Auftritt
Theater Kiel: Wenn Menschlichkeit stört
„Der blinde Passagier“ von Maria Lazar – Regie und Bühne Malte Kreutzfeldt, Kostüme Katharina Beth, Dramaturgie Jens Paulsen, Lichtgestaltung Daniel Jäger, Toneinrichtung Sönke Timm
von Kristof Warda
Assoziationen: Theaterkritiken Schleswig-Holstein Malte Kreutzfeldt Theater Kiel

„Man darf sich nicht um alles kümmern“, verkündet Kapitän Petersen, der sein Schiff von den politischen Stürmen der Zeit reinhalten will. Mit seinem Paketboot unter dänischer Flagge macht er Geschäfte in einem deutschen Hafenstädtchen. Aus dem Radio tönen Hitlers Hassreden und im nächsten Moment Tanzmusik. In dem Städtchen ist Menschenjagd. Sein Sohn Carl rettet den jüdischen Arzt Hartmann aus dem Hafenbecken und versteckt ihn an Bord, um ihn über die Grenze nach Dänemark zu bringen. Auf dem kleinen Boot bleibt das den übrigen Besatzungsmitgliedern nicht lang verborgen. Der Umgang mit dem um sein Leben fürchtenden Flüchtling wird so zum Brennglas für die Menschlichkeit der Besatzung.
Maria Lazar, 1895 in Wien geboren, gehört zu den Autorinnen, deren Wiederentdeckung weniger einer literarischen Konjunktur als einer verspäteten Korrektur gleicht. Ihr Werk wurde von den Nationalsozialisten verfemt und durch eine männlich dominierte Kritik marginalisiert. Erst 2022 tauchten Teile ihres Nachlasses in England auf, darunter auch das 1938 im dänischen Exil entstandene Drama „Der blinde Passagier“, das in dieser Spielzeit erstmals aufgeführt wird und gleich an mehreren Theatern auf dem Spielplan steht.
In Kiel ist das Bühnenbild für dieses psychologische Kammerspiel konsequent in Schwarz und Weiß gehalten, eine Ästhetik, die sich bis in die Kostüme (Katharina Beth) fortsetzt. Ein markantes, schräg gestelltes Quadrat als Drehbühne dominiert die Mitte, während sich in einer großen, lüftungsschachtähnlichen Öffnung an der Rückwand ein gewaltiger Ventilator dreht. Die reduzierte visuelle Ästhetik lenkt den Blick auf ein paar Farbtupfer – das Radio, ein Tischweihnachtsbaum – und lädt die Gegenstände so zusätzlich symbolisch auf.
Nikolaus Okonkwo gestaltet Kapitän Petersen mit der vulkanischen Ruhe patriarchaler Autorität: In trügerischer Gemütlichkeit schmückt er die Kajüte weihnachtlich, nur um seine Kinder im nächsten Moment aus dem Nichts heraus anzuherrschen. Hartmann (Marco Gebbert) möchte er mit Geld wieder loswerden. Pflichtbewusstsein und Gesetzestreue dienen ihm als Deckmantel für seine moralische Trägheit. Ganz anders sein Sohn Carl, den Tristan Taubert von nervöser Verzweiflung zu wachsender, ja radikaler moralischer Entschlossenheit entwickelt. Fayola Schönrock als Carls Schwester Nina baut eine emotionale Verbindung zu Hartmann auf und nimmt eine energetische, kämpferische Gegenposition zur patriarchalen Starre ihres Vaters ein. Wehren muss sie sich auch gegen Steuermann Jörgen – ihr Verlobter und eine Art patriarchalische Kontrollinstanz. Unter vorgeschobener Eifersucht will er sie an ihren gesellschaftlichen Platz zurückdrängen. Mischa Warken verleiht Jörgens Wandlung vom schneidigen Schwiegermutterschwarm zum diabolischen Antisemiten eine schaurige Gleichzeitigkeit und macht so deutlich: Jörgen entwickelt sich nicht zum Antisemiten – er entlarvt sich. Dass er Hartmann ausgerechnet mit einem Tischweihnachtsbaum verprügelt, unterstreicht, wie anfällig die bürgerliche Ordnung für den Faschismus ist. Als schließlich Kapitän Petersens Frau (Regine Hentschel) an Bord kommt, um mit einem Festessen Ninas Verlobung zu feiern, nimmt der Versuch, die Normalität an Bord aufrecht zu erhalten, endgültig absurde Züge an. Mit pointiertem Spiel legt Hentschel die ganze unterdrückte Spannung der Situation in das Schlagen einer Vanillesauce: Ihr Schneebesen schlägt fragend, neugierig, dann irritiert und schließlich zufrieden, als würde sie einfach unterrühren, was ihr Weltbild in Frage stellen könnte.
Besonders stark ist die Inszenierung in genau solchen Momenten, in denen sie die aufrecht erhaltene Normalität und die offensichtliche Realität kontrastiert. Dass dies so präzise funktioniert, liegt nicht zuletzt an der analytischen Klarheit des Textes selbst. Maria Lazars Drama erweist sich weniger als historisches Zeitstück denn als sezierender Blick auf gesellschaftliche Selbsttäuschung. Es lässt dabei an zahlreiche aktuelle globale Krisen denken – vom jahrzehntelang anhaltenden Sterben im Mittemeer („du bist ein Seemann, Jörgen! Wirst Du einen Schiffbrüchigen zurück ins Wasser werfen?“) und dem Wiedererstarken des Faschismus („weil was sie tun kein Geheimnis ist, du brauchst nur das Radio aufzudrehen“) bis zur aktuellen Situation im Iran („In seinem Land kann jeder machen, was er will“). Vor allem aber zeigt es die analytische Schärfe einer Autorin, die schon früh erkannte, dass der Faschismus kein historischer Ausnahmezustand ist, sondern gesellschaftliche Entwicklung.
Erschienen am 20.1.2026




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