Zwischenresümee
von Maria Nesemann
Erschienen in: Digitale Reihe: Demokratisches Theater – Teilhabe am öffentlich geförderten Theater in Deutschland, England und Frankreich (08/2026)
Originaltitel in der Printausgabe: 3.4 Zwischenresümee
1. Empirische Daten vs. „gefühltes Wissen“: Staatliche Förderung von Studien zum Kulturnutzungsverhalten und Forderung von Publikumsstudien an öffentlich geförderten Theatern in England am höchsten
In Deutschland gibt es keine bundesweiten Bevölkerungsbefragungen, die von öffentlicher Seite in Auftrag gegeben wurden, aber zwei aktuelle repräsentative Befragungen aus dem akademischen Bereich. Begrenzt Aufschluss über eine Entwicklung des Theaternutzungsverhaltens bietet die Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins. In Frankreich gibt es regelmäßige Studien zum Kulturnutzungsverhalten der Bevölkerung vom französischen Kulturministerium (Les pratiques culturelles des Français) – allerdings in einem relativ großen Abstand von ca. zehn Jahren. Die regelmäßigen Bevölkerungsbefragungen vom zuständigen Ministerium in Großbritannien bzw. England finden wesentlich häufiger statt: Die Taking-Part-Studie wurde von 2005 bis 2020 jährlich durchgeführt, ihr Nachfolger, die Participation Survey, erhebt vierteljährlich Daten.
2. Gleichbleibende bis zurückgehende Theaternachfrage in allen drei Ländern
Die Theaternachfrage in Deutschland ist insgesamt rückläufig, zeigen die Daten der Theaterstatistik. Laut der französischen Pratiques culturelles gab es in den vergangenen Jahrzehnten einen Anstieg der Theaternachfrage, bei genauerem Hinsehen relativiert sich dieses Ergebnis aber – so ist beispielsweise die Nachfrage in der jüngeren Generation ebenfalls rückläufig. In England lassen sich trotz intensiver Audience-Development-Bemühungen in den letzten Jahrzehnten ebenfalls keine Zuwächse der Theaternachfrage feststellen. Aktuelle Erkenntnisse zur Theaternutzung nach der Pandemie zeigen für alle drei Länder, dass sich der Abnahmetrend eher verstärkt und verstetigt hat. Im internationalen Vergleich zeigt das Eurobarometer, dass sich die unterschiedlich starke kulturelle Infrastruktur (die durch das System der öffentlich getragenen Theater in Deutschland deutlich gefestigter als beispielsweise in England ist, siehe hierzu Kapitel 4) nicht in einer höheren Theaternutzung niederschlägt.
3. Vor allem in Deutschland und England mehr weibliche als männliche Theaterbesucher:innen
Vor allem in den deutschen und englischen Studien ist erkennbar, dass deutlich mehr Frauen als Männer Theaterangebote nutzen. In Frankreich ist die Theaternutzung von weiblichen und männlichen Befragten relativ ausgeglichen.
4. „Nachwachsendes“ Theaterpublikum nicht zu erwarten
In allen drei Ländern ist in den Studien ein Einbruch der Theaternutzung bei den Besucher:innen zwischen Mitte zwanzig und Mitte vierzig erkennbar. Bis ca. Mitte zwanzig ist das Besucher:innenaufkommen überall relativ hoch, was aber auch an den organisierten (Pflicht)Besuchen im Bildungskontext liegen mag. Insgesamt steigen die Besuchszahlen mit dem Alter wieder an. In England gibt es außerdem Erkenntnisse dazu, dass das ältere Publikum im Vergleich zu den Jüngeren überdurchschnittlich oft Theaterangebote nutzt. Dass langfristig das Publikum „nachwächst“, ist laut neuerer Studien aus Deutschland und Frankreich nicht zu erwarten. Eher ist von einem „Kohorteneffekt“ auszugehen: Jüngere Generationen nehmen Theaterangebote auch mit zunehmendem Alter weniger häufig wahr.
5. Formale Bildung in allen drei Ländern ausschlaggebend für Theaternutzungsverhalten
In allen drei Ländern hat die formale Bildung einen großen Einfluss auf das Theaternutzungsverhalten, dies zeigen alle untersuchten Studien. Die formale Bildung wiederum ist auch verknüpft mit Unterschieden nach Einkommen.
6. In Deutschland und England: Daten zu hoher Zustimmung zu Theaterförderung, allerdings abnehmend unter den Jüngeren
Aus Frankreich sind der Autorin wenig empirische Erkenntnisse zur Einstellung der Bevölkerung zum öffentlichen Theater und seiner Förderung bekannt. Eine Studie von 2016 zum Kulturbegriff der französischen Bevölkerung zeigt: Für mehr Frauen als Männer und für mehr Menschen mit höherer formaler Bildung ist das Theater wichtig für das eigene Kulturverständnis. In Deutschland und England gibt es Studien, die zeigen, dass auch diejenigen, die nicht ins Theater gehen, seine Förderung wichtig finden. Aus der englischen Taking-Part-Studie lässt sich hier auch entnehmen, dass es bei der Unterstützung von öffentlicher Kulturförderung wenig Unterschiede bezüglich des sozioökonomischen Status oder der formalen Bildung gibt. Allerdings zeigen die Studien aus beiden Ländern auch: Unter den Jüngeren nimmt die Zustimmung ab. Gleichzeitig geben diese häufiger an, dass sich Theater nicht an sie richte.
7. Fehlendes Interesse und fehlende Zeit in allen drei Ländern primäre Barrieren, zunehmender Wunsch nach Bekanntem und leichten Stoffen
In der Eurobarometer-Studie von 2013 werden die Barrieren eines fehlenden Interesses, fehlender Zeit und zu teurer Eintrittspreise in der gleichen Reihenfolge genannt. Als neu hinzugekommener Hinderungsgrund für Theaterbesuche wird in deutschen und französischen Studien der Gewohnheitsverlust genannt. In England wird als aktuelles Kriterium für weniger Kulturnutzung vor allem die gestiegenen Lebenshaltungskosten genannt.
Neben der Erwartung, unterhalten zu werden, werden in den deutschen Bevölkerungsbefragungen außerdem Preise für niedrigschwelligen Zugang und Angebote für Kinder und Jugendliche als Prioritäten genannt. Die Erkenntnisse aus den englischen und deutschen Studien zeigen, dass es bezüglich der Erwartungen Altersunterschiede gibt: Für Jüngere sind die Haltung der Kultureinrichtungen zu politischen und sozialen Fragen, aktives Partizipieren und das Teilnehmen mit Gleichaltrigen wichtiger als für Ältere.

















