Theater der Zeit

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Kommentar

Frauenquote, nein? Männerlimit, ja!

Warum die Abschaffung der Frauenquote beim Theatertreffen kein neutraler Schritt zur ‚Freiheit der Kunst‘, sondern ein politisches Signal ist.

von Lina Wölfel

Assoziationen: Debatte Berlin Berliner Festspiele

Foto: Lina Wölfel

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Endlich geht es beim Theatertreffen wieder nur um die Kunst. Endlich keine außerästhetischen Kriterien mehr, keine „Nebenbedingungen“, die die Exzellenz der Zehnerauswahl am Ende noch hemmen, endlich wirklich nur noch das, was bemerkenswert ist. So jedenfalls ein Teil der Begründung, mit dem die Theatertreffen-Jury die Abschaffung der Frauenquote für die Festivalausgaben 2027 und 2028 verkündet hat. Das klingt auf den ersten Blick nach Gerechtigkeit. Diese Rückkehr zur vermeintlichen Neutralität ist allerdings alles andere als unschuldig. Sie blendet aus, dass der Zustand, in den man nun zurückkehrt, kein natürliches Ideal, sondern ein historisch gewachsenes Ungleichgewicht ist – mit einem massiven Männerüberhang in Regie und Leitungspositionen sowie einer Kanonbildung, die männliche Handschriften seit Jahrhunderten bevorzugt. Wenn in diesem Feld behauptet wird, es gehe „nur um die Kunst“, ist das auch eine Entscheidung für die Fortsetzung genau dieser Schieflage – nur eben ohne lästigen Hinweis darauf.

Gehen wir einen Schritt zurück. Seit 2020 galt: Mindestens die Hälfte der zehn beim Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen musste von Regisseurinnen oder überwiegend weiblichen Kollektiven stammen. Grund dafür waren Datenerhebungen des Bühnenvereins und des Deutschen Kulturrats, die zeigten, dass der Anteil von Regisseurinnen in der Spielzeit 2018/2019 bei lediglich 28,1 Prozent lag. Das spiegelte sich natürlich auch in den eingeladenen Inszenierungen wider: Seit 1964 wurden nur 27 Regisseurinnen, dafür aber fast 200 Regisseure eingeladen – bis 2010 waren es meist höchstens ein bis zwei Frauen pro Jahr. Gleichzeitig sind rund zwei Drittel der Regieabsolvent:innen weiblich. Die Paritätsregel war also kein feministisch-romantisches Wunschkonzert, sondern eine notwendige Korrektur eines verzerrten Status quo.

Natürlich wurde die Quote nicht zwangsläufig eingeführt, um ein möglicherweise bestehendes, geschlechterungleiches Auswahlverhalten der Jury zu korrigieren, die absichtlich zu wenige Inszenierungen von Regisseurinnen berücksichtigt. Sie ist auch als Signal an den Theaterbetrieb selbst zu verstehen, als Anreiz für die Häuser, durch Anheben des Anteils von Regisseurinnen ihre Chancen auf eine Einladung zu erhöhen. Dass es derart Überredungsmechanismen braucht, damit mehr Frauen inszenieren dürfen ist traurig. Dass es nicht allein die Aufgabe einer „unabhängigen“ Jury ist, diesen Missstand zu korrigieren, klar. Notwendig war und ist er trotzdem. Er zeugte von Machtbewusstsein und Verantwortungsübernahme. Gleichzeitig zwang die Quote die Jury, genauer hinzusehen: Welche herausragenden Arbeiten von Frauen werden übersehen, weil immer der gleiche männlich dominierten Kanon gesichtet wird?

Begründet wird die Abkehr von der Frauenquote nun unter anderem mit dem Verweis auf die „Freiheit der Kunst“ – einem ästhetischen Mythos. Als wäre „männlich“ vorher kein strukturell bevorzugendes Kriterium gewesen, nur weil es unsichtbar war. Die Behauptung, man wolle sich „ausschließlich auf das künstlerisch Bedeutende konzentrieren“, ist deshalb naiv: Sie setzt voraus, dass es so etwas wie eine neutrale, von Machtverhältnissen unberührte Urteilskraft gebe, die nun endlich wieder ungestört walten dürfe. Die Ästhetik, die hier gegen die Quote verteidigt wird, ist aber von einem männlich dominierten Betrieb geformt – sie bevorzugt „männliche“ Stoffe, „männliche“ Erzählweisen und „männliche“ Ästhetiken. Gleiches gilt für die Jury. Ihre Mitglieder sind qua Ausbildung, qua Sehschule, qua System von den Biografien, die gefördert wurden, den Handschriften, die als „groß“ galten, den Themen, die als universell begriffen wurden, geprägt. Die Kategorie des Bemerkenswerten ist kein naturgegebenes Gütesiegel, sondern das Ergebnis genau dieses männlich dominierten Blicks und der ihm eingeschriebenen Normen. Als Jury zu behaupten, Unabhängigkeit gehe auch mit einer ausschließlichen Beobachtungsposition des Betriebs einher, ist in diesem Zusammenhang mehr als nur zynisch. Die Jury kommt damit ihrer Verantwortung nicht nach. Das Theatertreffen ist ein, wenn nicht der Kanonmotor für den deutschsprachigen Theaterraum. Wer hier eingeladen wird, erhält nicht nur eine Urkunde, sondern Karriere- und Diskursmacht in Form von Folgeeinladungen, Preisen, Leitungsjobs. Daraus ergibt sich ein ewiger Kreislauf. Das sollte vor allem einer Jury bewusst sein, deren Mitglieder überwiegend ein geisteswissenschaftliches Studium abgeschlossen und mit hoher Wahrscheinlichkeit Erika Fischer-Lichte gelesen haben. In dieser Position beobachten sie die Theaterlandschaft nie nur, sie bringen sie aktiv hervor. Die Frauenquote hat also keine zuvor freie Ästhetik verdorben, sondern eine ohnehin schon verzerrte, patriarchal normalisierte Vorstellung davon, was als künstlerisch bemerkenswert gilt irritiert. Sie hat die Kunst nicht bevormundet, sie hat den Blick auf eine Vielfalt von Ästhetiken geweitet, die im bisherigen Kanon systematisch unterrepräsentiert war. Ihre Abschaffung restauriert nicht die Freiheit der Kunst, sondern die Freiheit derjenigen, deren Maßstäbe über Jahrzehnte zur unsichtbaren Norm geworden sind – und verkauft diese Restaurierung als Rückkehr zur „reinen Ästhetik“.

Weiter verweist die Jury – oder zumindest jene Jurymitglieder, die sich ausführlich nach der Verkündung in ihren Haus- und Hofmedien zu Wort meldeten – zum einen auf einen gestiegenen Anteil von Regisseurinnen im Betrieb und zum anderen auf die Präsenz nicht-binärer Regieführender. Die Situation habe sich deutlich verbessert: In der Spielzeit 2023/24 liegt der Anteil von Regisseurinnen bei 43 Prozent, und auch in Leitungspositionen nähern sich Frauen der 50-Prozent-Marke. Neu-Juror Jakob Hayner schreibt in seinem Beitrag in der Welt: „Nach 2024 und also bis heute dürfte sich der Trend fortgesetzt haben, wie wohl auch künftige Studien bestätigen werden.“ Dabei riskiert man jedoch, dass der Fortschritt ohne verbindliches Instrument wieder hinter die symbolisch gefeierte Normalität zurückfällt. Die Rücknahme einer Quote kann und darf nicht als harmloser „Technikwechsel“ gelesen, sondern muss als Teil eines systematischen politischen Backlashs verstanden werden.

Gleichzeitig – da hat Christine Wahl in ihrem Artikel auf nachtkritik.de recht – ist die Debatte um Frauenquoten nur Teil einer breiteren Gleichstellungsdiskussion, in der sich auch andere marginalisierte und diskriminierte Gruppen äußern. In Diskussionen um Parität, zum Beispiel in Parlamenten oder Verbänden, argumentieren Vertreter:innen verschiedener Communities jedoch, dass Quoten und Zielgrößen zwar unzureichende Instrumente sind, oft aber die einzigen Hebel, die überhaupt messbare Veränderung erzeugen. Denn „reine Leistungsprinzipien“ in faktisch ungleichen Strukturen nutzen vor allem den eh schon privilegierten Gruppen.

Ja, eindimensionale Quoten blenden intersektionale Perspektiven aus. Die Lösung für dieses Problem ist aber nicht, auf jegliche Quote zu verzichten, sondern Instrumente zu entwickeln, die Geschlecht, Herkunft, Klasse, Behinderung und queere Positionierungen zusammendenken – etwa durch kombinierte Diversitätsziele oder verbindliche Monitoring‑Systeme. Und falls jetzt als Nachschub kommt, dass es ja wirklich nicht die Aufgabe einer Jury sein müsse, auch noch Quoten-Tetris zu spielen – es gibt inzwischen genug Tools, Workshopangebote und Mediator:innen, die dabei helfen Auswahlprozesse und Gremienentscheidungen diversitätssensibel zu strukturieren. Oder ist da die Angst zu groß, am eigenen Stuhl zu sägen? Im Zweifel hier ein Vorschlag: Frauenquote, nein, dafür aber ein Männerlimit. Wenn man in einem Jahr gleich zweimal Sebastian Hartmann einladen muss, damit man die 50% Frauenquote bloß nicht überschreitet, scheint die Auswahl an bemerkenswerten Inszenierungen von Männern ja eh nicht besonders groß zu sein.

Erschienen am 19.5.2026

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