Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Philipp Hochmair: Ein Mann, alle Rollen (11/2013)
„Der Tod bedeutet nichts. Was zählt, ist das Beispiel!“, lautet einer der Kernsätze Heiner Müllers, dem Dimiter Gotscheff bis zu seinem plötzlichen Tod am 20. Oktober treu blieb wie keinem anderen. Eines der Beispiele, das er gab, bestand darin, die Realität, den Betrieb, dessen Vorgaben stets als Spiel zu begreifen und seine Regeln infrage zu stellen. Gelebte Realitätskritik.
Wenn die Gesellschaft zwischen Wirklichkeit und Spiel unterscheidet, verschleiert sie, dass sie selbst auf undurchschauten Setzungen und normativen Parametern beruht. Niemand anderer macht das so anschaulich wie Don Quijote, dem das Spiel zum Ernst wird und die Wirklichkeit zum Spiel. Von daher wird der Ritter von der traurigen Gestalt für Miriam Goldschmidt zum Schutzheiligen der Schauspieler und Theatermenschen. „Don Quijote, das größte Opfer ritterlicher Chronologie, sehender Blinder, Ver-Dichter, immer zu früh oder zu spät mit einem Nummernzettel in der Hand, mit ewig falschen Auftritten gesegnet, sieht sich als Erlöser. Knäuelentwirrer, Brecher offener Türen“, schreibt sie in einem Text unseres Schwerpunkts Spiel und Widerstand. Flankiert durch die Porträts der zwei Ausnahmeschauspieler Philipp Hochmair und Alexander Scheer, versuchen wir die dünne Linie zu ergründen, wo Spiel und Realität sich gegenseitig aufheben und negieren. Gunnar Decker benutzt bei der Zeichnung Alexander Scheers die Metapher der Droge: „Drogen, sagt Scheer, nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette und wiegt die Bierflasche in der Hand, seien Doping und solches Doping finde er ‚unsportiv‘.“ Auch Philipp Hochmair will die Aufspaltung zwischen Realität und der Welt unverbindlichen Spiels nicht akzeptieren, weiß Dorte Lena Eilers: „Kollegen sahen ihn barfuß und mit blutunterlaufenen Augen als Mephisto durch Avignon laufen. Bei einem Galerieempfang mit Bianca Jagger war er Jedermann im glitzernden Kostüm. Das Kostüm in den Alltag mitzunehmen, die Rolle aus dem Rahmen fallen zu lassen, dieses Ausloten der Grenzen interessiert Philipp Hochmair total.“ Ein Vierter, wenn auch Autor und Regisseur, darf in diesem Reigen nicht fehlen. Im hauseigenen Pollesch-Sound macht der Großmeister des Diskurstheater das Verhältnis von Realität und Spiel zum Urgrund aller Verblendung: „Bei einer Kritik an Spiel und Fiktion ginge es nur weiterhin um die Verteidigung der Wahrheit. Aber wenn man die Wahrheit nicht angreift, kommt man nie an den Widerstand.“ Dieser Satz könnte in unserem Stückabdruck von René Polleschs Balzac-Adaption „Glanz und Elend der Kurtisanen“ stehen, findet sich aber im begleitenden Interview, das Dorte Lena Eilers mit dem Autor und Regisseur geführt hat.
Widerstand gegenüber dieser Realität muss sein, befindet auch Harald Welzer, der in einer nachhaltigen Moderne den einzigen Weg in die Zukunft sieht, der uns bleibt. Frank Raddatz sprach mit ihm. Wie Widerstand gegenüber der Realität praktisch aussehen kann, wird zurzeit in mehreren Städten Italiens demonstriert, wo auf angedrohte Theaterschließungen mit Theaterbesetzungen reagiert wird, wie Andrea Porcheddu berichtet. Die Kostümbildnerin Florence von Gerkan, der unser Künstlerinsert gewidmet ist, geht dagegen im Gespräch mit Nicole Gronemeyer von einem durch Gebrauch erzeugten Materialwiderstand aus: „Es geht weniger darum, ein Kostümbild, sondern eher ein Menschenbild zu finden. Ich arbeite gern mit gebrauchter Kleidung. Sie hat Spuren der Menschen, die sie getragen haben, bringt also schon etwas mit, ist veränderbar.“
Auf das krasse Gegenteil, auf Strategien des Duckens und Sich-Kleinmachens, scheint man dagegen unter der neuen Intendanz im konsensfixierten Leipzig zu setzen: „Konsumorientierte Klassikerkürzungen, von jeder Theaterästhetik ein kleiner Wohlfühlhappen, ein Theater, das sich öffentlich nicht positionieren will. Die Angst, öffentlich eine Meinung zu vertreten, scheint in Leipzig inzwischen auch den hoch subventionierten Kulturbetrieb erfasst zu haben“, resümiert Christian Horn.
Friedrich Dieckmann verneigt sich vor der Regieikone Patrice Chéreau, „dieser Hochgestalt des europäischen Theaters“, der Anfang Oktober von uns ging. Zum Ende noch einmal Miriam Goldschmidt: „Alles ist Einbildung, es gibt nichts, was ist. Und das ist schon genug. Außer allem, was ohne unser Zutun Erde beben macht, Ozeane füllt und unablöslich seiner Wege geht.“ //
Die Redaktion

















