Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Glanz und Elend – Shenja Lacher und das Ensemble-Netzwerk über die Zustände am Stadttheater (10/2016)

Oktober 2016. Die Theater öffnen wieder ihre Tore, die Spielzeiten beginnen, das Publikum strömt in die Säle, setzt sich und seufzt beruhigt, dass jetzt andere auf der Bühne reden, spielen, rennen, turnen, lachen, weinen. Im besten Falle funktioniert der Bühnenzauber, und die Zuschauer sind ebenfalls wie verzaubert. Das meint eine „schöne Vorstellung“, nicht nur die gemütlichen Sessel, sondern einen Funken der Fantasie, der überspringt. Doch das Theater ist nicht nur schöner Schein, sondern auch harte Realität. Hinter den Kulissen haben die Angestellten im Theater mit Strukturen zu kämpfen, die auch anderen Arbeitnehmern in Deutschland nicht unbekannt sein dürften: Niedriglohn, Überstunden, Zeitmangel, Druck, Stress, Erschöpfung. Das stört in diesem Falle aber auch die schöne Vorstellung – der dem Alltag enthobenen Kunst.

Einige Schauspieler, die für die Kunst auf der Bühne mit ihrem Körper einstehen müssen, machen ihren Unmut jetzt öffentlich. Der Schauspieler Shenja Lacher hat seinen Vertrag am Münchner Residenztheater nicht verlängert. In einem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichten Interview begründete er seine Entscheidung, kritisierte die Arbeitsbedingungen am Theater und die Rolle der Intendanten. Lisa Jopt gründete Anfang des Jahres 2015 mit anderen Schauspielern das Ensemble-Netzwerk, das unter dem Motto „You Are Not Alone“ angetreten ist, die Interessen der Schauspielerinnen und Schauspieler zu vertreten. Auch Johannes Lange engagiert sich im Ensemble-Netzwerk. Dorte Lena Eilers und Jakob Hayner sprechen mit den dreien über das Theater, die Kunst, den Betrieb – und die Dinge, die sich ändern sollten. Den Schwerpunkt komplettieren ein Bericht vom Theatertreffen der deutschsprachigen Schauspielstudierenden in Bern von Nicole Gronemeyer und ein Kommentar zur Schauspielausbildung von Susanne Winnacker, der Rektorin der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Unser Kolumnist Josef Bierbichler macht sich zu einem ihm rätselhaften Vorgang Gedanken, die wiederum andere Gedanken nach sich ziehen.

Am 20. Oktober wird Elfriede Jelinek 70 Jahre alt. Wir gratulieren ihr mit einem Interview zum Geburtstag, das Jakob Hayner mit Nicolas Stemann führte, der so viel wie kein anderer Regisseur mit Texten von Jelinek gearbeitet hat. „Ich habe momentan gar keine Lust, etwas anderes zu machen“, sagt Stemann. Das könnte wohl, hat man den Eindruck, auch Wolfram Koch sagen. Der 54-Jährige lebt für das Theater. Er arbeitete mit Dimiter Gotscheff, spielt zurzeit bei Herbert Fritsch und schätzt das Absurde und Sinnferne auf der Bühne. Gunnar Decker hat Wolfram Koch getroffen.

Beim Kunstfest in Weimar zeigt Robert Schuster seine neueste Inszenierung „KULA – nach Europa“, ein Requiem auf eine Idee im Zerfall. Was bleibt von Europa? Und was könnte eine mögliche Zukunft sein? Über das Ende der Welt, wie wir sie kennen, gibt er im Gespräch Auskunft. Die neu ausgerichtete Wiesbaden Biennale steht unter dem Motto „This is not Europe“. Im Rahmen von „Asyl des müden Europäers“ beerdigt der Künstler Dries Verhoeven jeden Tag eine sterbende Idee. Was bleibt? Shirin Sojitrawalla berichtet, was es in Wiesbaden zu sehen gibt und wie sich die Biennale mit der neuen Intendanz verändert hat.

Das Künstlerinsert ist in dieser Ausgabe dem Fotografen Daniel Josefsohn gewidmet, der am 13. August dieses Jahres in Berlin verstarb. Josefsohn arbeitete unter anderem für die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Auf dem Titel der Ausgabe Juni 2015 von Theater der Zeit war eine Fotografie von Josefsohn zu sehen, auf der ein Hubschrauber mit dem Emblem der Volksbühne Richtung Horizont verschwindet; die Ausgabe befasste sich unter dem Titel „Hasta la Vista“ mit der Neubesetzung der Intendanz der Volksbühne. Zuletzt hat Daniel Josefsohn ein Projekt bei der diesjährigen Ruhrtriennale geleitet, Titel: „Bude Bett Bargeld“. Wir veröffentlichen seine letzten Arbeiten.

Noch ein Hinweis in eigener Sache: Bis zum 15. November führen wir eine Leserumfrage durch, um das Angebot von Theater der Zeit weiter zu verbessern. Wir möchten Sie einladen, an der Umfrage teilzunehmen, sie ist unter www.theaterderzeit.de/umfrage/ abrufbar. //

Die Redaktion

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