Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Hundert Blicke – Frie Leysen holt die Welt nach Berlin (10/2012)
Wahrscheinlich widerspricht es allen Gepflogenheiten eines Editorials, den Blick zuerst auf den Magazinteil zu lenken. Gestatten wir uns trotzdem diese Freiheit. In kirschs kontexte listet ihr Autor Formulierungen auf, mit denen Judith Butler für die Verleihung des Adorno-Preises geschmäht wurde. Das einhellige Bashing der Konsens- und Überwältigungsmaschinerie gilt der US-amerikanischen Philosophin, weil sie sich mit kritischen Äußerungen gegenüber Israel nicht zurückhält. Wir erinnern uns, wie es vor einigen Monaten Literaturnobelpreisträger Günter Grass erging. Dasselbe Verfahren. Dieselbe Kerbe. Dass der verwalteten Welt Momente des Totalitären anhaften, hat uns Adorno gelehrt, ebenso dass es unter allen Umständen jenes Nicht-Identische zu verteidigen gilt, das Foucault unter dem Namen des Heteronomen bekannt machte. Die Attacken der Meinungswächter richten sich also gegen das Denken selbst.
Was aber ist los mit dem Theater in Israel? Der Theaterwissenschaftler Gad Kaynar von der Universität Tel Aviv kann im Gegenwartstheater kaum noch „Spuren jener selbstkritischen Haltung ausmachen, die in den Dokudramen der 1970er bis 1990er Jahre von Joshua Sobol, Moti Lerner, Hanoch Levin, Hillel Mittelpunkt und anderen Schriftstellern zu finden war. Damals setzte man sich mit dem sinnlosen Teufelskreis von Mord und Rache im Nahen Osten auseinander.“ Dem Ende des politischen Theaters stehen einige exzeptionelle, wenn nicht gruselige Stücke gegenüber. Genannt sei nur Gilad Evrons „Ulysses on Bottles“, die Geschichte eines palästinensischen Literaturlehrers, der sein Leben riskiert, um Romane von Dostojewski in die Gazazone zu schmuggeln, und damit die Geschichte jener jüdischen Heroen fortsetzt, die Gleiches in anderen Ghettos und Lagern taten. Unbedingt nachspielen. Im Gespräch mit Sebastian Kirsch gibt Yael Ronen ihrer Unsicherheit sowohl hinsichtlich der Möglichkeit eines anstehenden Militärschlags gegen den Iran wie einer Einschätzung des Arabischen Frühlings Ausdruck und verweist auf das Konkrete: „die Proteste gegen die steigenden Lebenshaltungskosten und gegen die schlechte finanzielle Situation“.
Woran es mangelt, ist nicht der eine korrekte oder unkorrekte Durchblick, sondern das Polyperspektivische einer mehr und mehr multipolaren Welt. Dem will Frie Leysen mit ihrem Festivalkonzept Foreign Affairs abhelfen, indem sie die westlich monopolisierten Sichtweisen unseres Heute aufbricht. „Es gibt den Kolonialismus nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit“, erklärt sie gegenüber Frank Raddatz und macht damit darauf aufmerksam, wo die antiimperialistischen Kampflinien der Gegenwart verlaufen. Der Linearität als Ausdruck von Herrschaft setzte John Cage die scheinbare Willkür des Würfels entgegen. Bei seiner Durchdringung von Heiner Goebbels’ Inszenierung „Europeras 1 & 2“ bei der Ruhrtriennale verfolgt Sebastian Kirsch, wie Cages „Partitur“ Fragmente aus 128 europäischen Opern nach dem Zufallsgesetz aus dem chinesischen Orakelbuch „I Ging“ schichtet. „Das Wunder ist, dass dabei gerade kein formloses Chaos entsteht, sondern eine neue Form, in der sich die Einzelpartikel zu einem unendlich feinen, differenzierten Gebilde verbinden, ohne dass eines den Führungsanspruch übernehmen würde. Anstelle der vertikalen Pyramide, in der die Künste je nach ihrem repräsentativen Zweck angeordnet sind, entsteht eine horizontale Fläche, auf der diese Künste zu tanzen beginnen.“
Als Tanzplatz lässt sich auch jene Durchmischung musealer und performativer Räume begreifen, die das Museum Folkwang derzeit im Rahmen der Ruhrtriennale unter dem Titel „12 Rooms“ ausstellt. Ein Streifzug von Ute Müller-Tischler. Weniger getanzt als im alten Kolonialstil marschiert wird dagegen in Edinburgh, wohin es Lena Schneider verschlug: „Das Royal Edinburgh Military Tattoo, diese gewaltige Militärparade, ist die kommerziell erfolgreichste Show des Festivalsommers (…). Im Tattoo-Programm kann man lesen, wo die britischen Regimenter zuletzt stationiert waren. Irak, Kosovo, Afghanistan.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer ein Hinweis auf Dorte Lena Eilers’ Porträt des Schauspielers Charly Hübner, der „ein sehr dämonisches Bild des Menschen in unserer Zeit“ liefert. Am Dämonischen der Zeitläufe scheint sich wenig zu verändern, gut ist nur, darum zu wissen und das mit massenmedialem Bedacht Verdrängte immer wieder in den Blick zu rücken. Wir haben es versucht. //
Die Redaktion
















