kapitel III der „Trilogia Cadela Força“ von Carolina Bianchi, 2026Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

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Die überlebensgroßen Statuen der großen französischen Literaten Pierre Corneille und Molière vor der Grand Opéra in Avignon sind mit schwarzen Müllsäcken verhüllt. Über dem prunkvollen Bau aus dem 19. Jahrhundert hängt ein Schild, das auf das Programm verweist: „Cadela Força“. Die weiße Kritzelschrift auf schwarzem Untergrund steht im krassen Gegensatz zu Pomp und Prunk des Opernhauses. Frei aus dem Portugiesischen übersetzt, bedeutet das „Schlampenpower“.

Als Beitrag zu einem der bedeutendsten internationalen Theaterfestivals produziert und zeigt die Performerin und Regisseurin Carolina Bianchi nicht nur den dritten Teil ihrer Trilogie über Femizide, sexualisierte Gewalt und männlich dominierte Machtstrukturen – im zehnstündigen Marathon waren die drei Teile hintereinander zu erleben. Dass Tiago Rodrigues, der künstlerische Leiter des berühmten Festivals, das Publikum mit Bianchis polarisierendem Blick auf sexualisierte Gewalt konfrontiert, ist eine starke Setzung.

Denn nicht nur für die Radikalperformerin Carolina Bianchi selbst und für ihr Kollektiv „Cara de Cavalo“ (übersetzt: Pferdegesicht) war der zehnstündige Marathon ein extremer Kraftakt. Mit kurzen Pausen von jeweils 20 Minuten erlebte das Publikum Bianchis Schocktheater. Die inhaltlichen wie formalen Bezüge zwischen den drei jeweils sehr unterschiedlichen Teilen zu entdecken – von Frauenmorden und Vergewaltigung im ersten Teil zur Dekonstruktion patriarchaler Strukturen im zweiten und dem Verlust der Künstler:innenidentität im dritten – fesselte die Zuschauer:innen, von denen die meisten bis zum Ende um 24 Uhr in den komfortablen Opernsesseln ausharrten.

Was sich auf der Bühne abspielte, war alles andere als bequem. Im ersten Teil „A Noiva e o Boa Noite Cinderela“ setzt sich Bianchi selbst mit K.O.-Tropfen außer Gefecht. Ihren leblosen Körper tragen die Performer:innen und Tänzer:innen über die Bühne, machen sie zum willenlosen Objekt. Mit medizinischem Besteck dringen sie in ihren Körper ein. Mit Bildern wie diesen findet Bianchi eine Sprache für das Unaussprechliche. Vergewaltigungen nach einem Barbesuch, sexuelle Gewalt und Morde – das ist die Wirklichkeit von Frauen in aller Welt. Im zweiten Teil „The Brotherhood“ seziert Bianchi in einer strengen, druckvoll getakteten Choreografie die männlichen Seilschaften und Machtstrukturen. Platte Klischees, die da zutage treten, schwächen Bianchis starke Thesen zu dem komplexen Thema. Die Interaktion mit einem mächtigen Regisseur, den Bianchi auf der Bühne interviewt, kommt wie Comedy daher. Die Chance, subtile Mechanismen aufzuzeigen, mit denen Männer Frauen kleinhalten und manipulieren, hat die Regisseurin da schlicht vertan.

Den Titel des dritten Teils, „Una Luz Cordial“, hat Carolina Bianchi einer Zeile der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson aus dem Gedicht „My Life Had Stood – A Loaded Gun“ entlehnt. Die Bedeutung „ein wärmendes Licht“ konterkariert die Auflösung der Künstler:innenidentität, die Bianchi auf der Bühne schmerzhaft zelebriert. Um zu zeigen, wie Frauen im männlichen Machtbetrieb zerrieben werden und sich selbst künstlerisch prostituieren, nimmt sie die Autorinnen Hilda Hilst und Emily Dickinson in den Blick.

Mit abstoßend verzerrter Kindchenstimme zitiert eine Performerin aus den pornografischen Schriften, mit denen die brasilianische Dichterin in ihren frühen Jahren dagegen protestierte, als Frau im Literaturmarkt marginalisiert zu werden. Im Mittelpunkt des Textes, dessen Stil Groschenromane imitiert, steht das Mädchen Lory Lamby, das gegen Geld von Männern missbraucht wird. Sie lüftet ihren Rock für die Männer, die ihre Eltern dafür bezahlen. Die gedrechselte, auf kindlich getrimmte Sprache trifft ins Herz: „Der Mann hat mich abgeleckt wie meine Katze ihr Fell.“ 1990 schrieb Hilst dieses umstrittene Werk, um auf die Ungleichbehandlung auf dem Literaturmarkt aufmerksam zu machen. Ihre Kritik: Obszöne Literatur werde auf dem Markt gefeiert, während Autorinnen dasselbe Recht verwehrt werde.

Wie sich die Identität der Künstlerin auflöst, wenn Frauen einfach nur gefallen wollen, stellen Bianchi und ihre Performer:innen mit radikalem Sprech- und Körpertheater zur Schau. Drei nackte Akteur:innen bewegen sich auf der Bühne aufeinander zu. Eine Person wird in die Knie gezwungen. In quälender Langsamkeit zeigen Choreografien wie diese, welch körperliche Zerstörung patriarchale Strukturen mit sich bringen. Worte verlieren ihre Bedeutung. Es geht um die bloße Existenz.

Klug und überzeugend geht Bianchi auch mit Emily Dickinson ins Gericht, die postum zur bedeutenden amerikanischen Lyrikerin wurde. Ihre poetischen Lebensfluchten wie „I Could Not Stop For Death“ sind für Bianchi ebenso auf die sexuelle Gewalt zurückzuführen, die die Gesellschaft Frauen seit Jahrhunderten antut. In „Uma Luz Cordial“ offenbart Bianchi die Qualität ihrer Theaterarbeit. Denn was bisweilen als pures „Schocktheater“ wahrgenommen werden könnte, offenbart sich spätestens im dritten Teil als hoch differenzierte Auseinandersetzung mit einer Welt, in der die Ausbeutung von Frauen immer noch selbstverständlich ist. Mit ihren sinnlichen, oft verstörenden Texten saugt sie das Publikum in einen Strom des Unbewussten. Dass diese intellektuell fordernde Sprachkunst zehn Stunden lang fesseln kann, offenbarte der Marathon in Avignon.

Erschienen am 16.7.2026

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