Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Work, Bitch – Die Regisseurin Pınar Karabulut (03/2019)
Nicht nur bei der Berufung neuer Intendanzen und nicht nur wegen wiederholter personeller Fehlentscheidungen wie zuletzt beim Schauspiel Köln läuft die Debatte über Leitungsstrukturen an Theatern fortgesetzt auf Hochtouren: Forderungen nach mehr Transparenz seitens der kulturpolitischen Entscheidungsträger, nach kuratierten Findungskommissionen und der Offenlegung von Kriterien werden laut, gekoppelt an die Empfehlung von Doppelspitzen, Leitungskollektiven, Frauenpower und so weiter. In der Kritik steht das Theater als patriarchales, autoritäres, weißes und hierarchisches System.
Dass mit dem DAU-Projekt, welches nach der gescheiterten Realisierung in Berlin seine Weltpremiere jetzt in Paris erlebte, mit dem russischen Regisseur Ilya Khrzhanovsky gerade ein autoritär agierender Künstler und ein Kunstwerk mit autoritären Strukturen so viel Aufmerksamkeit für sich generieren konnten, zeigt, wie wenig geklärt die Frage ist, unter welchen Bedingungen Kunst, also auch Theater, entsteht. Unter demokratischen? Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, war in Paris und erfuhr Khrzhanovskys Produktionswelt, Arbeit und Präsentation als ein Kunstwerk neuen Typs, das er als ein Purgatorium versteht: „Es will eine dunkle Läuterungserfahrung mit den Mitteln der Kunst sein – ein seltsames Menschenverwandlungsexperiment, das die Grenzen zwischen Leben und Werk, Produzieren und Konsumieren auflöst.“
Die Kritik an autoritären Strukturen greift aber nicht nur die Institutionen, sondern auch die „Institution“ Regietheater an, bei der sich in der Person des Regisseurs enorm viel Macht vereint. Das thematisiert der neue Schauspielchef am Landestheater Detmold Jan Steinbach gleich in einer seiner ersten Inszenierungen, in Shakespeares „Der Sturm“, in der ein Prospero als selbstherrlicher Theaterchef über eine Bühnen-Insel herrscht und gnadenlos am Ensemble scheitert. Mit Detmold und dem Theater der Altmark in Stendal, an dem Wolf E. Rahlfs als neuer Intendant angetreten ist, stellen Jens Fischer und Gunnar Decker den Neustart zweier Landesbühnen und ihrer federführenden Regisseure vor.
Eine junge Regisseurin wie Pınar Karabulut profitiert nicht nur von den schon spürbaren Veränderungen, die der Kampf für Gleichberechtigung der Geschlechter an den deutschen Bühnen erzielt hat: Sie hat sich diesen Kampf auch auf die Fahnen geschrieben. Da ist sie ganz Kind ihrer Generation, schreibt Martin Krumbholz in seinem Porträt – und zeigt, wie sich diese neue female power in ihren Inszenierungen niederschlägt.
Mit einem Szenenwechsel nach Italien beschleicht einen dennoch der Gedanke, dass die deutschen Probleme nahezu Luxusprobleme sind. „Gegenwärtig ist das italienische Theater im Vergleich zum deutschen auf Dritte-Welt-Niveau“ – so beschreibt Antonio Latella, Regisseur und Intendant der Theaterbiennale in Venedig, die finanziell prekären Arbeitsbedingungen an italienischen Bühnen, die mit dem neuen Haushaltsgesetz weitere Kürzungen zu erwarten haben. In unserem Länderschwerpunkt stellt Peter Kammerer mit dem Teatro delle Albe und dem Teatro Elfo Puccini zwei Ensembles und deren Künstler vor, die unter diesen Bedingungen seit Jahrzehnten ihre individuellen ästhetischen und institutionellen Strategien verfolgen und sich in ihren Arbeiten mit den Problematiken der Gegenwart kurzschließen. So berichtet es auch Renate Klett über die neue Produktion des Teatro delle Albe. Dass es mit Latellas eigener Kompanie stabilemobile oder der Performergruppe Anagoor, deren Produktion „Orestea“ Friederike Felbeck im Mülheimer Theater an der Ruhr gesehen hat, auch immer wieder Neugründungen gibt, lässt hoffen.
Den Auftakt unseres Heftes bildet vielleicht auch deshalb Gunnar Deckers Porträt eines so eigenwilligen Performers, Puppenspielers, Bühnenbildners, Installationskünstlers, Zeichners ... wie Joachim Hamster Damm, der sich jenseits aller Institutionen und im Zusammenspiel seiner Begabungen einen eigenen Kosmos geschaffen hat. Wir haben versucht, ihn in unserem Künstlerinsert abzubilden. //
Die Redaktion
















