Theater der Zeit

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Vorwort

von Hannah Schünemann

Erschienen in: Recherchen 176: Ultrawelten – Radikale Formsprachen in den Inszenierungen von Susanne Kennedy, Lucia Bihler und Florentina Holzinger (08/2025)

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Die Entstehung meiner ersten Ideen zur vorliegenden Studie liegt inzwischen mehr als sechs Jahre zurück. Im Laufe deren Ausarbeitung haben sich die Fragestellung und Perspektivierung meiner Thesen in verschiedener Hinsicht verändert. Von Anfang an standen jedoch die Namen der drei Künstlerinnen fest, deren Inszenierungsästhetiken und -techniken mich dadurch faszinierten, dass sie auf radikale Weise über den Status Quo des deutschsprachigen Theaters hinausgelangen. Es waren die drei Künstlerinnen, ihre Teams und die Welten, die sie gemeinsam auf die Bühne bringen, welche den Ausschlag für meine Suche nach Begriffen und Beschreibungsformeln für einen prägnanten und doch noch schwer zu fassenden Wandel im Gegenwartstheater gaben.

Susanne Kennedys, Lucia Bihlers und Florentina Holzingers Inszenierungen bahnen sich seit den 2010er Jahren nach und nach ihren Weg auf die Bühnen des deutschsprachigen Theaters. Doch auch noch 2019 waren ihre Ästhetiken in jeweils spezifischer Weise Ausnahmeerscheinungen oder wurden zumindest als solche markiert. In Anbetracht ihrer überdurchschnittlich erfolgreichen Karrieren in den letzten Jahren darf ich die Auswahl der drei Künstlerinnen – mit den Worten meiner geschätzten Doktormutter Prof. Dr. Doris Kolesch – wohl als gelungene Wette auf die Zukunft bezeichnen. Auch seit der Einreichung meiner Dissertationsschrift im September 2024 haben sich Kennedy, Bihler und Holzinger weiterhin nachhaltig in das Bewusstsein des Gegenwartstheaters eingeschrieben:

Lucia Bihler, die noch vor ein paar Jahren recht am Anfang ihrer Laufbahn stand, ist längst auf den großen Bühnen der deutschsprachigen Theaterlandschaft angelangt. Im Herbst 2024 wurde sie für den Nestroy-Theaterpreis nominiert. Florentina Holzinger, vor nicht allzu langer Zeit noch Geheimtipp für hartgesottene Freie-Szene-Expert:innen, erhielt jüngst ihre dritte Einladung zum Berliner Theatertreffen. Im Januar dieses Jahres wurde bekannt gegeben, dass sie den österreichischen Pavillon auf der 61. Venedig Biennale 2026 bespielen wird. Susanne Kennedy war 2019 zwar bereits preisgekrönte Stimme im Theater, wurde jedoch vielerseits noch immer mit dem Stempel einer eher nischigen Radikalkünstlerin bedacht, obgleich ihre Ästhetik das Theater längst nachhaltig prägte. Ihre Vorreiterfunktion für eine neue Theatergeneration bildet sich nicht nur im Titel meiner Arbeit ab, sondern ist nun endlich auch feuilleton­fähig geworden.

Im Januar dieses Jahres erschien ein Artikel mit dem Titel Regiefrauen unter Einfluss. Wie Susanne Kennedys frühe Ästhetik stilprägend wurde. Der Journalist Janis El-Bira spürt darin der Vorbildfunktion des Kennedys’schen Theaters für eine junge, weiblich gelesene Regiegeneration nach. Die Beschreibung von Kennedys Ästhetik versieht er in diesem Zuge mit Attributen wie Beherrschung, Kontrolle, Zurichtung und fügt hinzu:

Da kann man nur staunen. Und gestaunt haben damals eben auch viele darüber, dass ausgerechnet ein solches Theater von einer Frau kommen sollte. So grimmig, gleichzeitig so kühl, sarkastisch, selbstbewusst und vor allem so meisterlich beherrscht – das schien vielen noch immer Männersache zu sein. Auch damit hat Susanne Kennedy Schluss gemacht und ist so für junge Regisseurinnen nicht nur ästhetisch, sondern auch innerbetrieblich ein Vorbild geworden. In der Folge haben gerade bei den Frauen die ›starken Handschriften‹ zugenommen, die großen ästhetischen ›Setzungen‹, radikalen Konzepte und Entwürfe.1

Obgleich der Zusammenhang von Kennedys Genderzugehörigkeit mit dem prägnanten ästhetischen Wandel, den sie dem Theater geschenkt hat, sicher keinem Zufall geschuldet ist, fällt doch auf, dass daraus auch noch in El-Biras Betrachtungsweise eine eingefärbte Lesart resultiert: Meisterlichkeit, Selbstbewusstsein, Vorbildcharakter starker künstlerischer Handschriften – und wohl besonders der weiblich gelesenen unter ihnen – bleiben einer Ästhetik des Schocks, die im 20. Jahrhundert Konjunktur hatte, verpflichtet und scheinen in der Folge recht automatisch ein Verständnis von Radikalität zu provozieren, das mit Begriffen wie Brutalität und Distanz mehr gemein hat als mit solchen wie Zuwendung und Nähe.

Ende 2024 brachten Florentina Holzinger und ihr Team ihre erste Oper auf die Bühne: SANCTA löste eine geradezu groteske Skandalisierung der Inszenierung auf Seiten der Presse aus, in deren Visier insbesondere die Schauspielerin Annina Machaz geriet. Machaz spielt in der Oper die Figur des Jesus. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung erzählt sie: »Ich war auf einmal der ›Nackt-Jesus‹ aus der ›Skandal-Oper‹. […] Es wird […] meiner Arbeit nicht gerecht. Es ist überhaupt nicht mein Ziel zu schocken. Mein Jesus ist so ein bisschen ein Business-Jesus, der Visitenkarten verteilt und für alle da sein will.«2 Schock, so die Kuratorin Helen Molesworth, sei ein Ausdruck extraordinären Privilegs.3 Folgt man diesem Gedanken, so wäre die Frage nach Schock vielleicht weniger durch die Kunst selbst, sondern durch das Umfeld, das sie rezipiert zu beleuchten. Und so müssten dann nicht nur Holzinger, ebenso wie ihre Kolleginnen Bihler und Kennedy, als Teil einer neuen Generation betrachtet werden, sondern auch das Publikum, für das sie ihre Arbeit machen. Eine Theatergeneration also, die die Privilegshierarchien des deutschsprachigen Theaters viel selbstverständlicher mitverhandelt und die Radikalität von Formsprachen nicht mit Schock, sondern mit Zuwendung und Verantwortung verbindet.

Die folgende Studie stellt den Versuch dar, die virulenten Ästhe­tiken dieser neuen Generation aufmerksam zu entfalten, ihre radikalen Weltentwürfe auf eine Weise zu öffnen, die es erlaubt, sie mit offenen Augen zu begehen. Die Erfolgsrezepte ihres Gegenwartstheaters dürfen nicht vorschnell eingeengt werden – wir werden sie in der Zukunft noch brauchen.

März 2025


1
El-Bira, Janis: »Regiefrauen unter Einfluss. Wie Susanne Kennedys frühe Ästhetik stilprägend wurde«, in: Nachtkritik, 06.01.2025, letzter Zu­griff am 01.04.205, https://www.nachtkritik.de/recherche-debatte/wie-die-aesthetik-susanne-kennedys-stilpraegend-wurde.

2 Adorján, Johanna: »›Es ist nicht mein Ziel zu schocken‹«, in: ­Süddeutsche Zeitung, 21.10.2024, letzter Zugriff am 01.04.2025, https://www.sueddeutsche.de/kultur/opernskandal-annina-machaz-jesus-bild-putin-lux.MSe7gSPhkYeZWgu92DaWfj?reduced=true.

3 Vgl. Molesworth, Helen / Ali, Tariq / Brown, Wendy: »The year in shock«, in: Artforum International, 55 (2016), S. 234-248, S. 234.

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