Editorial
Bye-bye Baal. Als Frank Castorfs Version von Bertolt Brechts „Baal“ beim diesjährigen Berliner Theatertreffen letztmals über die Bühne ging (die Brecht-Erbin Barbara Brecht-Schall hatte weitere Aufführungen verbieten lassen), wehte bereits ein Hauch Wehmut durch den Saal. Soll dieses einzigartig intellektuell-sinnliche, anarcho-aufsässige Theater wirklich seine künstlerische Basis verlieren? Der Berliner Senat jedenfalls sagt Ja. Ab 2017 soll der Kurator und derzeitige Leiter der Tate Modern in London Chris Dercon die Volksbühne leiten. Eine Personalentscheidung, die bei vielen für Wut und Empörung sorgte. Wir haben Künstler, Theaterleiter und -denker nach dem Wider, aber auch dem Für dieser Neubesetzung befragt. Ein Brennpunkt mit dem Schnipselvortragskünstler Jürgen Kuttner, dem Theaterwissenschaftler Joachim Fiebach, dem Schauspieler Josef Bierbichler, HAU-Chefin Annemie Vanackere und HAU-Kuratorin Aenne Quiñones.
Alles neu, alles anders? Um die Erweiterung eines alt-engen Horizonts der Volksbühne durch Aktivitäten wie Performances, Tanz, Konzerte, Film/audiovisuelle Medien könne es jedenfalls nicht gehen, schreibt Joachim Fiebach. „Genau sie ist eine ihrer Besonderheiten seit dem Antritt der Intendanz Frank Castorfs.“ Beispiel: Meg Stuart. Die US-Choreografin war von 2005 bis 2010 Artist in Residence am Haus. Astrid Kaminski hat die kürzlich 50 gewordene Künstlerin porträtiert, die mit ihren Arbeiten an großen Theaterhäusern dazu beigetragen hat, einen anderen Repräsentationsbegriff zu kreieren. Hinzu kommt eine weitere Performanceposition in diesem Heft: Willi Dorner, über dessen performative Stadtrundgänge unsere Autorin Renate Klett schreibt: „Willi Dorner macht eine Kunst, für die es keinen Namen gibt (…) Lange Körperreihen in knallbunten Outfits sind liegend, hockend, kauernd über riesige Freitreppen drapiert, markieren schmale Wege oder akkurate Zickzacklinien. (…) Die Bilder sind hintergründig, manchmal unheimlich.“ Seine Grundfrage dabei: „Wie können (Menschen) sich ihre Stadt wieder aneignen, diese Städte mit all ihren Privatisierungen und Verboten?“ Unser Künstlerinsert zeigt Szenen seiner verspielt-verrückten, dabei dezidiert politischen Arbeiten.
Mit dem Begriff des Politischen sind wir wieder bei der Volksbühne und bei einem Künstler, der in dieser Hinsicht bislang unerreichbar ist: Christoph Schlingensief. Unser Kolumnist Ralph Hammerthaler erinnert daran, dass Schlingensief einer der Ersten war, als er 1999 fünfzig Flüchtlinge aus dem Kosovo in der Volksbühne einquartieren wollte. Damals zuckte Frank Castorf noch zurück. Heute nehmen Häuser wie Kampnagel Hamburg und das Europäische Zentrum der Künste in Dresden-Hellerau Flüchtlinge auf. Ein Statement – „gegen politische Untätigkeit, die vorgestrige Rechtslage, die humanitäre Katastrophe“. Michael Bartsch sprach mit Hellerau-Leiter Dieter Jaenicke, während Ralph Hammerthaler sich mit dem Ermittlungsverfahren gegen Kampnagel- Chefin Amelie Deuflhardt befasst, die wegen „Beihilfe zum Verstoß gegen das Aufenthaltsrecht für Ausländer“ von einem AfD-Mitglied verklagt wurde. „Tja, wäre es nicht so traurig, wäre es lustig.“
Nicht reden. Realitäten schaffen. Der Schriftsteller und Theaterautor Eugen Ruge macht sich in unserer Reihe Neuer Realismus Gedanken um den umgekehrten Vorgang: Wie lässt sich durch Rede, Sprache, Erzählung im Roman und auf der Bühne der Realität wieder beikommen? Einer Realität, die durch den „Relativismus der Postmoderne“ in viele kleine „Perspektiven“ zersplitterte? Ruge schreibt: „Die Geschichte/die Erzählung/die Darstellung eines Geschehens vermittelt eine Form des Wissens, das nur durch Erzählung vermittelt werden kann. Keine Wissenschaft, aber auch keine in Szene gesetzte Statistik (…), auch keine Performance und kein Bild vermögen exakt das zu tun, was die Geschichte tut.“
Für Etel Adnan ist dies sowieso die „Essenz von Theater“: die Stimme, die erzählt. Gemeinsam mit der libanesischen Schriftstellerin gratulieren wir in diesem Heft Corinna Harfouch, die in diesem Jahr den Berliner Theaterpreis verliehen bekam. Sie sei eine Schauspielerin, schreibt Adnan, die „uns durch ihre reine Präsenz daran erinnert, dass das menschliche Tier existiert (…) Und diesem Tier steht Sprache zur Verfügung, mit ihren unendlichen Möglichkeiten.“ //
Die Redaktion
















