Theater der Zeit

Auftritt

Theater Baden-Baden: Männer erobern die weiblichen Narrative

„Lyonesse“ von Penelope Skinner, übersetzt von Katharina Pütter (DSE) – Regie Constanze Hörlin, Bühne und Kostüme Christian Blechschmidt, Musik Hannes Strobl

von Elisabeth Maier

Erschienen in: Theater der Zeit: Florentina Holzinger – Performing Power (04/2025)

Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Constanze Hörlin Theater Baden-Baden

Müssen es immer Männer sein, die Geschichten über Frauen erzählen? Constanze Hörlin inszeniert Penelope Skinners „Lyonesse“ am Theater Baden-Baden.
Müssen es immer Männer sein, die Geschichten über Frauen erzählen? Constanze Hörlin inszeniert Penelope Skinners „Lyonesse“ am Theater Baden-Baden. Foto: Jochen Klenk

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Viele Geschichten von Frauen bleiben unerzählt. Daran hat auch die #meetoo-Bewegung nicht viel geändert. Die Narrative werden von Männern bestimmt. Die britische Autorin Penelope Skinner wechselt die Perspektive. Sie gibt den Frauen eine Stimme. In ihrem neuen Stück „Lyonesse“, verfällt sie dabei nicht in unreflektiertes Bashing. Doch ihre Botschaft ist klar: Dass die Frauen ihr Potenzial nicht entfalten können, liegt auch an ihnen selbst. Constanze Hörlin hat diese kritische Selbstreflexion am Theater Baden-Baden mit viel Feingefühl umgesetzt. Differenziert schaut sie auf die Flucht der Frauen in eine Traumwelt.

Skinner, geboren im Jahr 1978, nimmt dem Thema dabei seine Schwere. In der schnell getakteten Übersetzung von Katharina Pütter dürfen die Frauen auch über sich selbst lachen. Regisseurin Hörlin geht mit ihren Geschlechtsgenossinnen kritisch ins Gericht. Dabei werden die strukturellen Barrieren, die Frauen am Vorankommen hindern, nicht verwischt. Zum Beispiel: Kommen Kinder ins Spiel, mutiert selbst der lauteste Frauenversteher zum Macho. Das erlebt Kate, die Mutter geworden ist und wieder in den Beruf einsteigen will. Ihre Produktionsfirma „Lilith Entertainment“ hat sich auf Filme spezialisiert, die Geschichten von Frauen erzählen. Lisa Schwarzer stattet die junge Frau, die ihren Beruf mit Liebe und Leidenschaft ausfüllt, mit viel Kraft aus. Das Prinzessinnen-Kleidchen, in dem sie sich im Job behaupten will, steht dazu im krassen, optischen Gegensatz. Diesen Konflikt zeigt Schwarzer in der schwierigen Rolle überzeugend. Daheim macht ihr Ehemann Greg zwar ab und zu mal die Wäsche. Aber der vermeintlich fortschrittliche Filmregisseur wünscht sich ein „Heimchen“ am Herd. Kilian Bierwirth trägt die Doppelmoral seiner Rolle lustvoll zur Schau. Knallhart ist auch Kates Chefin Sue. Sie hat sich in der Branche als Frau durchgeboxt, dabei viele Blessuren erlitten. Nicole Kersten raubt der Figur jegliches Mitgefühl. Die riesige Statue eines goldenen Löwen steht in ihrem Büro. Im knallharten Filmgeschäft muss jede funktionieren, koste es, was es wolle.

Obwohl Kate die Kinderbetreuung nicht regeln kann, nimmt sie den Auftrag ihrer Chefin an, die Schauspielerin Elaine zu besuchen, um mit ihr ein Filmprojekt durchzuziehen. Zurückgezogen lebt sie am Meer. Ihr verfallenes Häuschen nennt sie nach dem versunkenen Eiland „Lyonesse“. Ausstatter Christian Blechschmidt beweist bei den Kostümen wie auch beim Bühnenbild ein Händchen für Symbole. Ausgestopfte Vögel erinnern die abgetakelte Schauspielerin an eine bessere Zeit. Nadine Kettler gelingt ein großes Porträt der gebrochenen Frau, die in ihren Träumen lebt. „Lyonesse“ ist das Reich des Ritters Tristan aus der britischen Mythologie. Für Elaine ist der Traumraum, dem der englische Dichter Thomas Hardy in Gedicht gewidmet hat, ein Zufluchtsort.

Anfangs kauert Elaine verzweifelt in einem Kanarienvogel-Kostüm, das peinlich wirkt. Als Kate in ihr Leben tritt, wird sie zur Diva und streift noch einmal ein Glitzerkleid über. Blechschmidts Kostüme charakterisieren Rollen und Gemütszustände stark. Klangkaskaden des Komponisten Hannes Strobl geleiten die zwei Frauen in eine Welt der Fantasie, die am Ende zerplatzen wird. Diese radikale Desillusionierung kann auch die pragmatische Nachbarin Chris nicht abwenden, die Elaine mit Lebenslügen stützt. Catharina Kottmeier findet viel Wortwitz in ihrer Figur.

Am Ende zeichnet Penelope Skinner ein düsteres Bild vom vermeintlichen Aufbruch ihrer Frauen. Die Lebensträume, die sie gemeinsam gefunden haben, sind schnell verpufft. Dabei konstruiert die Britin am Ende ein allzu irrwitziges Konstrukt. Ein Mann soll Elaines Lebensgeschichte erzählen. Und dass sie Opfer eines mächtigen Regisseurs wurde, der sich an ihr vergangen hat, interessiert keinen und keine mehr. Trotz der drastischen Überzeichnungen, die Penelope Skinners Botschaft schwächen, reißt die Autorin spannende Diskurse auf.

Denn die Frauen, die sich von Männern einschüchtern und demütigen lassen, hätten durchaus eine Alternative. Und die liegt nicht in einem verfallenden Fischerhäuschen, sondern darin, sich mutig und beherzt den Herausforderungen zu stellen. Dieses Dilemma der Frauen zeigt Constanze Hörlins Regie ebenso überzeugend wie schonungslos. Am Ende sind es wieder die Männer, die Frauengeschichten erzählen. Und die Ideale der Frauenbewegung verpuffen in Kompromissen junger wie auch älterer Generationen.

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