Theater der Zeit

Vorwort

Erschienen in: Recherchen 143: Ist der Osten anders? – Expertengespräche am Schauspiel Leipzig (04/2019)

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„Ist der Osten anders?“ war ein Gespräch zwischen Heinz Bude und Gregor Gysi betitelt, das anlässlich des Spielzeitmottos „Woher Wohin“ im Oktober 2016 am Schauspiel Leipzig stattfand.

Als im April 2018 Herfried Münkler und Robert Misik innerhalb des Spielzeitmottos „Angst oder Liebe“ über deutsche Identitäten diskutierten, schloss sich thematisch ein Kreis.

Unterschiedlicher aber als bei diesen beiden Gesprächen konnten die Reaktionen nicht sein. Die Veranstaltung mit Heinz Bude und Gregor Gysi endete, bei allen sonstigen Meinungsverschiedenheiten, in der Auffassung, dass es den Osten und den Westen nicht mehr gibt. Die gewiss vorhandenen sozialen und ökonomischen Unterschiede, Zustände und Bruchlinien lassen sich nurmehr ungenügend entlang ehemaliger staatspolitischer Grenzen beschreiben. Stattdessen müsse eher eine gesamtdeutsche Betrachtung Grundlage realistischer Analysen sein. „Ostdeutsch isch over“ war die Rezension der Diskussion in der Welt übertitelt; sie ist diesem Band beigefügt.

In der Diskussion zu Wolken.Heim achtzehn Monate später hingegen beharrten einige im Publikum vehement auf einer spezifisch ostdeutschen bzw. Leipziger Identität.

Diese Verschiedenheit der Positionen mag der Verschiedenheit des konkreten Diskussionsgegenstandes geschuldet sein – dennoch scheint gerade bei der Frage, was Identität ausmacht, im Laufe der Monate das Bezugsfeld wieder mehr auf Nähe fokussiert, die Empfindung partikularer geworden zu sein – und wird energischer verteidigt.

Nicht nur in diesem Bogen wird deutlich: Die Gespräche seit 2016, eine Fortführung der Expertengespräche zu Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen am Schauspiel Leipzig (Recherchen Band 124), können als ein Stimmungsmarker für die Entwicklungen und Diskussionen der zurückliegenden Monate gelesen werden.

Die Gespräche über den Zeitraum von achtzehn Monaten sind zudem ein Beleg dafür, dass nicht wenige Gedanken und Analysen ihre Gültigkeit behalten in einer Zeit, in der Debatten und Themen schnelllebig aufeinanderfolgen und der Eindruck entsteht, es bräuchte im Stundentakt ganz neue Lösungen für die jeweilig ausgerufene politische Situation. In den Gesprächen finden sich vielfach Analysen, Beschreibungen und Gedanken, die nach wie vor überzeugen oder weiterhin zum Nachdenken bringen.

Gemeinsam war vielen Gesprächen die Erkenntnis, wie sehr sich eine vermeintlich Deutschland-spezifische politische Entwicklung und gesellschaftliche Auseinandersetzung auch in anderen Ländern Europas und der Welt beobachten lässt. Dynamiken und Konflikte, die die deutsche Gesellschaft beschäftigen, lassen sich ähnlich in Polen, Ungarn, Italien, Frankreich oder den USA beobachten. Das gilt für die schwindende Rolle der Sozialdemokratie bzw. der Linken allgemein, und es gilt im Gegenzug für das Erstarken der politischen Rechten. Es gilt bezogen auf gesellschaftliche Themen und Debatten (und wie sie geführt oder nicht geführt werden), und es gilt für weltweit zu beobachtende Parallelen populistischer Strategien.

Bezogen auf Deutschland lässt sich feststellen, dass die großen sinnstiftenden Erzählungen der Nachkriegszeit allmählich verblassen. Sei es, weil man sich an die Erfolge voriger Generationen gewöhnt hat. Oder sei es, dass man die Inhalte der Erzählungen heute nicht mehr für entscheidend hält – jedenfalls, was das Projekt eines friedensstiftenden Europas betrifft.

Sofern es um das Projekt der sozialen Marktwirtschaft mit dem „Deutschen Wirtschaftswunder“ geht, mag ein dritter Grund darin liegen, dass erfolgte Reformen oder Weichenstellungen in den Augen vieler diese Inhalte grundlegend verändert bzw. aufgegeben haben.

Ein zweiter Gedanke, der viele Gespräche verbindet: Bisherige Routinen der gesellschaftlichen Diskussion scheinen nicht weiter zu führen bzw. sind nicht unbedingt geeignet, die gegenwärtig stattfindenden und dringend nötigen Diskussionen zu organisieren und zu ermöglichen.

Die Frage der neuen sinnstiftenden Erzählungen ist unbeantwortet. Ein Punkt, der mehrfach in den Veranstaltungen formuliert wurde: Es wird bei diesen Diskussionen weiterhin und grundlegend Meinungsverschiedenheiten, unterschiedliche Ansichten und zahlreiche Konflikte geben. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass wieder zu lernen ansteht, solche Konflikte zu führen und zu diskutieren. Und die Gesellschaft, jede und jeder Einzelne, wird lernen müssen, diese Konflikte mehr auszuhalten, als es zuletzt üblich war.

Dazu möchten die Expertengespräche, live am Schauspiel Leipzig und hier in ihrer vorliegenden Schriftversion, einen Beitrag liefern: als der Versuch, angebunden an das Theater zu aktuellen Fragen der Gegenwart manchmal verschiedene, manchmal aber auch sehr nahe Meinungen zu führen und weiter zu diskutieren.

Ein zweiter Schwerpunkt an Veranstaltungen widmete sich der Inszenierung Die Maßnahme / Die Perser: Fünf Veranstaltungen begleiteten dieses Doppelprojekt am Schauspiel Leipzig, das zwei legendäre Eckpfeiler der Theatergeschichte gegenüberstellte: Brecht & Eislers Lehrstück aus dem Jahr 1930 und das älteste erhaltene Drama der Menschheit.

Zentraler Bezugspunkt der fünf Veranstaltungen war Die Maßnahme. Die Struktur und Handlung dieses so titulierten „Lehrstücks“, nicht zuletzt die titelgebende Maßnahme der Tötung eines jungen Genossen unter Einholung seines eigenen Einverständnisses, gab den Anlass, den zeit- und geistesgeschichtlichen Kontext der kommunistischen Gedankenwelt näher zu befragen und zu rekonstruieren.

Gerd Koenen und Martin Sabrow skizzieren die Geschichte der kommunistischen Bewegungen und die Genese ihres Denkens. Von den Anfängen der Sozialrevolutionäre im zaristischen Russland verfolgen sie den Weg über die Sowjetzeit bis hin zum Zusammenbruch der DDR, von den Theorien Marx’ bis hin zu Lenin und Stalin. Zugleich entwickeln sie eine Typologie der charakteristischen Parteiaktiven, vom Avantgardisten bis zum Funktionär.

Karl Schlögel konzentriert sich auf das Geschehen im Moskau des Jahres 1937, zu Zeiten der Schauprozesse und des stalinistischen Terrors. Willi Winkler befragt die Fernwirkungen der Maßnahme auf das Denken der RAF, und im abschließenden Vortrag des Bandes untersucht Helmuth Kiesel die Dramaturgie der Maßnahme auf religiöse Strukturen und nimmt den Bezug zu den Persern des Aischylos auf.

Die Leipziger Inszenierung der Maßnahme war somit der Anlass, theoretische, polit- und kulturgeschichtliche Hintergründe aus verschiedensten Disziplinen bereitzustellen für ein Werk, das heute mehr denn je zugleich fasziniert und verstört – und das, wie Helmuth Kiesel es konstatiert, eine „Herausforderung für die politische, ethische und ästhetische Urteilskraft“ darstellt.

Enrico Lübbe und Torsten Buß
Leipzig, im Februar 2019

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