Theater der Zeit

Auftritt

Staatsoper Stuttgart: Loop-Oper mit Götterdämmerung

„Dora“ von Bernhard Lang (UA) – Musikalische Leitung Elena Schwarz, Regie Elisabeth Stöppler, Bühne und Kostüme Valentin Köhler, Libretto Frank Witzel

von Otto Paul Burkhardt

Assoziationen: Baden-Württemberg Theaterkritiken Musiktheater Elisabeth Stöppler Staatsoper Stuttgart

Josefin Feiler als Dora, Opernheldin des 21. Jahrhunderts, begegnet den Lebensentwürfen ihrer Gegenwart mit kompromissloser Total-Ablehnung und sucht rast- wie ziellos nach etwas anderem.
Josefin Feiler als Dora, Opernheldin des 21. Jahrhunderts, begegnet den Lebensentwürfen ihrer Gegenwart mit kompromissloser Total-Ablehnung und sucht rast- wie ziellos nach etwas anderem.Foto: Martin Sigmund

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Eine junge Frau – Dora, Mitte zwanzig – rebelliert. Sie will raus aus den Lebenslügen ihrer Familie, aus der Enge, aus der Langeweile, hat null Bock auf gar nichts und lehnt alle Eingliederungsangebote als Domestizierungsversuche ab. Doch wohin sie will, weiß sie auch nicht. Eine Idee aber hat sie. Sie besorgt sich zwei Flaschen Speiseöl, sechs Eier, zwei Männerunterhemden, vier Rollen Klebestreifen und eine Tüte Hühnerherzen, betreibt damit Voodoo neben einem Müllcontainer und ruft so, ja wirklich, den Teufel auf den Plan. So in etwa sieht der Grundplot des Librettos zu Bernhard Langs Oper „Dora“ aus. Die Frage „Who the hell is Dora?“ prangte als PR-Gag bereits auf den Ankündigungsplakaten. Jetzt, nach der Uraufführung an der Staatsoper Stuttgart, zeichnet sich zumindest die Ahnung einer Antwort ab. Und gleich vorweg: Auch wenn es hier um Langeweile geht, freilich auch in einem transzendentalen Sinn – die Oper selbst fällt nicht in diese Kategorie. Im Gegenteil: In knapp 100 Minuten rauscht sie vorüber, rhythmisch, im Hochgeschwindigkeitsmodus. Ödnis und Sinnsuche im Turbo-Tempo?

Zunächst fällt auf: Die Zeitebenen im Libretto von Frank Witzel, bekannt etwa durch die Bühnenversion seines Romans „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager“ (2016), purzeln ganz schön durcheinander. Dora, die sich befreien will aus trostlosen Verhältnissen im Arbeitslosen-Milieu eines verödeten Industrielandstrichs, könnte eine Opernheldin des 21. Jahrhunderts sein. Ein Last-Generation-Drama? Vielleicht, doch gleichzeitig wirkt sie wie aus einer anderen Ära, wenn sie den Teufel herbeizitiert. Als der sie mit „holdes Kind“ anspricht, erwidert sie frei nach Gretchens Self-Empowerment aus Goethes „Faust“: „Und zudem bin ich weder hold noch Kind.“ Eine Walpurgisnacht kommt auch vor, und obendrein ein der griechischen Tragödie entsprungener antiker Chor, der alles kommentiert, sich aber am Ende als ebenso ratlos wie die Heldin outet. Kurzum, das zeitlich mehrdimensionale „Dora“-Libretto von Frank Witzel wirbelt Mythos, Märchen und Moderne komplett durcheinander.

Auch die Musik von Bernhard Lang surft munter durch die Jahrhunderte. Sie lebt von treibenden Rhythmen, von repetitiven Schleifen und versteht sich als Loop-Opera. Sie mixt Rap, Schnellsprech und Kunstgesang, verwendet ein Orchester mit reichlich Schlagwerk und zwei Synthesizern, zitiert Wagner, Richard Strauss und Schubert, von weiteren Anmutungen an Gounod, Verdi und Pink Floyd ganz zu schweigen. Bei Bernhard Lang ist die Wiederholung – als philosophische und kompositorische Kategorie einer Simultaneität von Gleichheit und Differenz – nichts Neues: Seit 1995 beschäftigt er sich, angeregt durch Gilles Deleuzes Schlüsselwerk „Différence et répétition“, mit diesem Phänomen auf vielen Ebenen, auch im Sinne einer Wieder-Holung der Musik vergangener Epochen.

Antike und Loops, Goethe und Rap, Teufelspakt und Postindustrialität – die Oper „Dora“ findet in einem transhistorischen Raum statt, im Irgendwann. So auch die Inszenierung von Elisabeth Stöppler: zeit- und ortlos, abstrakt. Selbst die wenigen, in Witzels Libretto noch eingestreuten Angaben wie „Feldweg“ oder „Landratsamt“ werden ignoriert. Stattdessen sehen wir zu Beginn nur eine riesige, weiße Wand mit den Großlettern „Dora“. Davor an der Rampe sitzen die Figuren, in bunten Klamotten zwar, aber irgendwie verloren und vereinzelt. Bis die Oper mit einem krachenden Schlag beginnt – und einem folgenden Schlagzeuggewitter, das von drei Logen herunterdonnert. Das 25-köpfige Orchester setzt ein, mit dem Nornenmotiv aus Wagners „Götterdämmerung“, das vom zerrissenen Seil der Geschichte kündet, und mit dem Agamemnon-Motiv aus Strauss‘ „Elektra“, Klangsymbol einer üblen Familienhistorie. Ist das noch auktorial komponierte Musik oder schon postmodernes Sampling oder gar KI, ließe sich fragen. Doch im Ernst: Es bleibt bei einigen wenigen, an Schlüsselstellen positionierten Zitaten. Ansonsten pulsieren Bernhard Langs Loops in kunstvollen Varianten und Neuansätzen nahezu permanent durch.

Dass Dora sich aus ihrem eigenen, um ihr Selbst und ihre Zukunftslosigkeit kreisenden Denk-Loop am Ende dann doch herauslösen kann, dazu bedarf es eines tragischen Ereignisses: Der unglücklich in sie verliebte Berthold versucht sich umzubringen, überlebt nur knapp und wird, der Sprache beraubt und an den Rollstuhl gefesselt, zu einem Pflegefall, um den sich Dora fortan kümmert. Er ist es, der mit seinem gestotterten Schlüsselwort „Son-dern?“ nebulös einen Weg für Dora andeutet. Ein kuschliges Happy End mit Liebe oder Fürsorge bis zur Selbstaufgabe ist das nicht. Dieses „Sondern“ im Opernfinale verweist viel eher auf den Beginn von etwas Neuem, das erst noch erkundet werden muss. So lässt die Regie die Oper auch mit einem fragenden Bild enden: Berthold, der wie Weissagender im Rollstuhl-Thron vom Bühnenhimmel herabgesenkt wird, und Dora, die über Ewigkeit reflektiert, sitzen am Ende einfach stumm nebeneinander – wozu Lang erneut Wagner zitiert und diesmal das Erlösungsmotiv aus der „Götterdämmerung“ aufleuchten lässt. Ein offenes Ende. Was bleibt, sind wie am Anfang Schlagzeugrhythmen. Der Puls geht weiter.

Gut, das Libretto mag bisweilen traktathaft, bedeutungsschwanger, bemüht verrätselt und philosophisch raunend daherkommen, auch durch die mantraartige Wiederholung von Zeilen wie „Des Schicksals Wege sind verworren“. Dass in Stuttgart dennoch eine bemerkenswerte, ja, sensationelle Uraufführung zustande kommt, liegt am sogartigen Groove der Musik, an der bilderreichen Regie, am glänzenden Ensemble, an der insgesamt fesselnden Performance.

Elisabeth Stöpplers Inszenierung setzt nicht auf naturalistische Tristesse, sondern auf Abstraktion. Das ist ein Gewinn. Über weite Strecken agieren alle in einer surrealen Szenerie, in einem Pop-Art-Traumraum mit allerlei enigmatischen Symbolen – Kitsch-Madonna mit Kind, menschliche Riesenohren auf Beinen. Die namenlose Familie wirkt auch bei Stöppler stereotypenhaft, teils grell überzeichnet, trashig, oft fast schon wie groteskes Kasperletheater mit leichtem Gruselfaktor. Der Vater (Stephan Bootz) ist ein längst ausrangierter Unter-Tage-Held, die Mutter (Maria Theresa Ullrich) eine giftige Soap-Queen, der notorisch luftboxende Bruder Doras (Dominic Große) will es mit Kampfsport zu Geld bringen, lediglich die jüngere Schwester (Shannon Keegan) zeigt Verständnis für Doras Rebellion. Eindrücklich auch der antike Chor, die „Neuen Vocalsolisten extended“, die auch schon mal als Vogelmenschen durch die Szene geistern oder komplexe Fugen- und Hoquetus-Sequenzen bewältigen.

Fantastisch Josefine Feiler: Sie zeigt Dora als wütende, entschlossene Sinnsucherin mit starker vokaler Präsenz – zwischen Rap-Rhythmik, Sprechgesang und voller Opernstimme, zwischen virtuosen Figurationen und exaltierten Sprüngen. Großartig auch Marcel Beekman: Sein Teufel ist ein zynischer, öliger Bürokrat mit Aktenmappe und einer Stimme, die suggestiv vom Tenor ins Falsett und wieder zurückgleiten kann. Dass dieser Mephisto am Ende im historischen Gründgens-Kostüm samt Umhang und Hutfeder aufläuft – ganz ähnlich zeitweise auch Dora mit Pumphose und Degen, gehört zu den ironischen Zitaten in Stöpplers Regie. Schließlich Elliott Carlton Hines als Berthold – ihm gelingen mit weichem, lyrischem Bariton vor allem in einer Schubert-Paraphrase berührende Momente.

Bernhard Langs Vertonung bedient sich in der Musikgeschichte wie im Supermarkt, doch seine Verknüpfung ausgetüftelter Loop-Architekturen mit sinnträchtigen Zitaten ist schon lange zu einer eigenwilligen, organischen Klanghandschrift gereift. Elena Schwarz steuert das Staatsorchester mit Präzision und Elan durch die komplexe Partitur: rhythmisch, rasant, perkussiv. Alles in allem: Eine Oper, die in der Stuttgarter Uraufführungsinszenierung mitreißende Musik bietet, mit bildstarkem Bezugsreichtum fasziniert und deutungsoffen bleibt, lesbar in vielen Richtungen – als feministische Faust-Überschreibung, als Last-Generation-Psychogramm, als Pop-Theater im Rap-Modus, als Zeitreise durch die Mythologie. Vielleicht auch als Trip ins Reich der letzten Sinnfragen.

Erschienen am 12.3.2024

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