Theater der Zeit

Auftritt

Düsseldorfer Schauspielhaus: Horror in Pink

„Bernarda Albas Haus“ von Alice Birch nach Federico García Lorca – Regie Lucia Bihler, Bühne Pia Maria Mackert, Kostüm Victoria Behr, Komposition und Sounddesign Fabian Kalker

von Stefan Keim

Assoziationen: Nordrhein-Westfalen Theaterkritiken Lucia Bihler Düsseldorfer Schauspielhaus

Bernarda und ihre zur Kindlichkeit gezwungenen Töchter.
Bernarda und ihre zur Kindlichkeit gezwungenen Töchter.Foto: Matthias Horn

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Auf der abendlich dunklen Bühne steht ein Haus. Das Vogelzwitschern von der Tonspur wirkt etwas verfremdet, leise schleicht sich ein Gefühl der Bedrohung ins Bild, wie in einem Geisterfilm. Wie im Kino wird der Titel eingeblendet: „Bernarda Albas Haus“. Eine Beerdigungsprozession nähert sich einem blattlosen Baum. Eine in Schwarz gekleidete Frau trägt eine Urne, dahinter laufen in einer Reihe im Gleichschritt junge Frauen mit gelben Röcken, weißen Strümpfen und Schleifen im Haar. Eine alte Dame wird von einer hageren Frau gestützt. Bernarda Alba trägt ihren Mann zu Grabe. Und verkündet danach, dass nun acht Jahre Trauerzeit herrsche, in denen jede Freude aus dem Haus verbannt bleibe. Ihre Töchter erstarren, die Großmutter protestiert laut. Aber ihre Aufpasserin bringt sie zum Schweigen.

Lucia Bihler inszeniert im Düsseldorfer Schauspielhaus großes Kino. Das Haus fährt nach vorn, dreht sich, nun schaut das Publikum in sein Inneres. Im Erdgeschoss befindet sich der Schlafsaal der Töchter, oben das Zimmer der Großmutter und ein Raum mit Blick auf den Garten. Die Tapeten sind pink, die ganze Einrichtung erinnert an ein Puppenhaus. Bernarda und ihre Töchter sind perfekt geschminkt, bewegen sich oft in einstudierten Choreografien. Alles soll kontrolliert, ritualisiert, ohne Überraschungen ablaufen. Ein lebloses Leben.

Alice Birch hat das 90 Jahre alte Stück von Federico García Lorca aktualisiert, zugespitzt und mit neuen Handlungswendungen versehen. Bernarda nutzt den Tod ihres Mannes nicht, um sich neu zu orientieren. Im Gegenteil, ihr einziges Ziel besteht darin, die patriarchale Herrschaft auch in Abwesenheit der Männer fortzuschreiben. Ob sie Angst vor einem selbstbestimmten Leben hat, bleibt unklar, so tief schaut niemand in sie hinein. Die älteste Tochter – bereits 39 – soll verheiratet werden. Doch auf den attraktiven Pepe, der im Unterhemd um das Haus schleicht, sind alle Töchter scharf. Weil sie keine Möglichkeit haben, ihre körperlichen Bedürfnisse auszuleben und einander denunzieren, wenn mal eine die Hand unter der Bettdecke hat, kommt es zur Explosion.

Dieses Stück ist alles andere als empowernder Feminismus. Auch wenn die Männer fast abwesend sind, bleiben sie das Objekt der Begierde. Es gibt keine Solidarität zwischen den Frauen, nur Kampf, Gewalt, Neid. „Eine Tochter, die nicht mehr gehorcht“, sagt Bernarda Alba, „ist nicht länger eine Tochter. Sie wird zu deinem Feind, und das ist allein ihre Entscheidung.“ Diese menschenfeindliche Grundeinstellung hat sie ihren Töchtern eingeimpft. Mitleidlos belauern alle einander in toxischer Weiblichkeit.

Lucia Bihler geht in ihrer Inszenierung nicht an die Grenzen. Die Bilder, die sie findet, sind zwar eindrücklich, bleiben aber verdaubar. Grandios agiert das Düsseldorfer Ensemble. Hart und gnadenlos Friederike Wagner als Bernarda, verzweifelt um ihre letzte Chance kämpfend Kotti Yun als älteste Tochter, im Rausch der Begierde lodernd Paulina Alpen als die Jüngste. Dazwischen Claudia Hübbecker als Dienerin La Poncia, Tochter einer Prostituierten, deren Lebenstraum es wahrhaftig ist, nach Jahrzehnten im Haushalt als Teil dieser furchtbaren Familie anerkannt zu werden. Vielleicht ist sie sogar der traurigste Charakter dieser düsteren Geschichte.

Bernarda Albas gruseliges Haus in der Düsseldorfer Inszenierung von Lucia Bihler.Foto: Matthias Horn

Doch der Star des Abends ist das Bühnenbild. Wie Pia Maria Mackert das beeindruckende Landhaus über die Bühne bewegt, Räume öffnet und verengt, die Möglichkeit eines Ausbruchs andeutet und wieder verschließt – das ist einfach großartig. Das Volkslied „Wenn ich ein Vöglein wär“ zieht sich als Leitmotiv durch den Abend, die Hoffnung, dass es ein anderes Leben geben könnte, ist nicht totzukriegen. Doch gerade sie führt ins Verderben. Ein starker Beitrag zum Start der neuen Intendanz von Andreas Karlaganis am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Erschienen am 25.9.2026

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