Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Das große Kegeln – Zur Machtdebatte am Theater (06/2021)

Wohin rollt die Kugel? Wie viele Figuren werden vom Platz gekegelt? Wer kippt – und wer wackelt nur bedenklich, kann sich nach einer Zitterpartie am Ende aber halten?

Nein, neu ist sie nicht, die Intendant:innendämmerung, die sich am Bühnenhimmel von Karls­ruhe über Düsseldorf bis nach Berlin ausgebreitet hat: Einmal mehr erschüttern Machtmissbrauchs-, Sexismus-, Rassismusvorwürfe die Branche. Hier einer, der zurücktritt, da einer, der aus seinem Vertrag entlassen wird, dort eine, die sich massiver Kritik durch ihre Belegschaft ausgesetzt sieht. Darüber, wie unkünstlerisch-giftig es im House of Arts hinter den Kulissen häufig zugeht, berichteten wir bereits vergangenen Herbst, in einem unserer ersten Hefte der Theatersaison. Wie viel lieber es uns gewesen wäre, die Spielzeit jetzt nicht mit dem gleichen Problem wieder beschließen zu ­müssen, steht außer Frage.

Leben wir in einem Zeitalter gesteigerter Empfindlichkeit – oder hat der geballte Unmut über die Abhängigkeitsverhältnisse, den Druck und die Übergriffigkeiten, der jetzt so kegelkugelgleich durch die Theater rollt, tatsächlich eine neue Qualität? Darüber sprechen wir in unserem Schwerpunkt „Intendant:innendämmerung“ mit dem Schauspieler Michael Klammer, der eine Fronten­verhärtung am Theater beobachtet und erzählt, warum er das Recht auf Fehler für eine wichtige Kulturtechnik hält, sowie mit der Kritikerin und ehemaligen Festivalleiterin Renate Klett, die auf der Folie des ersten, 1980 von ihr initiierten Frauentheaterfestivals in Köln darüber nachdenkt, ob, wo und wie sich der Betrieb in der Zwischenzeit verändert hat. Außerdem haben Martin Müller und Paula Perschke ein Gerichtsverfahren gegen das Maxim Gorki Theater Berlin besucht und verfolgt, wie es nach dem buchstäblich kurzen Prozess in der Causa weiterging.

Einen Gerichtstermin – als Zuschauer – hatte im April auch unser Kolumnist Ralph ­Hammerthaler. Und was unerfreuliche Zirkelschlüsse betrifft, geht es ihm leider wie uns: Hatte er zu Beginn der Saison vom Kampf des be- und geliebten Kreuzberger Kiezbuchladens Kisch & Co. gegen die Mietvertragskündigung durch einen gesichtslosen Immobilienfonds geschrieben, muss er jetzt von dessen trauriger Niederlage berichten. Sollte es ernsthaft jemanden verwundern, dass auch ­Michael Bartschs Kommentar zu einem Spargutachten im Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien den Titel „Alle Jahre wieder“ trägt?

Bloß gut, dass wenigstens der Autor und Theatermacher Boris Nikitin Kapital aus dem Phänomen der Wiederholung schlagen kann – in Form origineller kulturtheoretischer Gedanken, die in seinem hier abgedruckten Stück „Erste Staffel. 20 Jahre Großer Bruder“ ebenso stecken wie in ­seinem ­Gespräch mit Sabine Leucht. Und, apropos Negatives produktiv machen: Auch die dramatischen Entwicklungen auf dem Immobilien- und Mietwohnungsmarkt – siehe Kisch & Co. – wären garantiert noch deprimierender, wenn Gruppen wie die Berliner Guerilla Architects, die wir im Künstler­insert vorstellen, sie nicht ästhetisch-aktivistisch aufarbeiten würden mit ihren innovativen Interventionen ins Stadtbild.

Ein tröstliches Beispiel, dass der Ausbruch aus dem Immergleichen tatsächlich auch gelingen kann, hat immerhin Tom Mustroph zu vermelden: Ausgerechnet Corona hat zu neuartigen Residenzprogrammen für die freien darstellenden Künste geführt, die – wie er an der Basis der Szene herausgefunden hat – wirklich jede Menge frischer Impulse liefern.

Gänzlich unvergleichlich indes ist, worüber Künstlerinnen und Künstler derzeit in Israel nachdenken (müssen). „Unser Traum ist es“, sagt Avraham Oz, Hausregisseur am „ethnisch blinden“ Alfa Theater in Tel Aviv, im Gespräch mit Herwig Lewy über die explosive Lage in Nahost, „dass Fragen der ethnischen Herkunft oder der nationalen Zugehörigkeit aus unserem Leben verschwinden.“ Derzeit ist allerdings das Gegenteil der Fall: Die Eskalation zwischen der radikalislamischen Hamas und dem israelischen Militär erreichten Mitte Mai eine neue Runde. Das Alfa Theater mit seinem jüdisch-­arabischen Ensemble erscheint da wie ein lang ersehnter Ort friedlicher Koexistenz.

Verabschieden müssen wir uns in diesem Heft von dem großen Tänzer und Choreografen ­Ismael Ivo, der im April an Covid-19 verstarb. Für zahllose Kolleginnen und Kollegen, schreibt ­Johannes Odenthal in seinem Nachruf, habe Ivo eine künstlerische Perspektive geschaffen, „die seine Utopie einer Befreiung durch den Körper auch nach seinem Tod fortschreiben werden“. //

Die Redaktion

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