Einmal besuchte ich Inge Keller in ihrem schönen Haus in Pankow, voll von Bildern und Skulpturen der Künstler, denen sie sich verbunden fühlte, von Otto Niemeyer-Holstein bis Werner Stötzer. Sie war, obwohl ihr jeder Schritt am Rollator schwerfiel, selbst zum Bäcker gegangen und hatte Kuchen gekauft. Mehr Ehre kann ein uralter Mensch nicht vergeben. Sie war fast schon ganz jener Geist, der mit eiserner Disziplin einen ungehorsamen Körper züchtigte.
Vielleicht war es ihr letztes Interview, und sie hatte sich gut vorbereitet. Texte lagen in Griffweite des „Throns“, wie sie mit finsterem Humor jenen Lehnstuhl nannte, auf dem bereits DT-Intendant Wolfgang Langhoff gesessen hatte, der mit ihr eine legendär gewordene (und aus ihrer Sicht auch verhängnisvolle) „Iphigenie“ inszeniert hatte, das war 1963. Ihr Langhoff-Lehnstuhl-Thron, auf dem sie mit graziös übergeschlagenen Beinen saß, stand mindestens drei Meter von dem mir zugewiesenen Platz entfernt – quer durch den Raum, man musste fast schreien, zumindest, wie auf der Bühne die Stimme heben.
Dies Szenario passte zu einer Schauspielerin, deren gern wiederholtes Motto war: „Abstand, oder ich schieße!“ Eine Meisterin der Gesprächseröffnung war sie auch. Durch den weiten Raum hallte es zu mir, der ich etwas verunsichert auf meiner fernen Sofaecke hockte, herüber: „Sie sind...