Theater der Zeit

Statements zum 8. März

My art. my choice

Vier Stimmen zum feministischen Kampftag

von Critical Costume, Filipka Rutkowska, Karoline Stegemann, Ursina Tossi und Lara Wenzel

Assoziationen: Debatte International

Foto: canva

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Vor einem Monat beendete Joe Chialo endlich das große Ratespiel der Kulturszene und ernannte Matthias Lilienthal zum neuen Intendanten der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Nach langen Diskussionen um kollektive und feministische Leitungsmodelle fiel die Wahl abermals auf eine sichere Bank, ein etablierter Kulturmann in Leitungsposition. Das Problem ist nicht die Ernennung eines cis-männlichen Intendanten, es ist das System, das reproduziert wird. Denn abermals wurde die patriarchale Hierarchie, die das institutionelle Theater bis heute prägt und Machtmissbrauch strukturell hervorbringt, nicht angerührt. 

Immer wieder kommt es so zu einer unglaublichen kognitiven Dissonanz zwischen den künstlerischen Visionen und ihren Produktionsweisen: Auf der Bühne wird die patriarchale, rassistische und kapitalistische Ausbeutung angeprangert, hinter dem Vorhang wird sie gelebt. Diese – mal subtile, mal sehr direkte – Gewalt, die intersektional diskriminierte Personen umso härter trifft, kann nicht in einem Artikel beschrieben werden. Und auch die kreativen Kämpfe und funkenschlagenden Bündnisse, die trotz und wegen dieser Umstände, feministisch Kunst produzieren, passen nicht in diese Zeilen. 

In den folgenden Statements habe ich zum 8. März vier Stimmen versammelt, die von Wut, Ernüchterung und Tatendrang erzählen. Darin steckt die Suche nach einem selbstbestimmten Weg zwischen institutionellem und Freiem Theater. Die Erfahrungen der Künstler:innen sind ihre eigenen und als solche besonders, aber sie erzählen auch von einem System, gegen das sie sich mit ihren Stimmen, ihren Körpern, ihren Bündnissen und ihrer Kunst auflehnen. Am feministischen Kampftag wie an jedem Tag.

Karoline Stegemann

arbeitet als freischaffende Regisseurin und Performerin in öffentlichen Räumen.

„Ich wollte nicht über Bodyshaming schreiben. Aber vielleicht geht es nicht anders. Ich habe an einer staatlichen Schauspielschule studiert. Schon zu Beginn wurde meine Körpergröße problematisiert. Und: ‚Bist du jetzt schlank oder dünn? Entscheide dich, nimm ab, Haare gern lang.‘ Anschließend war ich an Stadttheatern engagiert, hatte eine Agentur gefunden: ‚Interessen neben dem Schauspiel bitte verschweigen.‘ Die Zeichen in diesem Text reichen nicht aus, um diese hohlen Erfahrungen ansatzweise zu beschreiben. 

Dann habe ich das Stadttheater verlassen, die Agentur lange vorher, das Ziel: Selbstermächtigung, meine Arbeitsbedingungen und Themen gestalten – selbst entscheiden, mit wem ich arbeite. Raus in den Stadtraum. Regie, Text und Schauspiel verbinden. 

Mittlerweile produziere ich vor allem performative Audioarbeiten. Die sinnliche Besetzung des öffentlichen Raums ist eines der Hauptanliegen meiner Arbeit. Ich bin davon überzeugt, dass es immer noch einige Geschichte(n), Körper und Erfahrungen gibt, die aus dem Blickfeld geraten sind und im öffentlichen Raum sichtbar und hörbar gemacht werden müssen. Diese Störungen als Wahrnehmungsänderungen, die durch Interventionen im öffentlichen Raum möglich werden, können den Blick auf Realität verändern. Der Aufforderung der Theoretikerin Silvia Federici folgend: ‚Es gibt keine Befreiung ohne Selbstbestimmung über unsere Körper, unsere Geschichten und unseren Raum. Wenn wir die Straßen zurückerobern, erobern wir Geschichte zurück.‘“

Filipka Rutkowska 

arbeitet als Performance-Künslter:in und Kunsthistoriker:in in Warschau. 

„In Polen wurde die Theaterszene lang von Männern dominiert, auch international sind die bekanntesten polnischen Regisseure männlich. Eine Vielzahl von Skandalen haben den Missbrauch von männlicher Gewalt offengelegt und die Intoleranz gegenüber diesem Verhalten wächst. Dieses Problem reicht bis in Theaterschulen, aber die junge Generation stellt nachdrücklich den Status Quo in Frage.

Seit kurzem übernehmen Frauen Leitungsrollen in zwei von Warschaus bekanntesten Theatern. Maja Kleczewska wurde zur Intendantin des Teatr Powszechny ernannt, während Monika Strzępka  die Position der Intendantin des Teatr Dramatyczny für 1,5 Jahre bekleidete. Es stellt sich jedoch die Frage, ob Strzępka Führungsstil wirklich mit feministischen Werten übereinstimmte. Währenddessen verdienen die Beiträge von aufstrebenden Theaterregisseurinnen wie Aleksandra Jakubczak und Gosia Wdowik größere Anerkennung.

Feministisches Theater dient als Plattform für die Auseinandersetzung mit dem umfassenden feministischen Diskurs, der auch in anderen künstlerischen Sphären geführt wird. In Polen, wo patriarchalische Strukturen und traditionelle Geschlechterrollen nach wie vor tief verwurzelt sind, müssen feministische Kämpfe ständig geführt werden. Im Theater heißt das, sich für Institutionen einzusetzen, die als kollektive, unterstützende Räume funktionieren, die von Hoffnung und nicht von Konflikten getragen werden. Feministisches Theater begrüßt die Vielfalt und fördert die Einbeziehung von trans Schauspieler:innen, Menschen mit Behinderungen und solchen, für die Polnisch nicht die Muttersprache ist.“

Aus dem Englischen übersetzt von Lara Wenzel

Ursina Tossi

verbindet als freischaffende Künstler:in queerfeministische Diskurse mit körperlicher Performance.

„Ich arbeite seit rund 20 Jahren in der Freien Tanz- & Theater-Szene als Choreograf:in, Tänzer:in, Audiobeschreiber:in, Dozent:in an Unis, Hochschulen, Tanzausbildungen und habe drei Kinder. Als queere und feministische Künstler:in mit Diskriminierungserfahrungen habe ich mich bewusst für die Freie Szene entschieden, um selbst entscheiden zu können, welche Projekte ich entwickele, mit wem ich zusammenarbeite und wo und wem ich meine Kunst zeige. Ich möchte zusammen mit Kolleg:innen aus der Szene in der Lage sein, politische Entscheidungen zu treffen, die den Rahmen bilden, in dem wir arbeiten.

Kontinuität in künstlerischer Arbeit herzustellen – sprich als Künstler:in zu überleben – war und ist ein Kraftakt & Marathon und ist immer verbunden mit anderen aus der Szene. Dort gibt es große Solidarität, gleichzeitig aber auch große Konkurrenz um Fördergelder. Meine Forderungen sind strukturelle Freiheiten und Autonomie für Künstler:innen und die Förderung von Netzwerken und kollektiven Strukturen, statt mit jedem Projekt bei null anzufangen. 

Zeitgenössischer Tanz ist leider immer noch die Nische, die im Ranking der Künste wenig Ansehen genießt, in der marginalisierte Gruppen am meisten vertreten sind und dem abgesprochen wird, ein größeres Publikum zu erreichen. Wir müssen aufhören, dieses Bild zu reproduzieren. Wir arbeiten experimentell und prozessorientiert, schaffen Zugänge und entwickeln wegweisende Impulse, die tief in die Strukturen wirken. Künstler:innen- Karrieren dürfen nicht Festanstellungen als Ziel haben, sondern die Bedingungen in der Freien Szene müssen verbessert werden. Wir schaffen füreinander Welten, in denen wir gut leben können und in denen innovative Erfahrungen gemacht werden, von deren Imaginationskraft und Mut alle profitieren können. Die aktuelle politische Lage, ist ein Desaster besonders für marginalisierte Gruppen – als Queerfeminist:innen wissen wir das – die es zwar als erste, nicht aber als letzte trifft.”

Critical Costume

setzt sich als Bündnis für faire Arbeitsbedingungen und gegen Sexismus im Kostümbild ein. 

„Der Beruf der Kostümbildner:in ist noch immer sehr weiblich geprägt. 70 % der in Deutschland arbeitenden Kostümbildner:innen sind weiblich gelesene Menschen. Damit einher geht ein bestimmtes Rollenbild. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Beruf oftmals mit Care Arbeit gleichgesetzt wird und sich ein falsches Berufsverständnis entwickelt. Ungeregelte und späte Arbeitszeiten sowie schlechte Bezahlung erschweren die Familienplanung.

Wir fordern Kinderbetreuung an Theaterhäusern!

Der  weiblich geprägten Kostümbild-Sparte stehen die vor allem männlich besetzten Führungspositionen gegenüber. Die Gehaltsunterschiede verstärken die hierarchisch-patriarchalen Strukturen. 

Ver.di veröffentlicht jedes Jahr die aktuellen Tarifgagen im Film. Zwar erkennt man darin klare Hierarchien, dennoch sind die Gagen geschlechtsunabhängig.

Wir fordern geschlechtsunabhängige Gagen und mehr Transparenz!

Wenn sich Theaterschaffende mit gesellschaftskritischen Themen auseinandersetzen, so müssen sie sich auch reflexiv mit den aktuellen Diskursen und Missständen in den eigenen Reihen auseinandersetzen.

Als Kostümbildner:innen arbeiten wir sehr nahe am Körper der Spieler:innen. Anders als in anderen Departments sind wir der Gefahr von Übergriffen stärker ausgesetzt.

Wir fordern Ansprechpersonen für Übergriffe aller Art! 

Feministische Theaterarbeit wäre ein Überdenken der herrschenden Machtverhältnisse. Konkret bedeutet das:

Machtpositionen hinterfragen, weiblich gelesene Menschen in Leitungsteams, mehr Zeit und Geld für das Kostüm, faire und gleichberechtigte Gehälter!“

 

Erschienen am 8.3.2025

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