Rätsel an der weißen Pyramide. »Böen« im Theater der Altmark Stendal
Aus NZ, 19.6.1992
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Ostdeutschlands Theaterballette erheben sich wider das jahrzehntelange Ausschließlichkeitsdiktat des klassisch-akademischen Tanzes. Hatte diese Bewegung hin zur Moderne bislang zwei nennenswerte Keimzellen, Leipzigs Truppe um Irina Pauls und das Cottbuser Ensemble, beide aus eigenen Kräften auf dem Marsch ins Neuland, beginnt sich dieser Ausbruch auszuweiten, wenngleich mit westlicher Hilfe.
Führt in Dresden Johannes Bönig die Kompanie der Semperoper auf neue, der Klassik noch verbundene Wege, probiert in Plauen die Taiwanesin Mei-Hong Lin eine Synthese mehrerer Stilistiken aus, und in Eisenach studierte Krisztina Horváth aus Kassel eine schlüssige Ostbilanz aus westlichem Blickwinkel ein.
Seit Beginn dieser Spielzeit hat das Tanztheater auch Stendal erfaßt, ein verträumtes 50.000-Seelen-Nest in der Altmark, das von dem Ruf zehrt, Geburtsort des Archäologen Winckelmann zu sein.
Walter Bickmann, kaum dreißigjährig, in Köln und München ausgebildet, dann Tänzer in Wien und Heidelberg, heißt der frisch engagierte Chef. Mit der Truppe aus fünf Damen und vier Herren hatte er einen überraschenden Erfolg in der auf zehn Tonnen Sand ablaufenden Produktion »Babylon I«, entstanden in Wien und fürs StendalerRemake überarbeitet. Achtzehn gut besuchte Vorstellungen!
»Böen« nennt sich die erste eigens für Stendal entworfene Arbeit Bickmanns. Thema dieses anderthalbstündigen Exkurses in die Welt dunkeltöniger Gedankenexperimente sind die Beschwerlichkeiten...















