4.5. Prosodische Variationen
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
4.5.1. Hörgewohnheiten und Satzstellung
Wir wollen nun ein – zugegebenermaßen etwas ungebräuchliches – Sprichwort ins Auge fassen:
Es ist nicht jeder ein Schmied, der ein Schurzfell trägt.
Es entstammt Heinz Fiukowskis Sprecherzieherisches Elementarbuch, einem Standardwerk der Sprechpädagogik, das zu jedem Sprachlaut eine Fülle von Satzbeispielen enthält, die auch noch in der neuesten Auflage durch eine gewisse Altertümlichkeit oder sogar Abseitigkeit auffallen. Aber gerade die historische – und damit einhergehend – ästhetische Differenz kann hilfreich sein, wenn es darum geht, einen Beispielsatz nun, wie oben angedeutet, prosodisch durchzudeklinieren, d. h. Betonung und Satzmelodie variieren zu lassen. Ein Satz, der sich zunächst einmal einem raschen Verständnis verweigert, bietet dem beschriebenen Vorgehen möglicherweise mehr Angriffsfläche.
Nicht nur wegen des ungebräuchlichen Kleidungsstücks Schurzfell setzt beim folgenden Sprichwort in vielen Fällen das Verständnis aus. Warum, wird begreiflich, wenn man den Ausspruch laut lesen lässt. Fast immer wird folgendermaßen betont:
🔊4.5. Die sechs prosodischen Variationen wurden hintereinander aufgenommen. Es empfiehlt sich, nach jeder Variation auf Stopp zu drücken.
Es ist nicht jeder ein Schmied, der ein Schurzfell trägt.
Das entspricht unserer an Sachtexten erworbenen Hör- und Lesegewohnheit: »Es entspricht der deutschen Satzstruktur, dass das Satzglied mit dem höchsten Informationswert, dem kommunikativ Wichtigsten, im Allgemeinen am...
















