Auftritt
Schauspiel Essen: Mord ohne Grund
„The Lottery“ von Shirley Jackson in einer Übersetzung von Karen Witthuhn (DSE) – Regie Marie Schleef, Bühne Ji Hyung Nam, Kostüm, Lina Oanh Ngyén, Sound Richard Janssen
von Stefan Keim
Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Marie Schleef Schauspiel Essen

Die Geschichte ist kurz, ihre Wirkung enorm. In „The Lottery“ erzählt die US-Autorin Shirley Jackson von einem seltsamen Ritual. Die Bewohner:innen eines Dorfes treffen sich auf einem Platz und ziehen Lose. Am Ende wird ein Mensch getötet. Den Grund dafür weiß niemand. Das war irgendwie immer so, und Schriften, die vielleicht eine Erklärung liefern, sind verloren gegangen. Es handelt sich auch keineswegs um ein abgelegenes Dorf in der Wildnis. Die anderen Ortschaften drumherum machen genau dasselbe. Gewalt ohne Grund – das verstört. Das Schauspiel Essen bringt die 1948 erstmals erschienene Kurzgeschichte nun in einer ungewöhnlichen Ästhetik auf die Bühne.
Das Ensemble agiert schweigend und in Zeitlupe. Text kommt ausschließlich aus einem Lautsprecher. Zunächst führt Shirley Jacksons Sohn akustisch durch das Wohnhaus seiner Mutter. Dann spricht die Autorin selbst in einer Aufnahme aus dem Jahr 1960. Passend zu ihrem Schreibstil liest sie eher monoton, legt keine besonderen Emotionen in die Worte. Die Kurzgeschichte wirkt manchmal wie ein Protokoll der Ereignisse, die Figuren bekommen keine Psychologie. „The Lottery“ ist ein Gleichnis.
Die Bühne von Ji Hyung Nam besteht aus blassbunten Klötzen, die an verblichenes, gebrauchtes Kinderspielzeug erinnern. Darin finden sich konkrete Objekte: Ein Pavillon mit Säulen in der Mitte ist der Ort des Rituals. Kinder sammeln Steine und bilden kleine Haufen damit. Die Statue eines kopflosen Engels deutet an, dass die Handlung keinen guten Verlauf nehmen wird. Darin bewegen sich Ensemble und Statisterie in slow motion, verdoppeln manchmal das Erzählte, manchmal nicht. Die Mimik bleibt undurchschaubar.
Viele ästhetische Grundideen erinnern an das Theater von Suzanne Kennedy. Mit ihr hat Marie Schleef viel zusammengearbeitet. Der ruhige Rhythmus, der auch vom zurückhaltenden Soundtrack von Richard Janssen befördert wird, passt zur Erzählung. Die Aufführung gibt Raum zum Mitdenken und Assoziieren. Und da sie nur gut eine Stunde dauert, stellt sich auch keine Langeweile ein.
Shirley Jackson (1916–1965) ist in den USA eine bekannte Autorin. Horrorfans wie ich kennen (und lieben) die Verfilmungen ihres Romans „Spuk in Hill House“. Und zwar nicht nur die packende Netflixserie, sondern auch die in Deutschland unter dem Titel „Bis das Blut gefriert“ bekannte Verfilmung von Robert Wise von 1963. Ein grandioser Schwarz-Weiß-Film ohne Bluteffekte, der Horror entsteht durch Geräusche, Licht, Schnitt und Spiel.
Jackson gilt als Nachfolgerin von Edgar Allan Poe und H. P. Lovecraft, als Meisterin des literarischen Schauers. Ihre Kurzgeschichte „The Lottery“ wurde an vielen Schulen in den USA gelesen, allerdings auch häufig für den Unterricht verboten. Der Deutungsspielraum erscheint den Zensoren wohl zu groß. Das Ritual könnte religionskritisch gemeint sein, die Akzeptanz des sinnlosen Mords erschreckt. Es ist kein Gott oder kein Monster zu erkennen, das besänftigt werden müsste. Der Mensch selbst ist des Menschen Wolf.
Kleine Andeutungen in der Inszenierung spiegeln das wachsende Grauen. Erst wird die Familie des Opfers ausgelost, dann entschieden, wer konkret getötet wird. Als die Kinder ein Los ohne schwarzen Punkt ziehen, freuen sie sich ganz offen. Dass jemand von den Eltern dran glauben muss, scheint ihnen nicht so wichtig zu sein. „The Lottery“ ist ein gnadenloser und auf subtile Weise erschreckender Blick auf das Wesen des Menschen. Spannend wird, ob und wie das Essener Publikum die Aufführung annimmt. Eigentlich sieht man solche Inszenierungen auf internationalen Festivals, selten im Spielplan eines Stadttheaters.
Erschienen am 3.3.2026






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